Erinnerung

Erbarmen mit Barmen?

Von Peter Steinbach
 - 09:27

„Wir verwerfen entschieden den Traum von dem kommenden irdischen Weltreiche der Gerechtigkeit, des Friedens und der allgemeinen Wohlfahrt in allen seinen Abarten ... Mag man nun an eine klassenlose Gesellschaft oder an einen nationalen Zukunftsstaat glauben – jede Partei, die solche Ziele in Aussicht stellt, wird zu Religion.“ Mit diesen Worten reagierten im Sommer 1932 einige lutherische Pfarrer Altonas auf ein Blutbad, das das Leben von 18 Menschen nach heftigen Gewaltausbrüchen zwischen politischen Gegnern gefordert hatte. Der „Altonaer Blutsonntag“ veranlasste die Geistlichen zum „Altonaer Einspruch“. Andere Landeskirchen formulierten weitere Bekenntnisse. Sie stehen im Schatten des „Barmer Bekenntnisses“ vom

31. Mai 1934, das angeblich jedem politisch-totalitären Führungsanspruch eine Abfuhr erteilt hätte. In Wirklichkeit ging es um Glaubensfragen und darum, ob die nationalsozialistische Ideologie eine zeitgemäße Verkündigung prägen sollte.

Der Konflikt zerriss viele Kirchengemeinden und mobilisierte die Gegner des von den Nationalsozialisten propagierten „positiven Christentums“. Als sich im Frühjahr 1934 5000 Gläubige im Ulmer Münster zu einem Bekenntnisgottesdienst versammelten, wurde knapp ein Jahr nach der Gründung des „Pfarrernotbundes“, dem sich etwa ein Drittel aller Pfarrer anschlossen, deutlich, dass Tausende eine „Bekenntnisfront“ gegen das „Neuheidentum“ bildeten.

Vorausgegangen waren der Reichssynode, die Ende Mai 1934 in Wuppertal-Barmen zusammenkam, kirchenpolitische Versuche, die evangelischen Landeskirchen zur Reichskirche zu vereinheitlichen und den Protestantismus gleichzuschalten. Dies ging mit der Forderung einher, Pfarrer, Gemeinden und die Kirchenleitungen sollten den Geist der „neuen Zeit“ aufgreifen und nicht nur „zeitgemäß“ predigen, sondern auch die antisemitische Grundposition der NSDAP übernehmen. Viele Christen gerieten damals in den Sog der „nationalen Revolution“. In der Bereitschaft, sich aktuellen Tendenzen anzupassen, sieht Thomas Martin Schneider sogar eine gewisse Parallele zur Gegenwart. Er zeigt in der Fülle von Stellungnahmen, die nach 1945 an das „Barmer Bekenntnis“ anknüpften, wie sehr Tendenzen der Politisierung die Neigung belegen, unter Berufung auf „Barmen“ aus dem Bekenntnis abzuleiten, was der Rechtfertigung des eigenen Standpunkts und Handelns dienen sollte.

Die „Barmer Theologische Erklärung“ gilt zu Recht als protestantisches Schlüsseldokument, das von Lutheranern, Unierten und Reformierten anerkannt wird. Dennoch bleiben Defizite unübersehbar. Schneider verkündet nicht, sondern prüft die Texte und begründet seine Position. Unbestreitbar ist, dass die Mehrheit der Bekennenden Christen die Verfolgung der Juden nicht als moralische Herausforderung empfanden. Das „Barmer Bekenntnis“ konzentrierte sich auf theologischen Fragen. Es verwarf die „falsche Lehre“ der Deutschen Christen, die das Alte Testament ablehnten und sich zu Rasse, Volk und Geschichte als Bezugspunkt christlicher Verkündigung bekannten. Zugleich wird deutlich, wie verworren manche der Konfliktlinien innerhalb des in 28 Landeskirchen, drei Konfessionen und viele theologische Schulen zerfaserten Protestantismus waren.

Schneider schafft die Voraussetzungen für eine zeit- und kirchengeschichtliche Erklärung eines Textes, der mit den Texten Luthers, dem Heidelberger Katechismus und der Confessio Augustana zu den zentralen protestantischen Bekenntnisschriften zählt. Der Gefahr einer engen theologiegeschichtlichen Interpretation entgeht der Herausgeber, indem er die konfessionellen Hintergründe damaliger Differenzen anspricht und dem Präsentismus einer aktuell-politisierenden Deutung der Barmer Erklärung als Manifestation politischen Widerstands entsagt. Wo er Defizite konstatiert, reklamiert er nicht die Weitsicht des Nachlebenden, sondern lenkt den Blick auf die vielfältige Instrumentalisierung des Bekenntnisses, das in der Nachrüstungsfrage ebenso eine Rolle spielen sollte wie in der Umwelt- oder Genderbewegung. Wenn Schneider die damalige Zeitabhängigkeit mancher Kirchenführer betont, die den Antijudaismus und die Judenfeindschaft zwar nicht zum Rassen-Antisemitismus steigerten, hingegen auch nicht bereit waren, sich mit Juden zu solidarisieren, so problematisiert er Maßstäbe, die bis heute gelten, aber damals verworfen wurden. Denn die meisten Pfarrer und Landesbischöfe dachten 1933 nationalistisch, setzten nicht selten auf den Führer und bekundeten, auf dem Boden des neuen Staates zu stehen. Der Bekenntniskampf richtete sich nicht gegen das NS-System. Es ging um Glaubensfragen.

Ebenso dramatisch waren die Auseinandersetzungen um die Deutung des Bekenntnisses nach 1945. Erklärt sich die Affinität deutschnationaler Bekenntnis-Christen aus ihrer Abhängigkeit vom Zeitgeist, so illustriert die Rezeptionsgeschichte, dass die Gefahr, diesem Zeitgeist zu erliegen, keineswegs gebannt war. 28 Dokumente machen Ansätze einer Instrumentalisierung des „Barmer Bekenntnisses“ nach 1945 sichtbar. Eindrucksvoll wird überdies belegt, wie wenig Zurückhaltung sich manche Theologen in der DDR auferlegten, um „Barmen“ mit dem SED-Staat in Einklang zu bringen. Im Westen bestimmten innerkonfessionelle Veränderungen die Rezeption. Ob es gegen das Mariendogma oder um die Friedensbewegung, um die Politisierung des Gemeindelebens oder um Sozial-, Entwicklungs- oder Asylpolitik ging, immer wurde mit dem „Barmer Bekenntnis“ argumentiert. Fast ist der Leser erleichtert, wenn das Abschlussdokument die Ankündigung einer Fernsehdebatte über „Anpassung und Widerstand“ präsentiert. Im Untertitel hieß es damals nicht: „50 Jahre Barmer Bekenntnis“, sondern: „50 Jahre Barmer Ersatzkasse“.

Thomas Martin Schneider: Wem gehört Barmen? Das Gründungsdokument der Bekennenden Kirche und seine Wirkungen. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017, 241 S., 15,– .

Quelle: F.A.Z.
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