Gregor Gysi

Mit sich und seinem Leben im Reinen

Von Daniela Münkel
 - 09:47

„Wir haben gefeiert, gelacht, Konflikte ausgetragen. Eine Existenz der drückenden Enge war es trotz der Mauer nicht. Das Leben ist eben stets reicher, als es später in einer bestimmten Art der Geschichtsschreibung gewesen sein soll. Dann nämlich, wenn im Nachhinein die Vielfalt unzähliger lebendiger Biographien nur noch politischen Tendenzen zugerechnet werden soll. Was unser Leben prägte, ihm Kraft und Substanz gab, es bleibt Besitz, im Positiven wie im Negativen.“ Diese Sicht auf die DDR-Wirklichkeit und das Plädoyer für die Akzeptanz spezifisch ostdeutscher Lebenswege im wiedervereinigten Deutschland ist ein zentrales Thema der unlängst erschienenen Autobiographie von Gregor Gysi, der am 16. Januar seinen 70. Geburtstag feiert. Die Frage nach dem Wert der eigenen Biographie und die pauschale Geringschätzung ostdeutscher Lebenswege im wiedervereinigten Deutschland beschäftigt viele ehemalige DDR-Bürger. Dies ist bis zu einem gewissen Grad unabhängig davon, ob einer nun prominent ist oder nicht, ob er oppositionell, angepasst oder gar Systemträger war oder ob sich seine Einstellung zum SED-Staat im Laufe der Zeit gewandelt hat. So spricht sich beispielsweise auch der ehemalige Oppositionelle und heutige Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn, für eine „differenzierte Bewertung von Biographien“ aus. In seiner Autobiographie „Wir Angepassten“ schreibt auch er vom „normalen Leben“ in der DDR, indem man „zur Schule gegangen ist,“ „Berufe erlernt, Familien gegründet“ und „Weihnachten gefeiert“ hat. „Wir haben gelebt. Auch in der Diktatur schien die Sonne.“ Im Gegensatz zu Gysi betont Jahn jedoch die Brüche in seiner und vielen anderen Biographien, die Zerrissenheit zwischen Anpassung und Widerstand. Diese Brüche kannte Gysi nicht, er war konstant ein Vertreter der Nomenklatura, wenn auch ein sehr origineller und scharfsinniger.

Gysis Leben in der DDR war von Geburt an ein privilegiertes – seine Eltern, beide eher großbürgerlicher Herkunft, gehörten zur „kommunistischen Aristokratie“ des SED-Staates: Der Vater, Klaus Gysi, seit 1931 KPD-Mitglied, war unter anderem Kultusminister, Botschafter in Italien und Staatssekretär für Kirchenfragen der DDR; die Mutter, Irene Gysi geb. Lessing, war mit ihrem Mann im kommunistischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten aktiv und nach 1949 unter anderem Abteilungsleiterin im Ministerium für Kultur der DDR.

Gysi beschreibt seinen Lebens- und Karriereweg im Spannungsfeld von Staatsloyalität und systemimmanenten Handlungsspielräumen, die er mal für sich und mal für andere, auch seine Mandanten, zu nutzen vermochte. Er nimmt nicht zu Unrecht für sich in Anspruch, mit Cleverness manchem Apparatschik ein Schnippchen geschlagen zu haben, was er noch heute zu genießen scheint. Als Bespiel führt er der Leserschaft vor Augen, wie er die wiederholten Versuche, ihn zum Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA) einzuziehen, letztlich erfolgreich konterkarierte.

Aber dies war nur eine Seite des Lebens des Gregor Gysi in der DDR, wenn auch die sympathischere. Entscheidender für die Beurteilung seiner Rolle ist jedoch seine politische Loyalität zum SED-Regime, seine konsequent verfolgte Karriere und nicht zuletzt das dafür notwendige Durchsetzungsvermögen mit komplementärer Anpassungsbereitschaft: Er war jüngstes Mitglied des „Berliner Rechtsanwaltskollegiums“, avancierte 1988 zu dessen Vorsitzendem und Mitte 1989 zum Vorsitzenden des „Rates der Vorsitzenden der Rechtsanwälte“ in der gesamten DDR. Bereits Ende der siebziger Jahre war er einer der bekanntesten Rechtsanwälte der DDR. Eine solche, weitgehend reibungslos verlaufende Karriere wäre ohne seinen familiären Hintergrund, bei dem der Eintritt in die „Sozialistische Einheitspartei“ (SED) unmittelbar nach dem Erreichen der Volljährigkeit gleichsam eine Selbstverständlichkeit war, kaum denkbar gewesen: „Es war meine feste Überzeugung, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen“, so Gysi. Das allein hätte aber nicht gereicht. Aktives Engagement für die Sache des Staatssozialismus war gefordert: So war er während des Studiums an der Humboldt-Universität FDJ-Sekretär und Mitglied der Sektionsparteileitung. Während seiner Anwaltstätigkeit wurde er Parteisekretär der Grundorganisation des „Berliner Rechtsanwaltskollegiums“ – eine politische Schlüsselfunktion, die ihn in den Kreis der Nomenklaturkader, also der zukünftigen Partei- und Staatselite der DDR aufsteigen ließ.

Dass es gerade Gregor Gysi war, der in der Phase des Zusammenbruchs der DDR im Herbst/Winter 1989 das Überleben der SED durch Transformation und Erneuerung organisieren und sichern würde, war nicht vorhersehbar. Dennoch entbehrte es nicht einer gewissen Logik: Gysi war prominent und vor allem eloquent, kein engstirniger Parteikader, sondern wie geschaffen, um im Wendeherbst von der SED zu retten, was noch zu retten war. Erst in dieser Umbruchsphase kamen seine Talente richtig zur Geltung: Intellektuelle Beweglichkeit, rhetorisches Talent und taktisches Geschick waren jetzt gefragte Eigenschaften – und die brachte Gysi zweifellos mit. Sie bestimmten auch sein zweites Leben als Berufspolitiker und machten ihn zum Talkshowstar.

Ein Zuckerschlecken war sein öffentliches Leben im vereinigten Deutschland aber trotzdem nicht. Ausgiebig schildert Gysi Schmähungen und Arroganz, die ihm als Parteivorsitzenden der SED-Nachfolgepartei PDS im Deutschen Bundestag, aber auch sonst in der Öffentlichkeit entgegenschlugen. Diese Reaktionen vor allem von Abgeordneten der etablierten Parteien wirken im Rückblick ziemlich überzogen, sie unterstreichen eindrücklich, wie lang der Weg zur gesamtdeutschen politischen Normalität war. Gysi spricht vom Bundestag der neunziger Jahre als einer „Kampfarena“, in der die Abgeordneten seiner Partei „wo es nur ging, geringschätzig behandelt und ausgrenzt“ wurden – ein teilweise wenig rühmliches Stück gesamtdeutscher Parlamentsgeschichte. Schwarz-Weiß-Malerei entwertete auch das „gelebte Leben“ einfacher, ehemals mehr oder weniger angepasster DDR-Bürger. Gysi betont nicht ganz zu Unrecht: „So wuchs auch das Gefühl der Demütigung, weil DDR-Geschichte regelmäßig reduziert wurde auf Helden- und Stasigeschichten, Widerstand und Mitläuferschaft. Dazwischen nichts?“

Wer allerdings von Gysis Autobiographie eine eigene kritische Auseinandersetzung mit der DDR und eine wirklich selbstkritische Reflexion seiner eigenen Rolle erwartet hat, wird weitgehend enttäuscht. Der Rechtsanwalt und Kollegiumsfunktionär Gysi erscheint als zäher und pfiffiger Streiter für Rechtsstaatlichkeit im SED-Staat. Das ist nicht völlig falsch, aber nur die halbe Wahrheit, wie eine kürzlich erschienene Monographie über die Rechtsanwaltschaft der DDR zeigt, in der auch seine regimekonformen Schattenseiten deutlich werden. Vor diesem Hintergrund erzählt uns Gysi sein Leben mit einer geradezu irritierenden Leichtigkeit. Im Hinblick auf die Frage der Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit serviert er dem Leser erwartbar die altbekannte Version. Gleiches gilt für den Verbleib von Resten des SED-Vermögens.

Trotzdem liest man das Buch gerne, es ist gut geschrieben und bietet anschauliche Einblicke in die Lebens- und Gedankenwelt eines Protagonisten, der in zwei politischen Systemen an vorderster Front mitspielte. Dass Talent, Persönlichkeit und individuelle Leistung hierbei eine wesentliche Rolle spielten, wird überdeutlich. Man tut dem Autor sicherlich nicht unrecht, wenn man ihm ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein unterstellt. Eitelkeit dürfte er nicht zu den Todsünden rechnen. Gregor Gysi ist offensichtlich mit sich und seinem Leben im Reinen.

Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig. Die Autobiographie.

Aufbau Verlag, Berlin 2017. 583 S., 24,– .

Quelle: F.A.Z.
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