Brüder im Geist

Galaktische Republik

Von Justus Bender
 - 12:17

In der Wunderwelt der Science-Fiction-Filme schnurren selbst die Lösungen für die größten zivilisatorischen Probleme auf Glückskeksweisheiten zusammen. „Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite, Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid“, sagt der Jedi-Großmeister Yoda an einer Stelle der Star-Wars-Filme. Yoda bewohnt ein Paralleluniversum, in dem eine Galaktische Republik von fehlgeleiteten Faschisten übernommen wird – und wenige Rebellen ihr Leben einsetzen, um die Republik zu retten. Es geht um Gut gegen Böse. Alles ist im Stile Hollywoods sehr dramatisch, aber auch wohltuend übersichtlich. Laut der österreichischen Extremismusforscherin Julia Ebner ist die Sehnsucht nach solchen Schlichtheiten ein Grund, warum Islamismus und Rechtsextremismus auf viele gerade junge Menschen eine große Anziehungskraft ausüben. Der Traum vom großen, sinnstiftenden Endkampf gegen das Böse. Ebner nennt das den „Star-Wars-Effekt“.

Die Analogie zu Sternenkriegern dient freilich nur der Griffigkeit. Im Kern geht es Ebner in ihrem Buch „Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen“ nicht nur um die Erkenntnis einer Wesensverwandtschaft beider. Sie will auch zeigen, dass Extremisten einander brauchen und sich gegenseitig in ihrem Tun bestärken. „Es gibt deshalb eine Kompatibilität zwischen extremistischen Narrativen, die eine bizarre Symbiose zwischen entgegengesetzten Extremen schaffen.“ Ebner arbeitet am Londoner Institute for Strategic Dialogue, sie verfolgt die Propaganda von Extremisten aller Couleur und belegt ihre Thesen anhand persönlicher Begegnungen. So erfuhr Ebner aus erster Hand, dass Islamisten und Rechtsextreme gleichermaßen der Meinung sind, dass es nur einen Islam gibt, und dass sich dieser im Krieg mit dem Westen befindet. Sie haben als Subkulturen auch einen gemeinsamen Feind: das Establishment. Die Folge, so Ebner, ist eine „wechselseitige Radikalisierung“, die keine Mitte oder Grautöne zulässt, bis hin zu einem von beiden Seiten gewollten Endkampf. Eine Verdichtung der Reihen des Gegners, etwa durch Terroranschläge oder Diskriminierung, wird in dieser Logik nicht nur billigend in Kauf genommen, sie wird geradezu angestrebt. Al-Qaida-Terroristen etwa hatten schon zu Beginn des Jahrhunderts von einem Kalifat und einem totalen Krieg zwischen „Ungläubigen“ und „Gläubigen“ geträumt. Dieser war – laut Zeitplan der Terroristen – für die Jahre 2016 bis 2020 vorgesehen. Die Stärke des Buches besteht in solchen Belegen und Anekdoten wie dem Al-Qaida-Zeitplan auf Seite 82 oder einer Grafik auf Seite 215, in der die Kurven mit der Zahl rechtsextremer und islamistischer Anschläge sich wie Synchronschwimmer bewegen – eine Koinzidenz, die vor dem Hintergrund der übrigen Ausführungen bezeichnend ist.

Es gibt gute Gedanken in Ebners Buch: dass eine Überreaktion auf die islamistische Bedrohung – etwa in Form rechtsextremer Haltungen – dem Kalkül der Terroristen entspricht zum Beispiel. Wem das nicht sehr neu vorkommt, für den ist vielleicht Ebners Analyse der Gründe interessanter, weshalb der Extremismus derzeit eine gewisse Konjunktur erlebt. Sie beschreibt eine globale Identitätskrise, weil die menschliche Identität laut Psychologen auf fünf Säulen beruhe: 1. Körper und Gesundheit; 2. soziales Netz und soziale Interaktion; 3. Arbeit und Leistung; 4. materielle Sicherheit; 5. Werte. Viele dieser Säulen sind laut Ebner vom Zeitgeist bedroht.

1. Mit der Überwindung von körperlichen Einschränkungen sind die Menschen in vielerlei Hinsicht befreit. „Wir können sein, wer immer wir sein wollen, und tun, was immer wir tun wollen“, schreibt Ebner. Die Kehrseite: Wir wissen nicht mehr, wer wir sind. 2. Das Internet ermöglicht Nischen der Identität, die Folge ist, dass junge Menschen oft mehrere Identitäten haben, die sich widersprechen. 3. Durch moderne Technologien verändert sich das Verständnis von Arbeit und Leistung, es kommt zu Identitätsverlusten. 4. Arbeitslosigkeit, Krisen und Verfall vergrößern die Unsicherheit. 5. Ebner schreibt: „Vor allem aber haben ein beschleunigter gesellschaftlicher Wandel, massenhafte Wanderungsbewegungen und der zunehmende Kontakt mit anderen Kulturen bestehende Wertesysteme und kulturelle verwurzelte Ideologien destabilisiert.“ So entstehe ein Wunsch nach „radikaler Veränderung“, die Folge ist auch eine Verödung der politischen Mitte.

Manche Politiker der Mitte bemühten sich als Reaktion um eine griffigere Rhetorik – und verstärkten so den Trend. Ebner bezeichnet solche Versuche, die Krise der Menschen zu überwinden, als „Identitätspolitik“ – und hält sie für einen Irrweg, weil sie die ohnehin vorhandene Identitätskrise verstärkt und in eine auf Extremismus angelegte Bahn lenkt. Hier kommt freilich ein Dilemma zu kurz, vor dem Politiker stehen: Die Weigerung, auf Identitätskrisen zu reagieren, hat sich auch nicht als Erfolgsrezept erwiesen. Ebner schlägt vor, Politiker sollten nach Anschlägen nicht das Spiel der Terroristen spielen, indem sie aus Angst entstandenen Forderungen erfüllen, weil der Terrorismus „selbst keine existenzielle Bedrohung“ für Länder sei, eine Radikalisierung der Politik aber schon. Das könnte sich als Kategorienfehler erweisen: Den Menschen mit Flugangst überzeugt nach Bildern eines katastrophalen Absturzes auch nicht der Verweis auf die allgemeine Statistik. Seine Angst wäre bei dem Gedanken, dass ein Politiker alle Menschen zum Einsteigen in das nächste Flugzeug auffordert, eher größer. Auch der Aufruf, Pseudowissen etwa über den Islam zu bekämpfen, klingt praktikabler, als er ist, wenn sich doch die Pseudowissenden erfahrungsgemäß jeder Belehrung entziehen. Also was tun? Ebner fordert Vertreter der politischen Mitte auf, das Internet als Diskursraum von Trollen und Schlechtrednern zurückzuerobern – womit man schnell wieder bei den Sternenkriegern anlangt: Ist die Aussicht für Menschen mit Identitätskrise, im Internet mit Vernunftappellen aufzufallen, genauso verlockend wie die Wendung zum Radikalismus? Wohl nicht. Vielleicht hätten dem Buch an dieser Stelle mehr Fragezeichen gut getan. Schließlich sollen ja Menschen kritisiert werden, die auf komplexe Fragen einfache Antworten geben. Die Galaxis der Sternenkrieger krankt auch daran, dass sich alle gegenseitig für die absolut Bösen halten.

Julia Ebner: Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen.

wbg Theiss, Darmstadt 2018. 320 S., 19,95 .

Quelle: F.A.Z.
Justus Bender
Redakteur in der Politik.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenIslamistenIslam