Exil-Österreicher in Amerika

Nur ein brauner Spatz auf dem Heldenplatz

Von Peter Steinbach
 - 12:32

Vor einigen Jahrzehnten wäre eine Dissertation über geistigen Widerstand – zumal von außen – noch kaum denkbar gewesen. Denn als „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ galt bis weit in die sechziger Jahre allein der Versuch, aus dem Zentrum der Macht heraus das NS-System zu stürzen. Dies hätten nur hohe Militärs, Verwaltungsbeamte und Diplomaten erreichen können. Folglich galten bewiesene Zivilcourage oder im Alltag gezeigte Widerständigkeit ebenso wie der Kampf von Emigranten, die „mit dem Gesicht nach Deutschland“ standen, kaum als Widerstand, bestenfalls als Regimegegnerschaft.

Erst in den siebziger Jahren, mit der Kanzlerschaft von Willy Brandt, trat ein Wandel ein. Selbstbehauptung und Verweigerung, Hilfe für Verfolgte oder Proteste gegen Übergriffe, sogar die Desertion aus politischen Motiven ergänzten nun das immer breiter werdende Spektrum. Auch der Einsatz gegen das NS-Regime aus der Kriegsgefangenschaft und der, wie man sagte, „Kampf aus dem Exil“ wurden zunehmend respektiert. Interesse fanden schließlich „Anti-Nazis“, die sich als „umgedrehte“ Kriegsgefangene oder Emigranten den Alliierten zur Verfügung gestellt hatten. Ihre Aufgabe war, Gefangene zu verhören, die Propaganda der Alliierten zu unterstützen, Zweifel am Regime zu wecken und so den Abwehrwillen der Wehrmachtssoldaten zu schwächen. Viele dieser resistenten Propagandisten „in fremden Diensten“ prägten nach 1945 Kulturleben, Presse und Hörfunk, der als „Mund der Demokratie“ galt.

Wie politisch diese Arbeit der aktiven Regimegegner unter den Publizisten war, welche Methoden erprobt wurden, um durch Rundfunksendungen, Flugblätter und Plakate die späteren Sieger zu unterstützen, macht eine Studie deutlich, die sich weitgehend auf bisher nicht erschlossene amerikanische Quellen beruft. Sie konkretisiert die zunächst nach 1945 zur Selbsterklärung von Passivität und Anpassungsbereitschaft dienenden Erklärungen eines praktizierten „geistigen Widerstands“ nicht nur überzeugend, sondern unterhaltsam – und sie befreit Begriffe, die in der Widerstandsforschung eigenartig schimmern wie das Schlagwort von der „inneren Emigration“ mit vielen Vorbehalten.

Im Office of War Information (OWI) der Vereinigten Staaten von Amerika waren gegen Ende des Krieges etwa 10 000 Personen damit beschäftigt, Angehörige der Wehrmacht und die deutsche Zivilbevölkerung propagandistisch zu infiltrieren. Unter ihnen waren etwa 400 Österreicher in der Minderheit. Sie befanden sich in einer besonderen Lage, nachdem ihnen Ende 1943 mit der Moskauer Erklärung, einem glänzenden Propagandacoup der Alliierten, suggeriert wurde, Österreich verkörpere das erste von den Nationalsozialisten besetzte Land Europas. So rückten sie mit damals nicht geahnten außenpolitischen Folgen auf die Seite der Alliierten. Die Begeisterung der Mehrheit der „Ostmärker“, die der „Anschluss“ 1938 geweckt hatte, war seit 1942/1943 einer gewissen Skepsis gewichen. Spürbar wachsende Distanz zu den „Piefkes“ legte nahe, die mentalen Gegensätze zwischen Österreichern und den als Preußen bezeichneten Reichsdeutschen für die Kriegspropaganda zu nutzen.

Die österreichische „Gemütlichkeitspropaganda“, die den Grinzinger Heurigen und Wiener Schrammelmusik beschwor, machte den Kern der sogenannten „weißen Propaganda“ aus, die nicht nur Informationen über den Kriegsverlauf bieten, sondern bestehende kulturelle Aversionen gegen die großdeutschen Machthaber befeuern sollte. Die internen Gegensätze innerhalb des zerstrittenen Exils wurden durch die Mitwirkung im OWI überbrückt, der Kern eines neuen österreichischen Staatsgefühls schien sich zu bilden.

Von anderem Kaliber war die „schwarze Propaganda“: Mitarbeiter des Office of Strategic Services (OSS) entwickelten kontrastierend zur Beschwörung der österreichischen Behäbigkeit ein wesentlich aggressiveres Propagandamuster. Schwarze Propaganda sollte infiltrieren, verunsichern, die Moral der Soldaten und der Zivilbevölkerung untergraben. Nicht einmal vor Sex-Flugblättern schreckte man zurück. Wirkungsvoller waren allerdings politisch-kulturelle und psychologische Analysen. Um die psychologische Kriegführung vorantreiben zu können, mussten Stimmungen und Ängste, Hoffnungen und Erwartungen der Gegner analysiert werden. Diese Kenntnisse schlugen sich dann in Hunderten von Rundfunksendungen und Flugblättern nieder. Die Sendungen suggerierten nicht nur genaue Kenntnisse der Stimmung in der Wehrmacht, sie waren ein Ergebnis systematischer Befragungen der Gefangenen durch Landsleute, die ihr Vertrauen in die Gewahr- und Anlehnungsmacht begründen mochten. Gewendete Österreicher galten als Verbündete – diese Lebenslüge entwickelte sich rasch zur Grundlage der neuen österreichischen Staatlichkeit.

Wohltuend bleibt, dass der Verfasser die Wirkung dieser publizistischen Scharmützel nicht überdramatisiert. Er lenkt den Blick auf kulturgeschichtliche Auswirkungen dieser Aktivitäten. Die Zusammenarbeit der Emigranten mit OWI und OSS bot neue Spielräume publizistischer, künstlerischer, kabarettistischer und publizistischer Entfaltung. Wie in Deutschland entwickelten sich in der Auseinandersetzung mit dem Regime kabarettistische Talente. Arthur Steiner entwickelte Rundfunksatiren, der Sozialist Julius Deutsch wurde bald zur beachteten politischen Stimme. Henry Koerner entwickelte die politische Plakatkunst weiter. Clementine Bern verfeinerte die politisierend wirkende hohe Kunst des subversiven Couplets. Fred Lorenz verband Alltagswitz mit zuverlässiger Information über die Befindlichkeit der deutschen Soldaten.

Bedauerlich ist, dass sich der Verfasser auf österreichische Emigranten konzentriert und auf eine vergleichende Perspektive verzichtet. Denn bei der Lektüre wird deutlich, dass publizistische und investigativ abgesicherte Subversion auch gefangene deutsche Soldaten motivierte, das Regime von außen zu bekämpfen. Gemütlichkeitspropaganda war allerdings deren Sache nicht. Deutsche Emigranten etwa lieferten exzellente wissenschaftliche Analysen oder analysierten den „autoritären Charakter“ der Deutschen, wo Österreicher ihn lächerlich machten.

War die „weiße“ wie die „schwarze“ Propaganda für den weiteren Gang der Kriegsereignisse wirkungslos, so verhallte sie nicht im Äther. Manche, die als Kulturoffiziere mit der US Army vorrückten, prägten nach der deutschen Kapitulation das Kulturleben der Nachkriegszeit entscheidend. Dabei ging es nicht nur um Inhalte, sondern um die Formung neuer politischer Wertvorstellungen, um die „politische Kultur“. Vor allem der Hörfunk galt als wahres Wundermittel demokratischer Um- und Wiedererziehung.

Florian Traussnig erweitert unseren Blick für neue Spektren des Widerstands. Das ist zum einen das Ergebnis seines biographischen Zugriffs, zum anderen aber auch der intensiven Interpretation von Propagandatexten. Flugblätter, Karikaturen und Rundfunksendungen weckten und erfüllten politische Erwartungen und bereiteten so eine Rückkehr der österreichischen Emigranten nach Europa vor, mehr noch: Diese erhielten nach jahrelanger Vertrautheit mit den Medien die Möglichkeit, die Scharten auszuwetzen, die die Nationalsozialisten der Publizistik und der darstellenden (Klein-)Kunst geschlagen hatten. So erinnert diese Arbeit nicht nur an Österreicher, die sich geistreich gegen den Nationalsozialismus wandten und „Kommunikate“ erdachten, die modern waren und in die Zukunft wiesen. Sie macht vor allem deutlich, wie vielfältig und vielschichtig der Widerstand gegen den Nationalsozialismus war.

Florian Traussnig: Geistiger Widerstand von außen. Österreicher in US-Propagandainstitutionen im Zweiten Weltkrieg. Böhlau Verlag, Wien 2017. 403 S., 40,– €.

Quelle: F.A.Z.
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