Gewissensfragen

Etwas mehr Differenzierung darf schon sein

Von Christian Hartmann
 - 12:27

Die Geschichte der Wehrmacht bleibt eine historiographische Herausforderung. Das liegt bereits an ihrer schieren Größe. Eine Armee aus insgesamt 17 Millionen Menschen, ein Krieg von fast sechs Jahren, der sich über beinahe ganz Europa erstreckt, teilweise sogar darüber hin-aus. Und schließlich: eine Geschichte, deren Folgen alles Mögliche sind, nur nicht klein.

Entsprechend schwer fällt ein Gesamturteil. Das betrifft weniger die Wehrmacht als Organisation. Dass sie an fast allen Verbrechen des NS-Regimes mehr oder weniger beteiligt war, ist mittlerweile unstrittig. Doch nicht das ist für uns Nachgeborene das Problem. Als Institution ist die Wehrmacht für eine Gesellschaft, die sich gern als eine zivile definiert, ziemlich bedeutungslos geworden. Nicht ganz so bedeutungslos sind für uns hingegen die Menschen, die Teil dieser Institution waren. Was haben sie getan? Was kann man verbindlich über sie sagen? Hier ist der Forschungsbedarf noch immer sehr groß.

Die Ausgangsfrage dieser Dissertation klingt daher vielversprechend: Was haben jene Angehörigen der Wehrmacht gedacht und getan, die sich selbst dezidiert als Christen verstanden? Trotz aller Schnittmengen im NS-Alltag lässt sich eigentlich kaum ein größerer Widerspruch denken als der zwischen der NS-Ideologie und den christlichen Konfessionen. Gerade diese Soldaten dürften prädestiniert gewesen sein für eine distanzierte oder gar kritische Haltung gegenüber ihrem Kriegsdienst – besonders in jenem Krieg, den die Wehrmacht zwischen Juni 1941 und Mai 1945 gegen die Sowjetunion führte. Erst hier fand der Nationalsozialismus gewissermaßen zu sich selbst.

Dieses Buch lebt von seinen Quellen. Bei den wirklich christlichen Wehrmachtsangehörigen, insgesamt eher eine Minderheit, handelte es sich meist um die nachdenklicheren, teilweise auch gebildeteren Soldaten, auf jeden Fall um jene, für die das Wort, geschrieben oder gesprochen, große Bedeutung besaß. Das merkt man den Zitaten an. Oft geht es um die Kernproblematik, die ethische Dimension des eigenen Tuns, um Kriegsverbrechen oder andere Extremsituationen. Dabei erfährt man auch einiges über das System der Seelsorge in der Wehrmacht.

Dennoch ist das, was hier eigentlich im Mittelpunkt steht: Militär, Krieg und Besatzungsherrschaft, dem Autor ziemlich fremd geblieben. Dies zeigt sich bereits im Terminologischen: Aus Landesschützen werden „Ladeschützen“, aus den Sonderkommandos und den vorgesetzten Einsatzgruppen von SiPo und SD werden „Sondergruppen“, Angehörige militärischer Einheiten firmieren als „Mitglieder“, die dort „beschäftigt“ sind, um nur wenige Beispiele zu nennen.

Gravierend werden diese militärhistorischen Defizite dann dort, wo es anspruchsvoller wird, im analytischen Teil. Zuweilen fehlt hier jede Sensibilität. Von einem Feldwebel wird etwa berichtet, „der sich mit schwerem Lungenschuss zurückgeschleppt“ hat, um wenigstens bei seinen Kameraden zu sterben. Dies sei, so lernen wir, ein Beispiel für die Bedeutung des „Schlagworts“ Kameradschaft für die „Konditionierung“ dieser Soldaten. Ein Pfarrer erinnert sich an den Wunsch der Landser, „die zurück in die Heimat und zu ihren Familien wollten“. Ist das wirklich nur „eine eindeutige Wendung in die Rolle der Opfer“? Wenn gleichzeitig ein Leutnant im Juli 1941 (!) eine „völlige Verständnislosigkeit“ seiner Kompanie gegenüber den Zielen des Ostkriegs konstatiert, dann spricht das doch eher für das Gegenteil.

Noch einfacher macht es sich der Autor bei der Kardinalfrage. Die deutschen Soldaten hätten – so seine Behauptung – „den Ostkrieg selbst als Täter“ geführt. In einem strategischen Sinn ist das ja durchaus richtig. Erst diese Soldaten haben Hitlers Feldzüge realisiert. Aber wie weit haben sie dabei selbst gegen die Gesetze und Gebräuche des Krieges verstoßen? Auch hier hapert es zuweilen bei der Beweisführung. Ein Leutnant schrieb im Juni 1941, in einer okkupierten Stadt habe es von Juden gewimmelt, „die wohl aus dem Ghetto entlassen waren und sich nun ergehen durften“. Für Schmiedel ist das ein klarer Fall von NS-Stereotypen, denn das Wort „ergehen“ enthalte den impliziten Vorwurf der Plünderung. Auch bei den Berichten über die Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener an der Front hätte man sich den Hinweis gewünscht, dass immerhin 5,7 Millionen in die Lager gekommen sind. Dort freilich sind dann drei Millionen elend krepiert. Doch ist dies ein anderer Schauplatz. So aber bleibt der Eindruck, die Wehrmacht habe an der Ostfront überhaupt keine Gefangenen mehr gemacht.

Zuweilen erzählen bereits die Quellen ganz andere Geschichten als jene, die uns der Autor präsentiert: Der Pfarrer, der die Beerdigung gefallener Russen veranlasst, obwohl das unerwünscht war; der Zugführer, der 1942 von Dingen, gemeint ist der Judenmord, hört, „um derentwillen man sich schämen muss, Deutscher zu sein“; der Funker, dem eine Greisin versichert: „Gut Germanski-Soldat“; oder der Unteroffizier, der die Preziosen einer Kirche dort so versteckt, dass sie nicht geplündert werden können.

Keine Frage, hier kommen auch ganz andere Stimmen zu Wort, Stimmen, die an der Schuld ihrer Autoren wenig Zweifel lassen. Aber insgesamt ergibt sich von den Christen in der Wehrmacht doch ein etwas anderes Bild als jenes, das der Autor zeichnet. Es ist heterogener und viel-schichtiger, und die Zwänge, denen diese Soldaten ausgesetzt waren: Armee, Diktatur und Krieg, treten hier ungleich stärker hervor. Natürlich sind es mitunter abenteuerliche Konstruktionen, mit denen manche Soldaten ihren christlichen Glauben in diesem großen „Menschenmorden“ zu bewahren suchten. Doch haben Zeugnisse dieser Art eine differenziertere und nicht zuletzt auch kenntnisreichere Interpretation verdient.

David Schmiedel: „Du sollst nicht morden“. Selbstzeugnisse christlicher Wehrmachtssoldaten aus dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion.

Campus Verlag, Frankfurt/ New York 2017. 512 S., 49,95 .

Quelle: F.A.Z.
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