Global Kooperation

Dem Zwiespalt auf der Spur

Von Michael Gehler
 - 09:57

Im Brockhaus der 1970er Jahre sucht man vergeblich nach dem Wort Globalisierung. Das neuartige Phänomen war im Bewusstsein kaum verankert und daher im Sprachgebrauch nicht vorhanden. Ein früheres deutsches Synonym lautete „Weltverkehr“. Für den Münchner Politikwissenschaftler Jürgen Turek dominiert Globalisierung nicht nur die Gegenwart, sondern formiert auch unsere Zukunft, indem die Ökonomie als Motor fungiert und durch Megatrends alle kulturellen und sozialen Bereiche wie auch das natürliche Umfeld verändert.

Konzentrisch kreisend geht Tureks Studie von der Perspektive der deutschen, europäischen und westlichen Gesellschaften aus, um Wechselbeziehungen von einander abhängiger global vernetzter Gesellschaftswelten zu betrachten. Inzwischen ist schon von der dritten Globalisierung die Rede. Die erste setzte mit der weltweiten Seeschifffahrt, der Entdeckung Amerikas und dem Handel mit China im 15./16. Jahrhundert ein. Die zweite war durch die industrielle Revolution mit Dampfmaschine, Eisenbahn und Telegraphie gegen Ende des 19. Jahrhunderts bedingt, unterbrochen von den beiden Weltkriegen und dem Kalten Krieg, während die dritte, verursacht durch die Liberalisierung der Finanzmärkte, die Standardisierung der Handelsmechanismen und die Digitalisierung der Wirtschaft mit computergestützter Containerschifffahrt von 1989 an ihren Durchbruch erlebte.

Der bis dato bestehende Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus löste sich nun auf. Neue Verteilungskonflikte verschärften sich. Der „globale Gutmensch“ trat nicht in Erscheinung. Stattdessen brachen sich die Ideologie der freien Märkte sowie die Interessen der Finanzbranche und multinationalen Unternehmen Bahn. Deren Vernetzungsprozesse waren und sind für die Politik nicht mehr steuerbar. In den 2000er Jahren entzündete sich daher Kritik an international agierenden Banken und transnationalen Konzernen durch „zornige soziale Bewegungen“ wie Attac und Occupy.

Gewaltsame Reaktionen wie zuletzt beim G-20-Gipfel in Hamburg waren Ausdruck des Kampfs um die Deutungshoheit der Konsequenzen von Globalisierung. Ihre Janusköpfigkeit äußert sich durch „Glokalisierung“, die globale Entgrenzung mit lokaler Kompensation in dialektische Beziehung setzt. Turek bietet eine Vielzahl von Befunden und Prognosen: Der Schwerpunkt der Weltwirtschaft verlagert sich nach Asien. Bis jetzt hat noch kein globaler Handelskrieg stattgefunden. Der asiatisch-pazifische Raum wird jedoch im 21. Jahrhundert die größte Freihandelszone der Welt.

Die EU ist der am weitesten integrierte Markt der Welt mit hoher Attraktivität. Das Bewusstsein für eine konsequente Energiewende und echte europäische Energiepolitik ist gewachsen. Der Klimawandel, verursacht durch menschliche und natürliche Einflüsse, ist keine „Erfindung der Chinesen“, wie der scheinbar mächtigste Mann der Welt äußerte, sondern eine Realität, wobei ein Zusammenhang mit der Migrationsentwicklung besteht. Freiwilligkeit und die Synchronisierung ihrer Umsetzung sind die Probleme des Pariser Klimaabkommens von 2015 – deshalb gibt es keine Entwarnung.

Die Ölvorräte erschöpfen sich gegen Ende des 21. Jahrhunderts. Erneuerbare Energien bestimmen daher die Zukunft. Die Ernährung aller ist möglich – ob sieben oder zehn Milliarden auf der Erde leben. Die Psychologie der Finanzmärkte bleibt problematisch, weil sie dominanter als die reale Wirtschaftsleistung und das Investmentbanking nicht vom Privatkundengeschäft abgekoppelt ist. Die wachsende soziale Ungleichheit provoziert größere politische Konflikte. Ein Prozent der Weltbevölkerung verfügt über die Hälfte des weltweiten Reichtums (zirka 110 Billionen US-Dollar).

Gescheiterte Staaten oder gar „failed regions“ machen Armuts- und Kriegsmigration zum Dauerproblem. Asymmetrische Kriege im Zeichen eines globalen religiös-fundamentalistischen Terrorismus bestehen fort. Gleichwohl Brennpunkte sozialer Konflikte funktionieren Mega-Cities als Globalisierungsknoten weltweiter Vernetzung. Wie ist auf diese zwiespältige Globalisierung zu reagieren? Ein weltweites Zusammenwirken, geleitet von der Erkenntnis der „Begrenzung der Entgrenzung“, rückt in den Fokus. Erfolge gibt es zwar im Umweltbereich, doch die wechselnden Akteurs-Konstellationen und die Unvollkommenheit weltweiter Regime sind die Schwächen der „global governance“.

Das Internet wurde kein Heilsbringer der Demokratie, sondern vielmehr Objekt extremistischer, populistischer und wirtschaftlicher Begierden. Doch ist politische Kommunikation keine Einbahnstraße mehr. Transnationale Unternehmen sind einflussreicher und mächtiger als Staaten sowie NGOs fest etablierte Akteure einer Weltzivilgesellschaft. Der Weltraum als Forschungslabor und Operationsbasis im militärischen und zivilen Bereich scheint unverzichtbar. Der Westen präsentiert sich sicherheitspolitisch zersplittert und militärisch weder ausreichend handlungsfähig noch entschlossen genug: „Smart power“ als Mischform zwischen „hard power“ und „soft power“ wird deshalb angeregt, womit Dritte bewegt werden sollen, die gleichen Werte zu teilen.

Empfohlen werden die Akzeptanz unumkehrbarer Realitäten, eine effiziente und politisch akzeptable Demographie-Strategie, globale Kooperation und nationaler Souveränitätsverzicht. Der „Brexit“ erscheint daher als „nationalistische Dummheit“, für die EU hingegen ist eine genuin europäische Verteidigungsgemeinschaft erforderlich. Nach einer europäischen empfiehlt sich auch eine globale Cyber-Sicherheitsstrategie und ein energieautarkes Europa als Teil seiner Globalisierungsstrategie. Eine globale Weltregierung ist nicht in Sicht. Das „westfälische System“ von 1648 mit Souveränität, Nichteinmischung und Unabhängigkeit als Konstrukt negativer Integration durch Abbau von Hemmnissen und Widerständen scheint der globalen Lage von heute ähnlich, was aber weder einer gerechteren noch einer legitimierteren Welt nahekommt, zumal diese von zunehmend gegensätzlichen Realitäten bestimmt ist.

Der relative Bedeutungsverlust der Vereinigten Staaten gilt bei tendenziellem Bedeutungsgewinn Chinas als sicher. Von einer Isolation Russlands wurde schon früh abgeraten. Die Sanktionen hält es aufgrund seiner Energieunabhängigkeit und seines Patriotismus aus. Die Aufrüstung Chinas und Indiens sowie ihre Machtdemonstrationen gegenüber Japan beziehungsweise Pakistan sind unübersehbar. Turek sieht daher kein friedliches Jahrhundert, sondern neue Konflikte voraus, wobei ein laizistischer Westen und ein politisierter Islam Stellvertreterkriege zwischen aufgeklärter Rationalität und traditionalistischer Romantik führen. Die Folge sei eine Verfestigung der Multipolarität von globalen und regionalen Mächten sowie ein „regionaler Polyzentrismus“ mit Tendenzen zum Autismus.

Ein besseres globales Miteinander scheint daher illusorisch, dennoch hält Turek dieses Ziel nicht für gänzlich unrealistisch. Fallweise wirken daher seine Ergebnisse widersprüchlich, doch kann es bei einem so viel Zwiespalt erzeugenden Thema wie Globalisierung anders sein? Manch Binsenweisheit hätte nicht unbedingt fettgedruckt als Merksatz hervorgehoben werden müssen, wie zum Beispiel, dass Demographie eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit sei. Die auch als Nachschlagwerk dienende Studie ist dennoch sehr aufschlussreich und lesenswert.

Jürgen Turek: Globalisierung im Zwiespalt. Die postglobale Misere und Wege, sie zu bewältigen. Transcript Verlag, Bielefeld 2017., 560 S., 29,99 .

Quelle: F.A.Z.
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