Anzeige

BND-Funkaufklärung

Horch, was kommt in Pullach rein?

Von Gregor Schöllgen
 - 10:37
Bundesnachrichtendienst in Pullach am 12. August 2013 Bild: dpa, F.A.Z.

Ursprünglich hatte man etwas anderes im Blick. Als der zuständige Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt und spätere Chef des Bundesnachrichtendienstes BND um die Jahrtausendwende eine Aufarbeitung der Geschichte des Auslandsgeheimdienstes anregte, dachte er an eine Monographie, die zwar aus den Akten gehoben, aber doch ein breites interessiertes Publikum erreichen sollte.

Anzeige

Es kam anders. Dem Trend der Zeit entsprechend, wurde im Frühjahr 2011 auch hier eine Unabhängige Historikerkommission berufen. Sie bestand aus vier Mitgliedern, allesamt ausgewiesene Fachleute auf ihrem Gebiet, und zeitweilig bis zu zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ein Riesenheer von Hilfskräften nicht mitgerechnet. Und am Ende steht auch nicht eine Gesamtdarstellung, sondern eine im Wesentlichen auf die Jahre 1945 bis 1968 beschränkte, aus einer noch nicht genau bekannten Zahl von Veröffentlichungen aller Arten und Formate bestehende Bibliothek. Neben monumentalen Darstellungen wie der für den Herbst angekündigten, mit Spannung erwarteten zweibändigen Biographie des BND-Gründers Reinhard Gehlen aus der Feder von Rolf-Dieter Müller stehen zum Teil thematisch hochspezialisierte Einzeluntersuchungen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass ihre Autoren erstmals umfassenden Zugriff auf die Akten des BND-Archivs sowie „entsprechender Bestände der VS-Registratur des Bundeskanzleramts“, also sogenannter Verschlusssachen hatten.

So formuliert es der Reserveoffizier und Historiker Armin Müller in seiner Darstellung von „Agentenfunk und Funkaufklärung des Bundesnachrichtendienstes“ bis 1968. Weil es sich dabei um eine „sehr komplexe Technologie“ handelt, weil es immer auch um Geräte und Netze, Verschlüsselung und Entzifferung zum Beispiel des „Individuellen Zahlenwurms“ geht, ist der Kreis der Adressaten überschaubar. Die zwangsläufig exzessive Verwendung von Abkürzungen, die ein ständiges Suchen im ausufernden Verzeichnis erforderlich macht, fördert nicht gerade die flüssige Lektüre des trotz alledem gut geschriebenen Buches.

Hinzu kommt, dass einige Stellen durch die Zensur geschwärzt wurden. Die Historikerkommission hatte sich nämlich „verpflichtet, die Manuskripte durch eine Überprüfung seitens des BND auf heute noch relevante Sicherheitsbelange freigeben zu lassen“. Hier bezieht sich das zum Beispiel auf die frühe Registrierung „diplomatischer Sprüche“ im Jahr 1956, also auf einen 60 Jahre zurückliegenden Fall. Die vielseitige, partienweise spannende Darstellung endet mit dem Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei im August 1968. Obgleich es sich um die größte Truppenbewegung in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs handelte, wurde – auch – der BND davon kalt erwischt: „Das ist kein Gerücht, sondern echt!“, hieß es 48 Stunden vor Beginn der Operation in einem Funkspruch aus dem Führungsbereich der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, den der deutsche Auslandsgeheimdienst wohl nur deswegen auffing, weil er unter Bruch der Funkdisziplin unverschlüsselt gesendet wurde.

Anzeige

Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die Leistungsfähigkeit sowohl des Agentenfunks, also der Quellen des BND hinter dem Eisernen Vorhang, als auch der Funkaufklärung, also der Erfassung und Auswertung gegnerischer Kommunikation und Signale durch den Horch- und Peildienst. Eingeschränkt erfolgreich war lediglich die Erfassung und Entzifferung von Diplomatenkommunikation, „die erstmals einen wirklichen Einblick in vertrauliche politische Vorgänge schuf“.

Im Übrigen hatte es der BND mit einem doppelten Handicap zu tun: Die heimische Funkaufklärung brachte ihn in „direkte Konfrontation“ mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz, die Letzteres „für sich entscheiden konnte“. Und die Bundeswehr wiederum wusste den Anspruch des Auslandnachrichtendienstes, die „alleinige militärische Aufklärung des Verteidigungsministeriums“ zu sein, mit Erfolg abzuwehren. Lediglich für den Verteidigungsfall strebte man seit Mitte der fünfziger Jahre eine „volle Integration in die Streitkräfte“ an. Jedenfalls in der Theorie. Ob der BND in diesem Fall allerdings tatsächlich „unter Generalleutnant Gehlen auf Augenhöhe mit Inspekteuren und Korpskommandanten reibungslos in den Streitkräften aufgegangen wäre, ist zu bezweifeln“.

Nach der aus den Quellen gehobenen, für ihr Thema erschöpfenden Darstellung und Analyse Armin Müllers versteht man einmal mehr, warum zum Beispiel die Bundeskanzler mehr oder weniger ausnahmslos der Ansicht waren, dass die Lektüre der Zeitungen mitunter weiter führe als das Studium der Berichte des BND. Denn der blieb „in seinem Wirken in den untersuchten Teilen die zivile Version eines Lagedienstes“ in der Tradition jener Generalstabsabteilung der Wehrmacht, die während der letzten Kriegsjahre von Reinhard Gehlen geleitet worden war und im Übrigen „immer eine Parallelwelt zur bundesrepublikanischen Gesellschaft“ bildete.

Armin Müller: Wellenkrieg. Agentenfunk und Funkaufklärung des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968. Ch. Links Verlag, Berlin 2017. 416 S., 45,– €.

Einige Zitate aus dem Jahr 1956 ließ der Zensor des BND noch vor der Publikation schwärzen.
Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenPullachBND

Anzeige