Konservatismus

Das Gestern im Heute für morgen

Von Frank Bösch
 - 11:33

Der Konservatismus war lange in der Versenkung verschwunden. Nach dem Generationswechsel der neunziger Jahre gab es in den Unionsparteien nur wenige, die explizit das Erbe von Strauß, Dregger oder Otto von Habsburg antreten wollten. Seit dem Aufkommen der AfD hat sich das verändert. Deren Anspruch, das konservative Erbe der Union anzutreten, bringt wieder Schwung in die alte Debatte, wer oder was als konservativ, rechts oder populistisch zu bezeichnen sei. Gibt es übergreifende Werte, die Konservative ausmachen? Inwieweit stehen Alexander Gauland und Jörg Meuthen in einer Tradition konservativer Intellektueller, die einst für das christliche Abendland, Ordnung und Autorität eintraten?

Der von Sebastian Liebold und Frank Schale edierte Band sieht von Bezügen zur Gegenwart ab. Ebenso vermeidet sein nüchterner Duktus eine Parteinahme. Aber man kann das Buch durchaus vor dem Hintergrund aktueller Debatten lesen. Das gilt besonders für den lesenswerten Beitrag von Martina Steber, die sich mit der Deutschen Partei auseinandersetzt. Diese explizit konservative Partei war nach Gründung der Bonner Republik immerhin elf Jahre in Adenauers Kabinett als Koalitionspartner vertreten. Ihr Einzug gelang seit 1953 zwar nur über Direktmandate, die sie über Wahlabsprachen mit der Union sicherte, aber mit Heinrich Hellwege und Hans-Joachim von Merkatz stellte sie sichtbare konservative Bundesminister und den Ministerpräsidenten von Niedersachsen. Ihre Schriften – wie die „20 Thesen für eine zeitnahe konservative Politik“ von 1955 – ermöglichen eine Annäherung an die Merkmale des Konservatismus. Dazu zählen die Sehnsucht nach Ordnung, Autorität und Tradition und der Verweis auf das Christentum als „Garant ewiger Werte“. Die Freiheit des Individuums versuchten sie mit der „Autorität des Staatswillens“ anzugleichen. Eine „Freiheit in Ordnung“ versprach schließlich auch die CDU und setzte sie erfolgreich um, so dass die Deutsche Partei schrittweise in ihr aufging. Wie in den fünfziger Jahren wird vermutlich die künftige Wirtschaftskonjunktur mit entscheiden, ob der AfD ein ähnliches Schicksal bevorsteht.

In den fünfziger Jahren entstanden zudem bereits internationale konservative Netzwerke, wie Johannes Großmann anschaulich zeigt. So baute die Abendländische Akademie grenzübergreifende Kontakte aus. Ihre Vorsitzenden Friedrich August Freiherr von der Heydte und Otto von Habsburg spielten dabei eine Schlüsselrolle. Um die „christlichen Kräfte Europas“ zu mobilisieren, trafen sich die westeuropäischen Konservativen vor allem in Francos Spanien. Von dort kehrten sie mit dem Eindruck zurück, dass „dieses Spanien abendländischer und wehrfähiger als der Rest Europas sei“, so Alfons Dalma 1952 in der Zeitschrift „Neues Abendland“. Auch im folgenden Jahrzehnt verteidigte dieses Netzwerk Francos Regime. Heutige Beschwörungen des „christlichen Abendlandes“, wie sie die AfD und Pegida aufbringen, erinnern ebenso daran wie ihre Faszination für autoritäre Politiker in unseren Nachbarländern.

Die restlichen Texte des Bandes versammeln mosaikartig einzelne Biographien von Konservativen, die unbelastet, jung oder im Exil den Nationalsozialismus überstanden. Wenngleich dies sicher keine ganz typischen Lebensläufe sind, liest man viele mit Gewinn, weil sie vertraute Schubladen sprengen. Das gilt etwa für Nils Langes Beitrag über den Journalisten Matthias Walden, der zunächst als Chefredakteur des Senders Freies Berlin, als Kolumnist der Zeitschrift „Quick“ und später als Mitherausgeber der „Welt“ für konservative Positionen stritt. Dass er mit großer Härte gegen Brandts Ostpolitik und die Liberalisierung der Bundesrepublik kämpfte, überrascht wenig. Dass er jedoch Anfang der sechziger Jahre die Verdrängung der NS-Verbrechen und die personelle Kontinuität im öffentlichen Dienst kritisierte, ist kaum bekannt. Ebenso kritisierte Walden die Traditionspflege in der Bundeswehr, die sich zu sehr auf die Wehrmacht beziehe und riet, doch eher den 20. Juli zum Vorbild zu nehmen. Zumindest in dieser Hinsicht war er sicher kein Vorläufer von Alexander Gauland.

Aus dem Widerstand des 20. Juli stammte der CDU-Mitbegründer Andreas Hermes, den Peter Becker porträtiert. Der frühere Reichslandwirtschaftsminister und Bauernverbandsvorsitzende trat in den fünfziger Jahren mit Verve für die Erhaltung einer tradierten Agrarstruktur ein. Adenauer schloss jedoch dessen Ernennung zum Landwirtschaftsminister aus, weil Hermes die Westpolitik nicht unterstützte. Eher implizit zeigt dies die Spaltung der Konservativen über Fragen wie Nation oder Subventionen.

Aus dem Exil kehrte dagegen der Politikwissenschaftler Arnold Bergstraesser zurück, den Sebastian Liebold als „konservativen Humanisten“ beschreibt. Bergstraesser förderte den transatlantischen Ideenaustausch und wirkte über die Ausbildung zahlreicher Schüler. Was genau jedoch den konservativen Gehalt seiner Ansätze ausmacht, bleibt in der biographischen Skizze blass. Ähnliches gilt für den Artikel zu Carl Joachim Friedrich, der als „liberalkonservativer“ Gelehrter porträtiert wird. Noch überraschender ist, dass Max Horkheimer in den Reigen der Konservativen aufgenommen wird, weil dieser die Familie verteidigte und dafür eintrat „gewisse kulturelle Momente zu bewahren“.

Spätestens hier zeigt sich, dass eine genauere Eingrenzung des Konservatismus lohnenswert ist. Im Gestrüpp der Einzelbiographien bleibt der Band jedoch eine Antwort darauf schuldig. Auch Einleitung und Fazit werfen eher Fragen auf. Begriffe wie „Nationalkonservative“, „liberaler Normalkonservatismus“ oder „Liberalkonservatismus“ werden beiläufig ohne Abgrenzungen erwähnt. Dabei geht der Herausgeber von einem Verschwinden konservativer Restbestände aus der Weimarer Republik aus, die sich in „ein integratives bürgerliches Common-Sense-Denken“ transformiert hätten. Tobias Bartels präsentiert dagegen die Kategorie der „moderaten Konservativen“: Diese würden den Fortschritt integrieren, die Demokratie anerkennen und die „soziale Ordnung als einen Prozess organischen Wachstums“ betrachten. Die „radikalen Konservativen“ seien hingegen antiliberal und träten aus nationalen Überzeugungen gegen die „Vergangenheitsbewältigung“ auf. Eine genauere Trennung erscheint auch hier kaum möglich.

Einleitend schlägt der Band deshalb vor, sich auf semantische Deutungskämpfe um den Begriff Konservatismus zu beschränken. Dies bedeutet freilich, sich auf kritische Außenbeschreibungen von links und auf jene wenigen Personen zu beschränken, die sich explizit als Konservative bezeichnen. Viele Schriften kommen da nicht zusammen, da die Skepsis gegenüber theoretischen Entwürfen gerade ein Merkmal des Konservatismus ist. Eine wäre, den Konservatismus künftig weniger begriffs- und ideengeschichtlich zu betrachten, sondern eher sozial- und kulturgeschichtlich. So würde seine soziale Bedeutung deutlich, die sich in der Lebenswelt zeigt: in kommunikativen Netzwerken, in gelebten und vertretenen Werten oder in der politischen Praxis. Hieraus ließen sich Abgrenzungen und Schnittmengen ausmachen. Das Eintreten für eine religiös tradierte Ordnung, die Akzeptanz von Ungleichheit oder auch der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Kultur ließen sich dabei als Werte ausmachen, die damals und heute den Konservatismus prägen, auch wenn politische Inhalte sich stark wandeln.

Sebastian Liebold/Frank Schale (Hg.): Neugründung auf alten Werten? Nomos Verlag,

Baden-Baden 2017. 256 S., 49,– .

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAfDAlexander GaulandCDUUnionsparteienJörg MeuthenEuropa