Alte Ideen neu gedacht

Kein Recht ohne Pflicht

Von Isabell Trommer
 - 16:31

Die These von gespaltenen Gesellschaften ist in den vergangenen Jahren zur zentralen Krisendiagnose geworden. Kaum ein politisches Programm kommt dieser Tage ohne den Hinweis aus, der gesellschaftliche Zusammenhalt müsse gestärkt werden. Auf dieser Linie plädiert die Anglistin und Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann in ihrem Buch für einen neuen Gesellschaftsvertrag, um die Spaltung innerhalb Europas seit den Migrationsbewegungen von 2015 zu überwinden. Es geht ihr darum, das Prinzip der Menschenpflichten wieder ins Spiel zu bringen. Darunter fasst sie Tugenden wie Empathie und Respekt gegenüber Mitmenschen, die neben die individuellen Rechte treten und das gesellschaftliche Zusammenleben verbessern sollen. Im Straßenverkehr, im Sport oder in der Musik laufe es ja auch gerade wegen der Regeln rund.

Um die Idee für einen neuen Gesellschaftsvertrag zu illustrieren, holt Assmann, die zu Fragen des kulturellen Gedächtnisses, zu Erinnerungsräumen und Geschichtspolitik wegweisende Bücher verfasst hat, weit aus und bewegt sich von ägyptischen Weisheitslehren über die sieben Werke der Barmherzigkeit bis hin zu Siegfried Kracauers „humanen Tugenden“. Es geht etwa um Regeln

wie Selbstbeherrschung, Bescheidenheit oder um den Schutz der Schwachen.

Anschließend überblickt sie die Geschichte der Menschenrechte, als deren Ergänzung sie die Menschenpflichten denkt. Ende des 18. Jahrhunderts seien Menschenrechte zwar mehrfach deklariert worden, für die praktische Politik seien sie jedoch erst in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts relevant geworden. „Menschenrechte sind transnationale Rechte, die aber nur von demokratischen Staaten garantiert und umgesetzt werden.“ Menschenrechte, möchte man hinzufügen, sind gerade auch Abwehrrecht gegen den Staat. Die Menschenpflichten, an denen Assmann in dem Buch interessiert ist, betreffen hingegen das Verhältnis zu den Mitmenschen. Sie möchte „an die Bedeutung von praktischen Regeln des primitiven Anstands, des zivilen Umgangs und des friedlichen Miteinanders“ erinnern und aufzeigen, dass die Idee der Menschenpflichten „in alle Kulturen und Religionen der Welt zurückreicht“. Die goldene Regel bilde den Kern, sie habe historisch unterschiedliche Ausprägungen gefunden.

Erstaunlich freundlich diskutiert sie die „Thesen zur deutschen Leitkultur“, mit denen Thomas de Maizière im Frühjahr 2017 aufwartete. Darin ist von sozialen Gewohnheiten, Bildung, Leistung und der Kulturnation die Rede. Problematisch sei, dass der vormalige Innenminister Identitäts-, Verfassungs- und Sozialdiskurs miteinander vermenge. Assmann plädiert stattdessen für einen Gesellschaftsvertrag, der sich gleichermaßen an Deutsche und Zuwanderer richtet.

Positiv bezieht sich die Autorin auf die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten, die 1997 von der Initiative InterAction Council, hinter der verschiedene ehemalige Staats- und Regierungschefs stehen, veröffentlicht wurde. Darin werden Prinzipien der Humanität, der Gewaltlosigkeit und der Solidarität genannt, meist eingeleitet durch die Formulierung „Jede Person hat die Pflicht“.

Nun ist es interessant, dass Assmann mit diesem Buch, das auf einer 2016 gehaltenen Vorlesung basiert, die Menschenpflichten wieder in die Diskussion bringt. Eindrucksvoll zeigt sie, dass es sich dabei um eine sehr alte Idee handelt, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Oft steckt jedoch mehr Halbes und Eingeschobenes in Assmanns Buch, als es so ein schmaler Band verkraftet. Das gilt etwa für einen Exkurs zu einer Bach-Kantate, mit dem sie zeigen will, wie die „Grenzen von christlichem Ethos und säkularer Ethik“ verschwimmen.

Während Beispiele aus der christlichen Tradition oder dem alten Ägypten viel Aufmerksamkeit bekommen, fehlt es im Buch manchmal an präziser und philosophischer Begriffsarbeit. Wie etwa unterscheiden sich Weisheiten, Tugenden und Pflichten? Interessant wäre gewesen, das Verhältnis von Menschenrechten und Pflichten genauer zu beleuchten, wie es etwa die britische Philosophin und Politikerin Onora O’Neill tut. Sie gehört zu den Stimmen, die darauf aufmerksam machen, dass Menschenrechte ohne Pflichten nicht zu haben sind. O’Neill denkt Pflichten als das Gegenstück zu den Rechten. Wenn Menschenrechte mehr sein sollen als ein hehres Ziel, müssten wir darüber nachdenken, wer die entsprechenden Pflichten hat.

Tugenden sind eine schöne Sache. Wenn man allerdings auf der Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag ist, bedarf es wohl mehr als einer Erinnerung an die goldene Regel und guten Willens.

Aleida Assmann: Menschenrechte und Menschenpflichten. Auf der Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag. Picus Verlag, Wien 2017. 106 S., 9,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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