Geheimdienst

„Maulwurf“ auf Luxusreise

Von Gregor Schöllgen
 - 12:36

Am 8. September 1956 machte sich eine achtköpfige Gruppe aus München auf den Weg in die Vereinigten Staaten von Amerika. Das war zu dieser Zeit, elf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, schon eine kleine Sensation, zumal die Herren an Bord einer PanAm-Maschine vom Typ Boeing 377 „Stratocruiser“ Erster Klasse reisten.

Das wirklich Sensationelle an dieser Reisegruppe war allerdings ihr beruflicher Hintergrund. Denn sie gehörten dem erst am 1. April 1956 legalisierten, aus der sogenannten Organisation Gehlen hervorgegangenen Bundesnachrichtendienst (BND) an und waren allesamt Spezialisten für die Spionageabwehr. Es war die siebte Reise dieser Art, welche die Central Intelligence Agency (CIA) seit 1951 für ihre deutschen Kollegen organisierte.

Damit nicht genug, befand sich unter den Fernreisenden auch ein „gut plazierter sowjetischer Top-Spion“: Heinz Felfe, Jahrgang 1918, seit 1936 Mitglied der SS, hatte eine Ausbildung zum Feinmechaniker absolviert, als er mit Kriegsbeginn im September 1939 zur Wehrmacht eingezogen, aber nach einer schweren Erkrankung schon im Februar 1940 wieder entlassen wurde. Wenig später begann seine eigentliche Karriere als Kriminalkommissar, die ihn nach der Ausbildung im August 1943 in den Auslandsnachrichtendienst des Reichssicherheitshauptamtes führte, wo er zuletzt im Rang eines Obersturmführers tätig war.

Die Briten wussten, wen sie sich holten, als sie Felfe im Juli 1947 als „Vertrauensmann“ auf die Kommunisten in ihrer Besatzungszone ansetzten. Und sie wussten auch, warum sie ihn knapp drei Jahre später wieder abschalteten: Nicht zum letzten Mal in seiner Karriere als Geheimagent tauchte der Verdacht auf, dass Felfe mit anderen Geheimdiensten in Verbindung stehe. Auch auf seinem nächsten Posten, den er am 1. November 1951 bei der Organisation Gehlen bezog, gab es bald diese Gerüchte.

Dass man Felfe gleichwohl jahrelang nicht auf die Schliche kam, lag entscheidend an Reinhard Gehlen, dem Leiter der nach ihm benannten, damals noch der CIA unterstehenden Organisation. Gehlen war von den Informationen, die Felfe aus der Sowjetunion lieferte, „geblendet“. Heute wissen wir, warum der liefern konnte. Denn als Felfe bei der Organisation anfing, tat er das als Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes KGB, war also von Anfang an als „sowjetischer Maulwurf“ tätig, seit Anfang Oktober 1953 sogar in der Pullacher Zentrale des BND und dort bei der Spionageabwehr, also „im Herzen des westdeutschen Auslandsnachrichtendienstes“. Als er im Sommer 1956 in die Vereinigten Staaten reiste, spionierte er folglich, mit einer „umfangreichen Kameraausstattung“ ausgerüstet, für den weltpolitischen Gegner seiner Gastgeber.

Das alles ist jetzt bei Bodo Hechelhammer nachzulesen. Der Historiker kam 2002 zum BND, leitet dort seit 2010 die Forschungsgruppe, die sich mit der Aufarbeitung der frühen Geschichte des Nachrichtendienstes beschäftigt, und firmiert als dessen „Chef-Historiker“. Ihm kam zugute, dass inzwischen nicht nur die entsprechenden Akten des BND zugänglich sind, sondern dass auch die CIA ihre Akten zur „Organisation Gehlen“ sowie zum frühen BND deklassifiziert hat und dass zudem Felfes Stasi-Akte einsehbar ist. Und dann machte Hechelhammer bei einigen Hinterbliebenen der Amerika-Reisenden aufschlussreiches Material ausfindig, darunter vor allem ein Fotoalbum. Es bildet das Rückgrat der üppigen Bebilderung.

Das Buch ist mithin nicht nur eine Geschichte der frühen Jahre des BND, sondern auch ein Porträt der CIA. Und es ist ein Bericht über Amerika und die Amerikaner. Denn fünf der acht Geheimdienstreisenden durften sich auf Kosten des amerikanischen Steuerzahlers noch zwei weitere Wochen als Touristen umsehen.

Am 9. September 1956 kamen die acht – nach Zwischenstopps in Frankfurt, London, Gander (Neufundland), New York, Philadelphia – in Washington an. An den offiziellen Teil mit seinem Informations- und Schulungsprogramm schloss sich für jene fünf eine „kulturelle Entdeckungsreise“ über Detroit, Denver, San Francisco, Los Angeles, Tucson, New Orleans und New York an, von wo sich Felfe wegen einer schweren Gesichtsallergie vorzeitig auf den Rückweg machte. Was sie auf ihrer Reise sahen, hält Hechelhammer im Hauptteil seines Buches fest. Dass es sich wie das Tagebuch einer Touristengruppe liest, ist kein Zufall, denn die täglichen Briefe eines der Teilnehmer an seine Frau, das Fotoalbum eines anderen und nicht zuletzt Felfes Kalendereinträge („Fahrt üb. Golden Gate Br., Redwood Wälder, Chinatown“) sind die Hauptquellen. Das ist anschaulich, aber austauschbar und, so gesehen, belanglos.

Für Heinz Felfe bedeutete die Reise in die Vereinigten Staaten den Anfang vom Ende seiner Karriere als Doppelagent. Denn der Aufenthalt „sollte ihn zur Strecke bringen“. Ein leitender Mitarbeiter der polnischen Spionageabwehr, der später zur CIA überlief, brachte den Stein ins Rollen. Im November 1961 wurde Felfe verhaftet, im Juli 1963 durch den Bundesgerichtshof zu 14 Jahren Haft verurteilt, aber im Februar 1969 im Rahmen eines Häftlingsaustausches mit der DDR wieder auf freien Fuß gesetzt. Bis zu seinem Tod im Mai 2008 lebte er im Osten Berlins, verdiente seinen Lebensunterhalt zeitweilig als außerordentlicher Professor im Fachbereich Kriminalistik der Humboldt-Universität und unterrichtete dort Stasi-Mitarbeiter.

Für den BND und nicht zuletzt für die CIA war der Fall Felfe einer der schwersten Unfälle ihrer Geschichte. Dem seinerzeit aufgenommenen Schadensreport des amerikanischen Geheimdienstes ist zu entnehmen, „dass er insgesamt rund 100 CIA-Mitarbeiter an den KGB verraten“ hat, „darunter von 25 Mitarbeitern alleine 21 mit ihrer klaren Identität im Rahmen seiner USA-Reise“.

Damit gehörte Felfe zu den erfolgreichsten Doppelagenten des KGB seit 1945. Wie erfolgreich er war, zeigt ein Vergleich mit dem 1994 enttarnten Aldrich Ames. Wie Felfe im BND war Ames im CIA für die Gegenspionage verantwortlich. Insgesamt hat der Amerikaner „seit 1982 wohl dreißig Mitarbeiter der Agency an den KGB verraten“. So steht es bei Bernd Stöver zu lesen, der „Geschichte, Organisation, Skandale“ der CIA auf denkbar knappem Raum dargestellt hat.

Wer dem Potsdamer Historiker auf diesem Parforceritt folgen will, muss hoch konzentriert zu Werke gehen, denn die Darstellung ist eine dichte Sammlung von Daten, Fakten und vor allem: Abkürzungen. Leserfreundlich ist das nicht unbedingt. Allerdings werden die relevanten Themen umfassend und im Einzelnen informativ abgehandelt und das erstaunlich häufige Versagen des seit 1945 mächtigsten Geheimdienstes der Welt plausibel erklärt: Neben „institutioneller Überheblichkeit“ fällt vor allem „mangelnde Kompetenz ... für viele Einsatzgebiete“ ins Gewicht. Das gilt bis in unsere Tage.

Bodo V. Hechelhammer: Doppelagent Heinz Felfe entdeckt Amerika. Der BND, die CIA und eine geheime Reise im Jahr 1956. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2017. 256 S., 39,90 €.

Bernd Stöver: CIA. Geschichte, Organisation, Skandale.

C. H. Beck Verlag, München 2017. 128 S., 8,95 €.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBNDCIAGeheimdienstKGBUSAAmerikaKarriereMünchen