Japan

So schnell wird man „Nationalist“

Von Klaus Vollmer
 - 12:53

Neben „Kirschblüten“, „Samurai“ und „Sushi“ ist möglicherweise der „schwierige Umgang mit der Vergangenheit“ eines der Schlagworte, die vielen Deutschen in den Sinn kommen, wenn heute von Japan die Rede ist. Dass in Gestalt von Shinzo Abe noch immer ein nationalistischer Hardliner regiert, der offen geschichtsrevisionistische Thesen vertritt, ruft gerade hierzulande oft unwilliges oder zumindest ungläubiges Kopfschütteln hervor. Problematisch an dieser Wahrnehmung ist, dass Denken und Verhalten der erzkonservativen politischen Eliten Japans oft mit „Japan“ gleichgesetzt werden und so leicht der Eindruck entsteht, die japanische Gesellschaft identifiziere sich insgesamt mit solchen nationalistischen oder chauvinistischen Tendenzen. Leider spiegelt die hiesige Medienberichterstattung in den meisten Fällen kaum die komplexe und lebendige gesellschaftspolitische Debatte in Japan wider, die sich seit Mitte der neunziger Jahre intensiv und in beachtlicher Bandbreite mit geschichts- und erinnerungspolitischen Fragen befasst. Diese Debatte vorzustellen und „diskursanalytisch“ zu untersuchen, hat sich Raffael Raddatz in seiner Monographie über „Patriotismusdiskurse im gegenwärtigen Japan“ zur Aufgabe gemacht.

Dass er dieses Phänomen ganz zu Recht in einem umfassenderen Kontext verortet, macht der Untertitel deutlich, denn Raddatz sieht Patriotismusdiskurse als eine „Identitätssuche im Spannungsfeld von Nation, Region und globalem Kapital zu Beginn des 21. Jahrhunderts“. Auch dem japanologischen oder politikwissenschaftlichen Laien dürfte damit klar sein, dass hier ein in begrifflicher und theoretischer Hinsicht sehr anspruchsvoller und vor allem breiter Rahmen aufgerichtet wird, den konsistent und plausibel zu füllen keine leichte Aufgabe ist.

Leider wird der Autor diesem hohen Anspruch kaum gerecht. Zunächst ist zu konstatieren, dass allein zu den Themenkomplexen Geschichtsrevisionismus, Geschichtsschulbücher und Nationalismus in Japan bereits seit vielen Jahren umfangreiche monographische Veröffentlichungen in deutscher und englischer Sprache vorliegen. In diesen lässt sich minutiös die Komplexität und Vieldimensionalität der damit verbundenen Kontroversen studieren. So bleibt dem Autor gar nichts anderes übrig, als über weite Strecken diese Forschungsliteratur zu paraphrasieren und zu kondensieren (wobei Raddatz erstaunlicherweise die frühe Studie des Heidelberger Japanologen Wolfgang Seifert über „Nationalismus im Nachkriegs-Japan“ [Hamburg 1977] übersehen hat).

Dabei entsteht ein umfangreiches, aber streckenweise ermüdendes Referat der Sekundärliteratur, das notgedrungen deren Komplexität gar nicht einfangen kann und an der Oberfläche bleiben muss. Es ist erkennbar die Breite, die Raddatz fasziniert, wenn er versucht, alle möglichen Diskurse einzufangen, die seit etwa 1998 – dem Erscheinungsjahr des Millionensellers „Über den Krieg“ von Yoshinori Kobayashi, einem der bekanntesten Geschichtsrevisionisten – im Kontext von Nationalismus, Patriotismus und japanischer Identität entstanden sind. So behandelt er neben den Debatten um Kriegsschuld und Kriegsverbrechen etwa japanische Strategien des Nation Branding, mit denen Japan als „Marke“ etabliert werden soll („Cool Japan“), referiert die Diskussion über den „Sportnationalismus“ fahnenschwenkender junger Japaner in Fußballstadien, die an das „Sommermärchen“ von 2006 erinnern, und bezieht schließlich auch immer wieder Vertreter klassischer „Japandiskurse“ wie etwa Takeshi Umehara in seine Betrachtung ein.

Die inhaltliche Zusammenfassung einiger der wichtigen japanischen Intellektuellendiskurse der vergangenen zwanzig Jahre zur Frage von „Nationalismus“, „Patriotismus“ und „Heimatliebe“ ist gewiss verdienstvoll, gerade weil sie dem allgemein an Japan interessierten deutschen Publikum eine Ahnung der Polyphonie dieser Debatten vermittelt. Apropos Vielstimmigkeit: Raddatz, der nicht nur den „Nationalismus ,von oben‘“ ergründen will, sondern sich auf knapp hundert Seiten auch mit nationalistischen Strömungen in japanischen Subkulturen und unter jungen Erwachsenen befasst hat, präsentiert in seiner Studie auf zwanzig Seiten Ergebnisse von Gesprächen, die er mit zwölf Mitgliedern dieser Zielgruppe zwischen 2010 und 2012 geführt hat.

Diese belegen sehr eindrucksvoll, in welcher Bandbreite sich Vorstellungen, Visionen und Verhaltensweisen des „Japanerseins“ heute bewegen und auch, dass von einem immer wieder konstatierten allgemeinen „Rechtsruck“ gerade junger Leute in Japan eben kaum die Rede sein kann. Sehr deutlich wird hier, dass solche Zuschreibungen vor allem Definitionsfragen sind, die mit Verhältnissen, Terminologien und Kontexten zu tun haben. Hier ist exakte und theoretisch präzise informierte Begriffsarbeit erforderlich. Auch wenn der Autor selbst diese Notwendigkeit eingangs postuliert, ist der vorliegende Band in dieser Hinsicht sehr enttäuschend. Weithin im Modus der Beschreibung bleibend, verzichtet er auf eine tiefergehende Analyse der ja bereits vielfach konstatierten Befunde. Die dabei verwendete, gelegentlich an eine ambitionierte Seminararbeit erinnernde Sprache macht es dem Leser auch nicht einfacher.

Problematisch ist, dass der Schlüsselbegriff „Nationalismus“ so inflationär verwendet wird, dass er seine Trennschärfe und analytische Kraft weitgehend verliert. Am Ende ist jeder, der sich im heutigen Japan über Japan Gedanken macht, ein „Nationalist“. Und noch eines fällt auf: Obgleich es das erklärte und mit bewundernswertem Fleiß verfolgte Ziel des Autors ist, die ganze Bandbreite der Diskussion um Nationalismus und Patriotismus in Japan zu skizzieren, so sehr ist dann doch im Hintergrund immer wieder ein impliziter Generalverdacht zu spüren. Denn indem die Debattenbeiträge als zielgerichtete Bewegung hin zu „Intensivierung“ und „Radikalisierung“ eines „japanischen Gegenwartsnationalismus“ gedeutet werden, wird fast zwangsläufig der düstere Schatten der Vergangenheit evoziert. Mit offenkundiger Lust an einer Sprache der Eskalation gerät dann etwa der „Post-Fukushima-Nationalismus“ zur „dritten Zündstufe“ dieser Entwicklung. So gesehen ist Raddatz’ Studie dann auch wieder ein sehr deutsches Buch.

Raffael Raddatz: Patriotismusdiskurse im gegenwärtigen Japan. Identitätssuche im Spannungsfeld von Nation, Region und globalem Kapital zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2017. 362 S., 59,90 .

Quelle: F.A.Z.
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