Freiheit und Einheit

Patriot im schwierigen Vaterland

Von Joachim Scholtyseck
 - 12:50

Peter Brandt, langjähriger Leiter des Lehrgebiets Neuere Deutsche und Europäische Geschichte an der Fernuniversität Hagen, Mitglied der Historischen Kommission der SPD und streitbarer linker Patriot, hat in einem Doppelband fast drei Dutzend Aufsätze wiederveröffentlicht, die er seit 1981 geschrieben und teilweise prominent, zum Teil aber nur an entlegener Stelle publiziert hat. Die Beiträge, weniger auf eigenen Archivstudien als auf der sorgsamen Durchsicht der Literatur basierend, bieten einen guten Überblick über Brandts wissenschaftliches Schaffen und zeigen zugleich, wie sich im Lauf der vergangenen drei Jahrzehnte der Blick auf die „deutsche Geschichte“ gewandelt hat. Der rote Faden der Beiträge ist der „emanzipatorische Strang“ der deutschen Freiheitsbewegungen, der, seit dem Ende der napoleonischen Herrschaft „vielfach durchbrochen“ und „teils verschüttet“, nach Brandts Einschätzung heute doch noch zur Geltung gekommen ist. Insofern bieten die Beiträge sogar eine Art „success story“ im Sinne der Hegelschen List der Vernunft im Willen des Weltgeists.

Den Ausgangspunkt dieser Tour d’Horizon bilden die Befreiungskriege, der vielbeschworene „Geist von 1813“, das Wartburgfest von 1817 und das Hambacher Fest – Fixpunkte der vagen studentischen Hoffnung auf „Freiheit und Einheit“. Gleich mehrere Beiträge kreisen um diese Aufbruchsjahre. Selbst die gescheiterte Revolution von 1848 hat für Brandt eine positive Seite, wie er in einem nun erstmals gedruckten Vortrag erläutert, denn mit Blick auf Pressefreiheit und Vereinswesen habe sich das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen lassen: „Eine Rückkehr zu den Zuständen der 1820er und 1830er Jahre fand nicht statt und wäre auf dem gegebenen gesellschaftlichen Entwicklungsniveau kaum möglich gewesen.“

Sogar zu der unter Bismarck vollzogenen Reichseinigung von 1870/71 macht Brandt, bei allen Hinweisen auf die parlamentarischen Defizite der Reichsverfassung, darauf aufmerksam, dass dieser Schritt aus der Sicht des Bürgertums einen „epochalen Erfolg“ dargestellt hat. Sie ermöglichte die Institutionalisierung des Industriekapitalismus und die Gestaltung einer den bürgerlich-liberalen Prinzipien entsprechenden Rechtsordnung. Und sie förderte die Entwicklung von Wissenschaft und Kultur beziehungsweise behinderte diese zumindest nicht.

Dass jedoch Brandts Sympathien nicht dem „weißen Revolutionär“ Bismarck gehören, sondern eindeutig bei einem linken Helden jener Jahre, dem Sozialdemokraten August Bebel, liegen, macht ein weiterer Aufsatz klar: Bebel sei unbestritten derjenige gewesen, der „den Geist der Bewegung und dessen Einheit in seiner Person repräsentierte, verehrt und geliebt von der ganzen Partei in allen ihren Strömungen“, und eine Art „charismatischer Gegenkaiser der Arbeitermassen“ gewesen sei.

Ein Beitrag aus den 1990er Jahren fragt, ob das Deutsche Kaiserreich reformierbar gewesen sei. Brandt erkennt eine zweifellos vorhandene „innenpolitische Dynamisierung“, betont aber eher die hemmenden und retardierenden Momente der ambivalenten Situation vor 1914. Heute werden in der Forschung andere Akzente gesetzt: Neue Arbeiten zum Wahlrecht, zum Beispiel von Margaret Lavinia Anderson, belegen dessen „Erziehungsfunktion“. Selbst wenn es taktisch in erster Linie um die Stärkung des konservativen Wählerpotentials ging, wirkte das Wahlrecht faktisch liberalisierend, demokratisierend und egalisierend.

Gleich mehrere Aufsätze widmen sich dem Scheitern der Weimarer Republik. Die SPD, die im Zentrum des Interesses von Brandt steht, versuchte außenpolitisch ihre demokratisch-sozialistischen, patriotischen und internationalistischen Realitäten mit denen der Zwischenkriegszeit in Einklang zu bringen. Zustimmend zitiert er Julius Leber, der ausführte, das sozialdemokratische Nationalgefühl beruhe „auf der Achtung unserer selbst und gleichzeitig auf der Achtung anderer Nationen“. Dass der Versuch misslang, sozialdemokratische Revisionspolitik mit einer europäischen Einigungspolitik und einem „Völkerbundsparlament“ zu parallelisieren, macht Brandt an zahlreichen Beispielen deutlich. Öffentliche politische Stellungnahmen konnten nach 1933 nur noch aus dem Exil erfolgen, und entsprechend wird die NS-Zeit nur mit einem Blick auf den „antifaschistischen“ Widerstand gestreift.

Die frühe Bundesrepublik wird erstaunlich positiv gewürdigt: Es sei bemerkenswert, wie „schnell und eindeutig“ die Orientierung nach Westen und zur Verfassungsordnung der parlamentarischen Demokratie erfolgt sei. Die Bereitschaft beider Seiten zu Kompromissen in Lohnkonflikten sei durch die „starke Stellung auf dem Weltmarkt“ belohnt worden. Die Vorgänge des Jahres 1968 werden als eine „radikale Demokratisierungsbewegung“ gewertet, wobei Brandt die problematischen Aspekte dieser Glorifizierung mit dem selbstkritischen Hinweis darauf zu dämpfen sucht, wie dogmatisch er selbst als Mitglied der trotzkistischen „Vierten Internationale“ und der linkssozialdemokratischen „Falken“ gedacht habe. Seine Darstellung der Achtundsechziger-Bewegung bleibt dennoch konventionell, weil er die Schattenseiten weitgehend ausblendet (und nur versteckt auf das „Abgleiten in den Subjektivismus und Irrationalismus“ hinweist). Wer weniger parteiisch informiert werden möchte, muss auf die Werke von Wolfgang Kraushaar und Gerd Koenen ausweichen.

Natürlich muss ein Historiker, der sich zeitlebens mit den Einigungsbewegungen beschäftigt hat, mit dem linken Nationalismus gut vertraut ist und in den 1980er Jahren für einen „dritten Weg“ zur Beendigung der deutschen Teilung warb, die Wiedervereinigung behandeln. Brandt stellt nüchtern fest, dass sich in den 1980er Jahren in der SPD diejenigen durchsetzen konnten, die die Zweistaatlichkeit für unabänderlich hielten und es der Regierung Kohl/Genscher daher erlaubten, die „Interpretationsmacht“ über die deutsche Frage zu gewinnen. Und er beklagt, dass weder west- noch ostdeutsche Linke in der Lage gewesen seien, ihre „Blockade“ zu überwinden und eigene deutschlandpolitische Alternativen ins Spiel zu bringen. Den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik sieht er weniger als eine Folge der „Begeisterung für die Wiedervereinigung“ als als Ausdruck der Einsicht in den dramatischen Niedergang des „realen Sozialismus“. Die Rolle der SPD in den Jahren 1989/90 – und die von Oskar Lafontaine, dem damaligen Gegenspieler seines Vaters Willy Brandt, – wird in den hier abgedruckten Beiträgen bemerkenswerterweise mit keinem Wort erwähnt.

Was lässt sich nach der Lektüre festhalten? Der Blick von Peter Brandt auf die deutsche Geschichte der vergangenen 200 Jahre ist ungewöhnlich, weil er die Nation und einen an der Verfassung orientierten Patriotismus in seinem „schwierigen Vaterland“ als einen Ankerpunkt begreift. Ein solcher Nationalismus ist allerdings in der Berliner Republik sowohl selten wie unbeliebt geworden. In seiner eigenen Partei wirkt Brandt mit dem, was er schreibt, schon fast wie ein Fabeltier. Seine hier gesammelten Beiträge sind jedenfalls von einer erfrischenden Streitbarkeit und regen immer wieder zum Nachdenken, zur Zustimmung und zum Widerspruch an. Was will man als Leser mehr!

Peter Brandt: Freiheit und Einheit. 2 Bände.

Verlag Edition Bodoni, Neuruppin 2017. 798 S., 40,– .

Quelle: F.A.Z.
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