Der 9. Mai als Gendenktag

Familienfest als Erinnerungstest?

Von Holger Thünemann
 - 10:09

Nach der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Reims am 7. Mai 1945 und in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai in Berlin-Karlshorst war der Zweite Weltkrieg in Europa beendet. Als die Kapitulation rückwirkend um 23.01 Uhr Berliner Zeit in Kraft trat, hatte in Moskau bereits der nächste Tag begonnen. Anders als in der westlichen Welt ging daher nicht der 8. Mai, sondern der 9. Mai als „Tag des Sieges“ in die sowjetische Geschichte ein. In ihrer Bestandsaufnahme zum 70. Jahrestag des Kriegsendes im postsozialistischen Europa weisen die Herausgeber einleitend darauf hin, dass der „Tag des Sieges“ neben dem Neujahrfest der einzige sowjetische Feiertag sei, „der die Zäsur von 1991 nicht nur überstanden, sondern in der postsowjetischen Zeit und vor allem seit den 2000er Jahren noch an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen“ habe. Gedenktage, so hat Aleida Assmann einmal prägnant formuliert, sind „Denkmäler in der Zeit“. Und als solche sind sie nur scheinbar statisch. Tatsächlich unterliegen sie durch gesellschaftliche und individuelle Initiativen einer komplexen Eigendynamik.

Gedenken wird also nicht nur „von oben“ inszeniert, sondern auch „von unten“ gestaltet. Beide Prozesse sind eng aufeinander bezogen und miteinander verflochten. Dieses komplexe Wechselspiel versuchen die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes, zumeist jüngere Wissenschaftler primär osteuropäischer Herkunft, für das Gedenken in fünf Ländern (Belarus, Deutschland, Estland, Russland, Ukraine) vor allem mit Hilfe ethnographischer Forschungsmethoden zu analysieren. Auf diese Weise entstehen sieben lesenswerte Detailstudien zu oftmals konkurrierenden Praktiken des Gedenkens, die zunehmend Eventcharakter annehmen und zugleich durch Tendenzen der „Individualisierung und Lokalisierung“ geprägt sind.

Jochen Hellbeck, Tetiana Pastushenko und Dmytro Tytarenko befassen sich in ihrem Beitrag mit dem Weltkriegsgedenken in der Ukraine. Angesichts der zwischen Kiew und Moskau ausgetragenen politisch-militärischen Auseinandersetzungen um die Krim hat das Gedenken dort einen völlig neuen geschichtspolitischen Referenzrahmen erhalten und die Bevölkerung in zwei gegensätzliche Lager mit jeweils eigenen Erinnerungssymbolen gespalten. Das Gedenken an die Opfer vergangener Gewalt wurde dabei zugleich zur Legitimationsressource gegenwärtiger Gewaltanwendung.

Ein bemerkenswertes politisches Legitimationspotential entwickelte binnen kurzer Zeit auch die von Azat Bilalutdinov analysierte Gedenkinitiative „Unsterbliches Regiment“. Bei dieser Initiative, die 2012 von einer nichtstaatlichen Gruppe russischer Journalisten aus der Generation der Enkel ins Leben gerufen wurde, handelte es sich anfangs um lokale Gedenkmärsche mit Porträts von Verwandten, die am Krieg teilgenommen hatten. Diese Aktion gewann so schnell an internationaler Resonanz, dass 2015 bereits Hunderttausende Menschen in 15 Ländern daran teilnahmen. Entgegen der ursprünglichen Absicht der Initiatoren wurde der Gedenkmarsch im selben Jahr jedoch auch in den offiziellen Kanon der politischen Feierlichkeiten zum Kriegsende aufgenommen. Außerdem reihte sich am 9. Mai 2015 unerwartet der russische Präsident Putin mit dem Porträt seines Vaters in den Zug des „Unsterblichen Regiments“ ein. Offenbar hatte er nicht nur die emotionale Kraft dieses Rituals, sondern vor allem auch seine politische Relevanz als medientaugliches Symbol vermeintlicher Nähe zwischen Staatsmacht und Bevölkerung mit sicherem strategischem Gespür erkannt.

Besondere Aufmerksamkeit verdient der Beitrag von Micha Gabowitsch, der sich am Beispiel sowjetischer Gedenkorte in Berlin und Wittenberg mit den vielfältigen, transnational verflochtenen Formen des Gedenkens in der deutschen Einwanderungsgesellschaft befasst. Diese Praktiken „auf dem Archipel des sowjetischen Gedenkens in Deutschland“ vollziehen sich zumeist im Schatten offizieller Rituale der Erinnerung an Holocaust und NS-Vergangenheit und werden von den meisten Medien kaum berücksichtigt. Ein Beispiel dafür ist das seit 1996 stattfindende Fest im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, bei dem nicht nur Filme vorgeführt und Podiumsgespräche organisiert, sondern auch Konzerte veranstaltet werden. Den Höhepunkt des Festes bildet regelmäßig der am Vorabend des 9. Mai ausgesprochene „Toast auf den Frieden“, dem in Jubiläumsjahren ein großes Feuerwerk folgt. 2015 nahmen an diesem Fest bereits über 6000 Menschen teil, darunter Reisegruppen aus der ehemaligen Sowjetunion, aber auch russisch- und deutschsprachige Einwohner aus dem Berliner Raum.

Die weitaus größten Feierlichkeiten mit mittlerweile rund 50 000 Besuchern finden dagegen alljährlich im Treptower Park auf dem Gelände des sowjetischen Ehrenmals statt. „Für uns ist das ein persönliches Fest“, ja ein „Familienfest“, so eine junge in Berlin lebende russischsprachige Besucherin, die es für wichtig hält, an den 9. Mai 1945 zu erinnern, „weil es keine Familie auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gibt, in der niemand an der Front gestorben wäre“. Hier geht es also weniger um nationale Sinnstiftung und unreflektierten Heldenmythos, sondern vielmehr um individuelle und familiäre Selbstvergewisserung. Wer sich mit solchen vielfach vollkommen disparaten Gedenkpraktiken, die die Geschichtswissenschaft lange Zeit kaum berücksichtigt hat, intensiver auseinandersetzen will, der wird den Sammelband „Kriegsgedenken als Event“ mit großem Interesse lesen.

Mischa Gabowitsch/Cordula Gdaniec/Ekaterina Makhotina (Herausgeber): Kriegsgedenken als Event. Der 9. Mai 2015 im postsozialistischen Europa. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017. 345 S., 39,90.

Quelle: F.A.Z.
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