Enric Marco

Selbsterfinder und Lebenslügner

Von Andrea Hopp
 - 09:50

Über 20 Jahre gab sich der Spanier Enric Marco als Häftling Nr. 6448 des deutschen Konzentrationslagers Flossenbürg aus; er sprach in Hunderten Vorträgen in Universitäten, Erwachsenenbildungsstätten, Schulen und andernorts über das, was ihm im Nationalsozialismus widerfahren war. Er erhielt Ehrungen und Auszeichnungen, darunter den höchsten zivilen Orden der katalanischen Regierung, das Sankt-Georgs-Kreuz. Am 27. Januar 2005, als das spanische Parlament erstmals der 10 000 von den Nationalsozialisten deportierten Republikaner gedachte, hielt er als Zeitzeuge eine Rede, die das Publikum zu Tränen rührte.

Nur wenige Monate später, am 11. Mai 2005, kurz bevor er auf der Gedenkfeier anlässlich des 60. Jahrestags des Endes des Nationalsozialismus in Anwesenheit des spanischen Ministerpräsidenten Zapatero in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen abermals als ausgewählter Sprecher der Überlebenden auftreten konnte, kam die Wahrheit ans Licht: Enric Marco war zwar während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland gewesen, jedoch nicht als republikanischer Gefangener. Eingesperrt war er im Kieler Gefängnis gewesen – wegen Defätismus, nicht als Kämpfer gegen den Faschismus. Marco war nicht deportiert worden, sondern hatte Spanien freiwillig verlassen, um dem Militärdienst zu entgehen. Gelegenheit dazu bot ein attraktives Arbeitsangebot bei der Deutschen Werke Kiel AG im Rahmen eines spanisch-deutschen Abkommens. Nach erfolgreicher Bewerbung, eine Untersuchung auf Regimetreue eingeschlossen, war Marco Ende des Jahres 1941 von Barcelona nach Kiel aufgebrochen. Auf die Schliche kam ihm der Historiker Benito Bermejo. Eine Akte im spanischen Außenministerium über Marcos Arbeitsaufenthalt in Deutschland lieferte den letzten Beweis für seinen Verdacht: Enric Marco war ein Lügner und Hochstapler.

Der spanische Schriftsteller Javier Cercas hat über Marco – an dem, wie sich im Verlauf der Recherchen herausstellt, so gut wie alles Fiktion war – einen (wie er es nennt) „Roman ohne Fiktion“ verfasst, der nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Cercas enthüllt eine sich über sämtliche Lebensabschnitte erstreckende schillernde Mixtur aus Wahrheit und Lüge, mit der sich Marco als Widerstandskämpfer stilisierte, während er sich in Wirklichkeit stets auf Seiten der spanischen Mehrheitsgesellschaft wiederfand: als Anarchist in der Zweiten Republik und zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs, als Bürgerkriegsverlierer sodann, der den Folgen zu entgehen suchte, indem er seine anarchistische Vergangenheit begrub und sich in der Franco-Zeit ins Privatleben zurückzog.

Jede autobiographische Rückschau trägt gegenwärtigen Erfordernissen Rechnung und folgt darum einem Drehbuch, das sie ein Stück weit zu einem Kunstprodukt macht. Eklatant zeigt sich dies erwiesenermaßen nach politischen Regimewechseln. Weit komplexer liegen die Dinge in Fällen wie dem Marcos. Antriebe sind hier extreme Geltungssucht, überdurchschnittliches Sendungsbewusstsein, ein Gespür für den rechten Moment für Lebensgeschichten, die Aufmerksamkeit erregen, Phantasiereichtum und Virtuosität im Rollenspiel sowie einnehmendes rhetorisches Geschick.

Der Reiz des persönlichen Vergangenheitsprofils, das Marco für sich entwarf, war dessen hohes moralisches Kapital, das ihn über die Masse hinaushob. Die damit einhergehende Prominenz verhinderte vor allem eins: übersehen und vergessen zu werden. Genau das war Enric Marco eigentlich nach der Geburt in einer psychiatrischen Anstalt, in der seine Mutter ihr Leben zubrachte, gewissermaßen in die Wiege gelegt worden. Ähnlich wie Bruno Doessekker, der als Binjamin Wilkomirski in der Schweiz der neunziger Jahre fehlende Zuwendung als Kind durch die ausgesprochen öffentlichkeitswirksame fälschliche Behauptung, den Holocaust überlebt zu haben, kompensierte, erfand Marco sich – mehrmals in seinem Leben – schlicht neu und gelangte dank Lebenslügen und Überzeugungstalent gar immer wieder in Führungspositionen: in den 1970er Jahren als Generalsekretär der anarchistischen Gewerkschaft CNT sowie in den 1980/90er Jahren als Vizepräsident der spanischen Elternvereinigung FAPAC. Das starke Interesse an einer Beschäftigung mit der nichtdemokratischen Vergangenheit in Spanien seit den neunziger Jahren führte Marco schließlich zum spanischen Verband „Amical de Mauthausen“, und zwar mit der neu erhobenen Behauptung, im Konzentrationslager gewesen zu sein. Wegen seines versierten Auftretens fand er sich rasch auch dort im Rampenlicht wieder, alsbald als neuer, äußerst umtriebiger, allgegenwärtiger Präsident der Amical. Sowohl weil Marco die an ihn gerichteten Erwartungen so virtuos bediente als auch wegen des mangelnden historischen Wissens in Spanien über den Nationalsozialismus entging er zunächst einer kritischen Prüfung – was ihn beflügelte und für ein wachsendes Repertoire an angeblich persönlichen Erlebnissen sorgte.

Wie tief Marco seine falsche Identität verinnerlicht hatte – ohne offenbar eine Ahnung von der einsamen Qual zu haben, die die Erinnerung an das Überleben wirklich bedeutete –, davon zeugt seine Reaktion auf die Empörung nach seiner Entlarvung. In seinen Augen hatte er lediglich „Dinge vermischt“ und Tatsachen „modifiziert“, und da dies in bester Absicht geschehen sei und überdies alles Berichtete stimmte, wenn auch nicht auf seine eigene Person bezogen, beharrte er darauf, auf seine Weise im geschichtsvergessenen Spanien zur „Memoria histórica“, zum Gedenken an die Opfer des Bürgerkriegs, des Franco-Regimes, von Faschismus und Nationalsozialismus, beigetragen zu haben.

Sind derartige Lügen erlaubt, um das Wissen über die nationalsozialistischen Verbrechen zu mehren? Nein, sagt Cercas, und doch sei es erhellend, ein solches Handeln aus philosophisch-künstlerischer Perspektive zu betrachten mit dem Ziel, die „Funktionsweisen des Bösen wie auch des Guten“ zu analysieren, „damit wir Ersteres vermeiden und das Zweite womöglich lernen können“. Wie Cercas nicht nur literarisch, sondern auch historisch, psychologisch und philosophisch Schicht um Schicht freilegt, um die Kunstfigur des Enric Marco als Facette einer politischen Mentalitätsgeschichte Spaniens zu dekonstruieren, lohnt sich zweifellos zu lesen.

Javier Cercas: Der falsche Überlebende. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017. 493 S., 24,– .

Quelle: F.A.Z.
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