Fritz und Heinrich Thyssen

„Unerhörte Geschmacklosigkeit“

Von Gottfried Niedhart
 - 09:28

Im Januar 1932 verzeichnete der Industrie-Club Düsseldorf, wo sich die Wirtschaftselite an Rhein und Ruhr zu treffen pflegte, eine erhöhte Präsenz. Als Redner war Adolf Hitler angekündigt. Sein Laudator war Fritz Thyssen, Aufsichtsratsvorsitzender der Vereinigten Stahlwerke, des zweitgrößten Stahlkonzerns der Welt. Er beendete seine Ausführungen mit „Heil, Herr Hitler!“. Tags darauf folgten vertiefende Gespräche im kleinen Kreis auf Schloss Landsberg, dem Familiensitz der Thyssens. Dort fand im Oktober 1932 ein weiteres Treffen statt. Allerdings blieben ihm wichtige Repräsentanten der Ruhrindustrie wie Gustav Krupp fern, so dass Thyssens Kampagne für die Betrauung Hitlers mit der Kanzlerschaft im Kreis der Ruhrindustriellen vorerst ins Stocken geriet. Indessen war Thyssen bald am Ziel seiner Wünsche angelangt und konnte sein „geradezu enthusiastisches Engagement beim Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft“ vorantreiben.

Solche und andere politische Aktivitäten eines der reichsten Männer im damaligen Deutschland werden in dieser gehaltvollen Studie, einem Teilprojekt eines groß angelegten Forschungsunternehmens zur Unternehmens- und Familiengeschichte der Thyssens, akribisch dargestellt. Sie stellen aber nur den realgeschichtlichen Ausgangspunkt für eine Analyse der Öffentlichkeit dar, in der sich der 1873 geborene Fritz und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Heinrich bewegten. Schon die ältere Familiendynastie der Krupps hatte die Bedeutung des öffentlichen Raums erkannt, einmal zum Zweck der Produktwerbung, aber auch im Hinblick auf das Erscheinungsbild der Familie als Nukleus des Unternehmens.

Das seit den 1870er Jahren von August Thyssen aufgebaute Unternehmen wuchs zudem in eine Ära der Medialisierung von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik hinein, die durch ein breit gefächertes Angebot von Presseprodukten verschiedenster Art und publizistischen Stimmen geprägt war. Die „mediale Sichtbarkeit“ von Persönlichkeiten der Unternehmerfamilie beruhte sowohl auf deren Selbstdarstellung als auch deren Wahrnehmung seitens der Medien. Auf beiden Ebenen geht der Autor der Medienrealität der beiden ungleichen Brüder nach.

Ihr Auftreten konnte unterschiedlicher kaum sein. Während Fritz schon lange vor dem Tod des Konzernpatriarchen 1926 im Habitus des großbürgerlichen Unternehmers im Ruhrgebiet, aber auch als nationale Identifikationsfigur auftrat, wählte Heinrich eine gänzlich andere Form gesellschaftlicher Exklusivität. Er heiratete 1906 die ungarische Baronesse Margit Bornemisza und ließ sich von seinem Schwiegervater adoptieren. Als Baron Thyssen-Bornemisza de Kászon gehörte er dem erblichen Adel an. Nach der Aufteilung des Familienkonzerns 1926 leitete Heinrich seine Unternehmensgruppe, trat medial aber in erster Linie als Kunstsammler und Gestütsbesitzer in Erscheinung. Seine 1930 immerhin in der Münchener Pinakothek gezeigte (und heute in Madrid beheimatete) Kollektion rief ein geteiltes Echo hervor, während seine Rennpferde Mitte der 1930er Jahre für Furore sorgten. Ohnehin kein Freund des Massenmarkts, knüpfte er daran keinerlei ambitionierte Medienpräsenz und verschwand bis zu seinem Tod 1947 praktisch aus der Öffentlichkeit.

Ein für die Fragestellung des Autors wesentlich lohnenderes Objekt ist Fritz Thyssen, der die ganze Klaviatur der Medien zu nutzen verstand und seinerseits der öffentlichen Aufmerksamkeit sicher sein konnte. Schon 1919 machte er sich durch seinen Widerstand gegen die Unterzeichnung des Versailler Vertrags einen Namen als Verfechter nationaler Belange und schaffte es damit bis in die Spalten der „New York Times“. Das „Image eines Nationalhelden“ erlangte er 1923 im Widerstand gegen die französisch-belgische Besetzung des Ruhrgebiets. Der Prozess gegen ihn und andere Bergwerksvertreter geriet zu einem internationalen Medienereignis. Die Londoner „Times“ sprach von dem „nationalen Helden und Märtyrer“, die „Berliner Illustrirte Zeitung“ von dem „duldenden Volkshelden“. Auch in der eigenen Belegschaft fehlte es nicht an Rückhalt. Allerdings machte Thyssen bald eine neue Front auf, als er den 1918 mit den Gewerkschaften vereinbarten Achtstundentag in Frage stellte. Damit tastete er einen zentralen sozialpartnerschaftlichen Gründungskompromiss der Weimarer Republik an, was nach dem klaren Urteil des Verfassers „die demokratische Staatsform in Deutschland erheblich gefährdete“.

Der Parlamentarismus von Weimar war Thyssen allerdings von Anfang an suspekt. Er hielt damit auch im Ausland nicht hinter dem Berg, im Urteil der „Frankfurter Zeitung“ eine „unerhörte Geschmacklosigkeit“. Auch die von Stresemann und Briand betriebene Verständigungspolitik lehnte er ab. Im Firmeninteresse war er in Europa, den Vereinigten Staaten und Südamerika „transnational mobil“, politisch dagegen optierte er „medienwirksam“ seit 1924 für eine stramm rechts und nationalistisch orientierte Regierung in Berlin.

Nach 1933 musste er erkennen, dass er als Anhänger eines im Katholizismus wurzelnden autoritären Ständestaats in Hitlers Führerstaat auf verlorenem Posten stand. Er war keineswegs der mächtige Mann hinter Hitler, von dem die internationale Presse sprach, sondern ein von der NS-Führung nur vordergründig hofierter Stahlmagnat, der seinerseits wohl wirklich glaubte, die Aufrüstung diene nicht der Kriegsvorbereitung, sondern dem Ziel, „bündnisfähig zu werden“. Spektakulär war dann Thyssens Kehrtwendung. Einen Tag nach dem Angriff auf Polen veranlasste im September 1939 seine „entschiedene Ablehnung des Kriegs“ ihn zusammen mit seiner Frau und anderen Familienmitgliedern zur Ausreise in die Schweiz und später nach Südfrankreich.

Thyssens Versuch, die Öffentlichkeit für sich zu gewinnen und Hitler zu einem Kurswechsel zu veranlassen, kann man mit dem Autor nur als „realitätsfern“ bezeichnen. Ausgesprochen zweischneidig war die Indienstnahme des Presseagenten Emery Reves als Ghostwriter für Thyssens Memoiren. Als das Buch 1941 unter dem Titel „I Paid Hitler“ ohne jede Mitwirkung Thyssens erschien, war dieser schon im Gewahrsam der Gestapo, nachdem Vichy seiner Verhaftung und Auslieferung zugestimmt hatte. Von nun an schwankte sein Image zwischen zwei Polen. Einerseits galt er als Steigbügelhalter Hitlers, andererseits als dessen im KZ Sachsenhausen festgehaltener Widerpart.

Das von der internationalen Presse begleitete Spruchkammerverfahren endete 1948 mit dem Urteil „minderbelastet“. Gestorben ist Thyssen 1951 in Argentinien, wo er und seine Frau in der Nähe der Tochter den gewohnten „luxuriösen Lebensstil“ pflegten. Zwei Jahre später wurde der Sarg nach Schloss Landsberg überführt. Parallel zur Umbettung gelang die „Umdeutung“ von Thyssens Bild in der Öffentlichkeit. Viel Prominenz der jungen Bundesrepublik gab ihm das letzte Geleit, darunter der Bundesinnenminister, der von dem „großen Toten“ sprach. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ wollte nicht zurückstehen und machte Thyssen zu einem „fanatischen Gegner“ des Nationalsozialismus. Tatsächlich hat er noch 1936 – wieder im Düsseldorfer Industrie-Club – ein flammendes Bekenntnis zum NS-Regime abgegeben.

Gottfried Niedhart

Felix de Taillez: Zwei Bürgerleben in der Öffentlichkeit. Die Brüder Fritz Thyssen und Heinrich Thyssen-Bornemisza. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017. 546 S., 49,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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