Die „Neue Rechte“

Auf dem Rittergut macht das Lesen Wut

Von Eckhard Jesse
 - 09:57

Wer Thomas Wagners Buch liest, fühlt sich an eine Schrift von Claus Leggewie vor 30 Jahren erinnert: „Ausflüge in die Denkfabrik der Wende“, so der Untertitel. Wie Wagner hatte Leggewie intellektuelle Rechte interviewt: fair und ohne denunziatorischen Entrüstungsgestus. Im Gegensatz zu Leggewie verficht Wagner, von 2013 bis 2015 Redakteur der „jungen Welt“, keinen links-libertären, sondern einen dezidiert antiliberal-sozialistischen Standpunkt. Eine seiner Kernthesen lautet, die „Neue Rechte“ (eine überzeugende Definition dieses schwammigen Begriffs bleibt aus) sei eine Reaktion auf die 68er, die inspirierend gewirkt hätten, etwa mit Blick auf die unkonventionellen Methoden, zum Teil auch mit Blick auf inhaltliche Prinzipien wie „antiimperialistische“ Versatzstücke: so die krasse Kritik an der repräsentativen Demokratie, an den manipulierenden Medien und am kalten Kapitalismus schlechthin.

Um eine solche Position zu untermauern, holt der Autor weit aus. Die Denkweise der „Situationisten“ um Dieter Kunzelmann kommt ebenso zur Sprache wie die des „Reaktionärs“ Martin Mosebach. Zu Recht geißelt Wagner den primitiv-enervierenden „Kampf gegen rechts“ mit Diskussionsverboten – aber wieso muss dies ein „Verordnungsliberalismus“ sein? Hier schlägt sein antiliberaler Affekt durch. Der Autor hat auch Alain de Benoist interviewt, den Protagonisten einer „Kulturrevolution von rechts“, Frank Böckelmann, einen einstigen Aktivisten der „Subversiven Aktion“, den Wiener Martin Sellner, wohl den führenden Kopf der „Identitären“, ferner den im Frühjahr 2017 verstorbenen Henning Eichberg, „den“ Nationalrevolutionär Anfang der 1970er Jahre, der als Mitglied der Sozialistischen Volkspartei in Dänemark nun die AfD des „Stacheldrahtnationalismus“ bezichtigt. Dem Autor fällt bei den Interviewten die Kenntnis linker Systemkritik auf, während die andere Seite oft nur die rechten Netzwerke anprangere, ohne deren Argumente in der Sache zu entkräften.

Wagner, mit der Materie gut vertraut, unterlässt Systematik. Diese Sprunghaftigkeit muss für den Leser nicht unbedingt nachteilig sein, wird er doch immer wieder zu anderen Schauplätzen geführt, nach Frankreich (der Verfasser erinnert an den Nationalisten Dominique Venner, der 2013 in der Kathedrale von Notre-Dame Selbstmord beging, wohl aus Protest gegen die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe) wie nach Japan: Yukio Mishima, ein bekannter Dichter aus einem nationalen Milieu, tötete sich 1970 in einem militärischen Hauptquartier auf rituell-spektakuläre Weise mit einem Dolch. Und Antonio Gramsci darf nicht fehlen. Die „Neue Rechte“ wurzele im Konzept der kulturellen Hegemonie des italienischen Kommunisten. Solche antibürgerlichen Personen stoßen in dem charakterisierten Milieu auf Sympathie, wohl selbst bei Wagner.

Heftig attackiert Wagner die Politik der als „neoliberal“ geltenden SPD. Sie verliere so einen Teil ihrer Wählerschaft, vor allem den der sozial Benachteiligten. Zur „dunklen Seite des Liberalismus“ rechnet er Leistungsträger-Ideologien ebenso wie eine verachtenswerte Haltung gegenüber der Arbeiterklasse. Dagegen ist die Kritik an der als „Neue Rechte“ gekennzeichneten Richtung geradezu milde. Rechte Ethnopluralisten und linke Multikulturalisten zeichneten sich jeweils durch die Betonung des Eigenen aus, nicht durch eine des Universalismus. Die mehr angedeutete als entfaltete These, die Erfolge der AfD fußten auf derartigen Ideengebern, trifft nicht zu.

Warum, um Himmels willen, ist auch dieser Autor fixiert auf Götz Kubitschek, den Chef des Verlags Antaios, den Mitbegründer des Instituts für Staatspolitik und den Hauptverantwortlichen der Zweimonatsschrift „Sezession“? Keiner kommt so häufig zu Wort wie der Rittergutsbesitzer im thüringischen Schnellroda und fast keine Person derart oft wie Ellen Kositza, dessen Gemahlin. Kein Wunder, dass sich die rechte Publizistin über den linken Publizisten regelrecht enthusiasmiert zeigt. Der Feind meines Feindes, des „Neoliberalismus“, kann so zu einer Art Freund avancieren.

Wagner geht Kubitschek oft auf den Leim, grätscht ihm nicht dazwischen. So sei dessen Position nicht weit von der Karlheinz Weißmanns entfernt. Wenn Kubitschek äußert, er habe „vielleicht ein Zwanzigstel des Lektürepensums von Weißmann erreicht“, bleibt hinzuzufügen: auch nur ein Zwanzigstel des Schreibpensums. Weißmann ist ein philosophisch geschulter, stark konservativer Intellektueller, Kubitschek ein schwadronierender Provokateur, der Querfrontstrategien verfolgt, ein Freund-Feind-Ideologe, keineswegs „der geistige Vater der Anti-Einwanderungsbewegung“. Der Bruch zwischen ihnen war nicht nur habituell bedingt, wie behauptet, sondern auch politisch. Mit dem Initiator einer „Konservativ-Subversiven Aktion“ konnte Weißmann ungeachtet aller ideologischen Affinitäten immer weniger etwas anfangen.

Des Rezensenten ambivalentes Urteil über dieses ungewöhnliche Buch: Einerseits gefällt die unvoreingenommene Gelassenheit, die jeglicher volkspädagogischen Attitüde widerstreitet und kein Verständnis für die Intoleranz aufbringt, mit der viele, so aus dem Theatermilieu, wie Wagner berichtet, auf das neue Phänomen reagieren. Auch die Kritik an der political correctness, etwa im Sprachgebrauch, leuchtet ein. Andererseits missfällt das mangelnde Nachbohren, erklärbar wohl durch eine gewisse Sympathie des linken Autors mit rechten antibürgerlichen Impulsen. Claus Leggewie wusste mit Nachfragen und klugem Widersprechen zu kontern. Dabei hat Wagner erkannt, die Richtung, über die er mit viel Empathie schreibt, verfüge „mittlerweile über eine Reihe von intelligenten, taktisch versierten und strategisch klugen Köpfen“. Vom demokratischen Verfassungsstaat ist weder bei Wagner noch bei den von ihm Interviewten, allen voran Götz Kubitschek, die Rede. Berühren sich die Ränder vielleicht doch?

Thomas Wagner: Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten. Aufbau Verlag, Berlin 2017. 351 S., 18,95 .

Quelle: F.A.Z.
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