Iran

Drohkulisse und Wirklichkeit

Von Lorenz Hemicker
 - 12:59

Droht dem Nahen Osten ein weiterer militärischer Konflikt? Diese Frage stellt sich – wieder einmal. Den jüngsten Anlass dazu lieferte vergangene Woche Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Bei einer pompös angelegten Vorstellung anlässlich der angeblichen Erbeutung Zehntausender geheimer iranischer Dokumente warf er Teheran abermals vor, das eigene Atomprogramm seit Jahren vor der Weltöffentlichkeit geheim zu halten. Was wirklich Neues in den Dokumenten steht, ist bislang noch offen. Dennoch scheint die kurzfristige Rechnung Netanjahus klar: Der amerikanische Präsident Donald Trump steht kurz davor, das Atomabkommen mit Iran zu kündigen. Netanjahu will letzte Zweifel daran beseitigen. Aber was kommt dann? Iran weigert sich, das Abkommen neu zu verhandeln. Netanjahu hat mehrfach angekündigt, in dem Fall die Atomanlagen Irans angreifen zu wollen.

Ob es dazu kommt oder nicht, darüber ist in Deutschland schon viel diskutiert worden. Das Schicksal, dass die vielleicht umfassendste deutschsprachige Analyse zu dem Thema dabei bislang kaum wahrgenommen wurde, mag sie mit anderen akademischen Publikationen teilen. Am Inhalt kann es nicht liegen. Mit ihrem 2017 erschienenen Buch „Israel und das Szenario eines Präventivschlags gegen den Iran“ zeigen Nico Fuhrig und Kevin Kälker kenntnisreich auf, warum die Israelis nicht so schnell schießen können, wie Netanjahu droht.

Die Gründe dafür leiten die beiden Nachwuchswissenschaftler über vier Wege her, drei politikwissenschaftliche Theorien und eine militärische Fähigkeitsanalyse. Nach konstruktivistischer Lesart scheidet ein Präventivschlag demnach aus, weil er sich im konkreten Fall nicht zu einem „strategisch-kulturellen Imperativ“ entwickeln kann. Verantwortlich dafür machen die Autoren eine Reihe von Blockaden. So scheint Teherans Nuklearprogramm etwa schon zu weit fortgeschritten, um es noch dauerhaft aufhalten zu können. Hinzu kommt die Sorge vor Vergeltungsaktionen durch Iran selbst oder Verbündete wie die libanesische Hizbullah. Schließlich fehlte es der Regierung Netanjahu bis zuletzt an diplomatischer Unterstützung für eine Militäraktion.

Mit Hilfe des bürokratietheoretischen Ansatzes zeigen Fuhrig und Kälker anschließend auf, wie hoch die innenpolitische Barriere für Netanjahu wäre, wenn er einen Angriff tatsächlich anordnen wollte. Dies geschieht exemplarisch für die Jahre 2013 und 2014, anhand der Konstellation im Sicherheitskabinett Israels, in dem alle wichtigen sicherheitspolitischen Entscheidungen getroffen werden. Zwar befanden sich in dem Gremium während dieser Zeit ausschließlich Befürworter einer konfrontativen oder noch konfrontativeren Iran-Politik. Doch überwog der Anteil der reinen Sanktionsbefürworter gegenüber den Interventionanhängern laut Fuhrig und Kälker leicht. Wie die Autoren zeigen, bedarf es für einen Militärschlag im Sicherheitskabinett eines eindeutigen Votums – und zugleich der Zustimmung des mächtigen Generalstabschefs.

Aus der neorealistischen Schule leiten die Autoren ferner ab, dass das höchste systemische Risiko eines israelischen Präventivschlages dann eintritt, wenn sich Israels Machtposition gegenüber Iran stark verschlechtert, das militärische Kräfteverhältnis sich also stark zugunsten Teherans verschieben und sich gleichzeitig die Beziehungen zwischen dem Mullah-Regime und Washington erkennbar entspannen würden. Bemerkenswert: Aus neorealistischer Sicht wären Nuklearwaffen auf beiden Seiten der beste Garant für Stabilität. Der Kalte Krieg lässt grüßen.

In ihrer militärischen Fähigkeitsanalyse beschreiben Fuhrig und Kälker schließlich zutreffend die israelischen Streitkräfte als die besten, wenn auch nicht zahlenmäßig größten, des gesamten Nahen Ostens. Zugleich arbeiten sie heraus, warum sie dennoch mit einem Präventivschlag gegen Iran an ihre Grenze gelangen würden. Jerusalem und Teheran trennen 1500 Kilometer. Große Teile des Heeres, der Marine und der Luftwaffe sind schlicht ungeeignet dafür, an einer militärischen Langstreckenoperation gegen Iran teilzunehmen. Sei es aufgrund fehlender Reichweite oder Versorgungsmöglichkeiten, sei es, dass ihr Einsatz zu riskant wäre oder sie für andere Aufgaben gebraucht werden. Für die Hauptlast eines Präventivschlages kommt aus Sicht der Autoren nur die israelische Luftwaffe in Frage. Ihre Kampfflugzeuge müssten dafür in der Luft betankt werden, um den Einsatz überhaupt bewältigen zu können, und zudem über fremde Gebiete fliegen, am günstigsten wäre eine Anflugroute über Saudi-Arabien. Doch selbst wenn diese Bedingungen sich erfüllen ließen, könnten die Israelis lediglich einige der im ganzen Land verteilten iranischen Atomanlagen zerstören. Massiv gehärtete oder tief unter der Erde liegende Anreicherungsfarmen ließen sich ohne operative Unterstützung der Amerikaner wohl kaum treffen. Hinzu kämen die Risiken, frühzeitig entdeckt zu werden, eigene Verluste angesichts verbesserter Luftabwehrkapazitäten der Iraner und schließlich die Gefahr von Vergeltungsaktionen.

Präventivschlag ausgeschlossen also? Nicht ganz. Man merkt dem Buch an, dass die Autoren – auch wenn sie Donald Trump beim Namen nennen – den konfrontativen Iran-Kurs der neuen amerikanischen Regierung in der Schlussphase nicht mehr einarbeiten konnten. Schließlich könnten sich wichtige Annahmen in Jerusalem ändern, sollte Washington dazu bereit sein, sich an einem Präventivschlag militärisch zu beteiligen. Dass Trump zu Luftschlägen im Nahen Osten generell bereit ist, hat er im Fall Syriens bereits gezeigt. Und in Gestalt seines neuen nationalen Sicherheitsberaters John Bolton sitzt ihm ein Mann zur Seite, der im März 2015 in einem Gastbeitrag in der „New York Times“ geschrieben hatte: „Um Irans Bombe aufzuhalten, muss man Iran bombardieren.“ Auch die vorsichtige Öffnung Saudi-Arabiens – Irans regionalem Gegenspieler – gegenüber Israel, die von Kronprinz Muhammad bin Salman initiiert wurde, könnte Israels Sorge vor Vergeltungsschlägen verringern.

Beides aber ist den Autoren ebenso wenig anzulasten wie die Tatsache, dass dieses Buch in erster Linie offenbar für ein Fachpublikum geschrieben wurde. Wer sich die Mühe macht, sich in den wissenschaftlichen Stil hineinzulesen, den erwartet eine dicht gewebte und aufschlussreiche Analyse. Dass solche Erkenntnisse in Deutschland dringend gebraucht werden, ist offenkundig. Die Kanzlerin sagte 2008 mit Blick auf das iranische Nuklearprogramm vor der Knesset: Israels Sicherheit ist deutsche Staatsräson.

Nico Fuhrig, Kevin Kälker: Israel und das Szenario eines Präventivschlags gegen den Iran.

Nomos Verlag, Baden-Baden 2017. 304 S., 49,– .

Quelle: F.A.Z.
Lorenz Hemicker
Redakteur in der Politik
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