Anzeige

Koloniale Konzentrationslager

Noch ohne Vernichtungsabsicht

Von Peter Hoeres
 - 10:45
Noch ohne Vernichtungsabsicht Bild: dpa, F.A.Z.

Moderne Konzentrationslager entstanden als Instrument kolonialer Kriegführung. Um 1900 wurden sie in den Kolonialkriegen der Spanier auf Kuba (400 000 Internierte), der Amerikaner auf den Philippinen (über 300 000), die auch wegen der spanischen Lager auf Kuba interveniert hatten, der Engländer in Südafrika (200 000) und der Deutschen in Südwestafrika (20 000) errichtet. In seiner einleuchtenden Studie vergleicht Jonas Kreienbaum britische Lager im Burenkrieg (1899 bis 1902) mit deutschen Lagern im Krieg gegen die Herero und Nama (1904 bis 1907), fragt nach Praktiken, Gemeinsamkeiten, Transfers und Kontinuitäten zu späteren Lagersystemen.

Anzeige

Alle kolonialen Lager, so der Autor, entstanden nicht aus einer Vernichtungsintention heraus, sondern mit dem Ziel, den jeweiligen Krieg zu beenden. Der Guerrillakrieg sollte durch die Abschottung der Kämpfer von der Unterstützung der einheimischen Bevölkerung ausgetrocknet werden, die Aufständischen kontrolliert, bestraft und zur Arbeit erzogen werden. In Deutsch-Südwest sollten die aufständischen Herero und Nama eben gerade nicht (mehr) dem Tod überlassen werden. Nach General von Trothas berüchtigtem Vernichtungsbefehl gegen die Herero vom 2. Oktober 1904 hatte sich im Deutschen Reich scharfer Protest erhoben. Kaiser und Reichskanzler stoppten den Befehl, die Rheinische Missionsgesellschaft empfahl als Alternative die Konzentrierung der Herero an Wasserstellen zur „Schonung des Lebens“.

Jonas Kreienbaum sieht - entgegen der Sonderwegsthesen von Isabel Hull, gegen die er mehrfach argumentiert - darin gerade einen Beleg, dass sich die deutsche politische Kultur hier weder von der britischen unterschied noch das Militär dem Einfluss der öffentlichen und politischen Kontrolle entzogen war. Weder im britischen noch im deutschen Kalkül waren die Lager zur Vernichtung, auch nicht zur „Vernichtung durch Arbeit“, errichtet worden. Die hohen Sterberaten waren der mangelnden Hygiene, der schlechten Versorgungslage und den immensen logistischen Schwierigkeiten geschuldet. Dabei stand die Fürsorge für die schwarzen Internierten freilich auch am Ende der Aufmerksamkeitsökonomie der Kolonialherren - und dies gilt ebenso für die europäischen Öffentlichkeiten. Die Menschenrechtsaktivistin Emily Hobhouse besuchte eben nur die Camps der Buren, nicht die der Schwarzen, und die Rheinische Mission wandte sich mit ihren Beschwerden nicht an die deutsche Öffentlichkeit.

Entschieden wendet sich Kreienbaum gegen die These einer Kontinuitätslinie von Windhuk nach Auschwitz: „Von Vernichtungslagern im kolonialen Kontext zu sprechen, ist daher irreführend. […] Die Unterversorgung war Resultat von logistischen Problemen, Ressourcenmangel, rassistischer Gleichgültigkeit und anderer Prioritätensetzung, nicht aber Ausdruck eines Vernichtungswillens.“ Greift die Kontinuitätsthese nicht im Hinblick auf die Vernichtungslager, so auch nicht hinsichtlich der Konzentrationslager in Deutschland wie Buchenwald oder Dachau. Abgesehen von der dramatischen Veränderung und Ausweitung dieser Lager im Zuge der nationalsozialistischen Herrschaft, waren die Strukturen und Funktionen überwiegend unterschiedlich, hier die Gegnerbekämpfung und dann „rassische Generalprävention“, dort die Beendigung des Kolonialkrieges.

Anzeige

Vor allem lassen sich, so Kreienbaum, keine plausiblen Belege für ein nationalsozialistisches „Lernen“ aus der Erfahrung mit kolonialen Konzentrationslagern finden. Die deutschen Lager in Südwestafrika spielten beim Aufbau der KZs nach 1933 keine Rolle, die britischen in Südafrika dienten allein als Negativ-Folie der Propaganda. Stattdessen scheinen andere Vorläufer - die Internierungslager für Ausländer im Ersten Weltkrieg in zahlreichen Staaten, die Tradition der Schutzhaft und der Arbeitshäuser - beachtenswert zu sein. Die Verbindungslinie zum „Dritten Reich“ wird durch die Begrifflichkeit „Konzentrationslager“ suggeriert, welche die heutige Forschung aber nicht in die Irre führen sollte.

Schließlich mahnt Kreienbaum zur Zurückhaltung bei dem Trend, allerorten transnationale Einflüsse zu konstruieren. Natürlich waren den Deutschen die britischen Lager in Südafrika bekannt, und in diese Richtung sind am ehesten Transferprozesse auszumachen. Die Briten orientierten sich aber eher an eigenen Erfahrungen in Indien und offenbar nicht an Kuba oder den Philippinen. Lokale Gegebenheiten und nationale Faktoren sind ebenso in Rechnung zu stellen wie Gemeinsamkeiten der kolonialen Kultur, etwa in der Zielsetzung, die „Eingeborenen“ zur Arbeit zu erziehen. Im Falle der Filipinos und der Buren verfolgten die Amerikaner und die Briten auch eine Zivilisierungsagenda.

Die Politik der Lager war jedoch kontraproduktiv und führte nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Die 1910 gegründete Union of South Africa wurde von den Buren und nicht den Briten dominiert, und die Erinnerung an die Konzentrationslager mobilisierte die „Afrikander“. Für das politische und humanitäre Scheitern der Konzentrationslager steht das titelgebende Zitat von Alfred Milner, dem britischen Hohen Kommissar in Südafrika, welcher die „ganze Sache“ als ein „trauriges Fiasko“ bezeichnete.

Jonas Kreienbaum: Ein trauriges Fiasko. Koloniale Konzentrationslager im südlichen Afrika 1900-1908. Verlag Hamburger Edition HIS, Hamburg 2015. 300 S., 28,- €.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenPhilippinenSüdafrikaKonzentrationslager

Anzeige