Erster Weltkrieg

Wenn ältere Forschung über neuere siegt

Von Christoph Cornelissen
 - 14:19

Seit dem säkularen Umbruch am Ende der 1980er Jahre haben Historikerkommissionen eine Hochkonjunktur erfahren. Eine wesentliche Ursache liegt darin begründet, dass nach dem Kalten Krieg in vielen Ländern erstmals offen über geschichtspolitisch belastete Fragen gesprochen werden konnte, während sie zuvor über Jahrzehnte entweder beschwiegen oder politisch einseitig instrumentalisiert worden waren. Da diese Lage Bestrebungen zu einer internationalen Verständigung zu behindern oder sogar zu gefährden drohte, verfielen verschiedene Regierungen auf die Bestellung bilateral besetzter Historikerkommissionen. Ihre Aufgabe ist es, historisch umstrittene Fragen gemeinsam zu erforschen und im Geist wechselseitiger Offenheit die Basis für eine rationale Verständigung zu legen.

Genau zu diesem Zweck wurde bereits an der Wende des Jahres 1993/94 auf Initiative des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl und des russischen Präsidenten Boris Jelzin die bilaterale Historikerkommission Deutschlands und Russlands gegründet. Seitdem hat die Kommission ungeachtet atmosphärischer Eintrübungen in den deutsch-russischen Beziehungen ihre Arbeit kontinuierlich fortgesetzt und deren Ertrag in zweisprachigen Publikationen dokumentiert. Dies gilt ebenfalls für den nunmehr vorgelegten siebten Band, der Ergebnisse von zwei Tagungen im Juli 2013 in Moskau und im Oktober 2014

in Berlin in einer zugleich deutsch- und russischsprachigen Version zusammenführt.

Mit ihrem neuen Band greift die deutsch-russische Historikerkommission ein Thema auf, das schon seit geraumer Zeit nicht nur in der Geschichtswissenschaft, sondern auch in einer breiten Öffentlichkeit ein erhebliches Interesse hervorruft. Darüber hinaus beleuchtet sie mit der Frage nach der Verantwortung für die Auslösung des Weltkriegs ein Schlüsselproblem, das wiederholt deutsch-russische Kontroversen provozierte, zeigten sich doch beide Seiten immer wieder darum bemüht, die „Hauptschuld“ für die Auslösung des Ersten Weltkriegs dem jeweils anderen Land in die Schuhe zu schieben. Vor diesem Hintergrund, aber auch angesichts der zuletzt von dem amerikanischen Historiker Sean McMeekin aufgeworfenen These, wonach die St. Petersburger Regierung – getrieben von dem uralten panslawischen Traum einer Einflusszone auf dem orthodoxen Balkan und der Annexion der Meerengen am Bosporus – als eigentlicher Kriegstreiber gelten müsse, liest man mit großem Interesse die nüchternen Bewertungen der hier versammelten Autoren.

Gegen die Thesen McMeekins sprächen, so Manfred Hildermeier, nicht nur die Einsicht der russischen Verantwortungsträger nach der Niederlage gegen Japan in die Grenzen der eigenen militärischen Stärke, sondern auch die Tatsache, dass den 1912 revidierten russischen „Plan für den Ernstfall“ eine Mischung aus „ambitionierter Planung und erheblicher Umsetzungsträgheit“ auszeichne. Überdies lasse sich in Petersburg gerade nicht eine eindeutige „Kriegspartei“ identifizieren. Indirekt erhärtet wird Hildermeiers Befund durch die Beiträge der russischen Tagungsteilnehmer zum Werben Russlands und Deutschlands um Italien (Valerij Ljubin) sowie zu den russischen Hoffnungen auf eine wirtschaftliche Wiedergeburt des Landes (Vladimir Buldakov). Dass außerdem Andreas Wirsching, Direktor des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, in seiner Abhandlung eine prononcierte Kritik an der zuletzt von Christopher Clark verfochtenen Interpretation vorträgt, wonach der deutsche Weg in den Weltkrieg im Grunde kaum von dem der anderen Mächte zu unterscheiden sei, verdeutlicht, wie zurückhaltend die Autoren dieses Sammelbands auf die in den vergangenen Jahren diskutierten Thesen um den Kriegsbeginn 1914 reagieren. Hier siegt gleichsam der ältere Forschungsstand über den neueren – durchaus mit guten Argumenten.

Es ist kaum verwunderlich, dass die intellektuelle Tiefenschärfe und damit der Ertrag der insgesamt 18 Beiträge um einiges voneinander abweichen; verschiedene Interventionen bieten kaum mehr als einen chronologischen Abriss oder kurze Diskussionsanregungen zu Problemen, die an anderer Stelle fundierter nachgelesen werden können. Immerhin bietet die deutsch-russische Doppelversion auch in diesen Fällen eine Grundlage dafür, auf beiden Seiten Informationsdefizite auszugleichen. Darüber hinaus besteht ein Vorzug der Aufsatzsammlung zum einen darin, dass sie mit Beiträgen zu den Problemen der Russischen Revolution (Aleksandr Šubin), den Anfängen der sowjetischen Außenpolitik (Helmut Altrichter) und zur Neuordnung Europas in den Jahren 1918 bis 1920 (Horst Möller) ebenfalls die langfristigen Wirkungen des Ersten Weltkriegs mit besonderem Bezug auf die deutsch-russischen Beziehungen problematisiert. Zum anderen lenkt sie den Blick auf den Zusammenbruch sowohl der österreichisch-ungarischen Monarchie als auch des Osmanischen Reiches, damit auf Fronten des Ersten Weltkriegs, die deutschen Lesern oft kaum vertraut sind.

In diesem Zusammenhang ist vor allem eine Beobachtung von V. Mirzechanow bemerkenswert. Ihr zufolge sollten die politischen und militärischen Konflikte im Grenzsaum zwischen dem Russischen Reich und dem Osmanischen Reich sowohl während des Ersten Weltkriegs als auch danach in erster Linie als ein Ergebnis zwischenstaatlicher Rivalitäten analysiert werden, während die Bestrebungen ethnonationaler Bewegungen gerade keinen Schlüssel zu einem besseren Verständnis dieser Entwicklungen böten. Gleichzeitig verweist er auf Versuche beider Mächte, die Grenzgebiete des Nachbarstaates zu destabilisieren, um auf diese Weise die eigenen geopolitischen Interessen zu verwirklichen.

Nicht nur im Blick darauf, sondern auch für die anderen am Krieg teilnehmenden Staaten bieten die hier behandelten Fallbeispiele einen Einblick in die historischen Wurzeln gegenwärtiger Konflikte, wobei darüber „verblüffende Ähnlichkeiten mit den Konflikten vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg“ zutage treten. Dies gilt im Übrigen auch für Konflikte um die doppelte Staatsangehörigkeit. Denn das Deutsche Reich räumte mit einem Gesetz vom Januar 1914 allen ethnischen Deutschen unabhängig von ihrem Aufenthaltsort die Möglichkeit ein, eine zweite – eben die deutsche – Staatsangehörigkeit zu beantragen.

Dass ein solcher Schritt im Russischen Reich angesichts von über 1,7 Millionen Menschen deutscher Herkunft unweigerlich zu empfindlichen Reaktionen führen musste, zeigt der Beitrag von Evgenij Sergeev. Und er demonstriert ebenfalls, wie sehr danach im Zeichen des militärischen Ringens eine Germanophobie im Russischen Reich aufbrandete, die nicht bei diskriminierenden Gesetzen stehenblieb, sondern gewalttätige Pogrome und Umsiedlungen zur Folge hatte. Das Pendant zum Bild des „teutonischen Monsters“ bildete hier rasch das Bild des „russischen Barbaren“, das die deutsche Kriegspropaganda nachdrücklich streute.

Horst Möller/Aleksandr Čubarjan (Herausgeber): Der Erste Weltkrieg. Deutschland und Russland im europäischen Kontext. Herausgegeben im Auftrag der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. De Gruyter Oldenbourg Verlag, Berlin 2017. 176 S., 59,95 .

Quelle: F.A.Z.
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