Kursk 1943

Verlogene Schlachten

Von Rolf-Dieter Müller
 - 09:47

Feldherren verklären meist gern ihre Siege oder deuten ihre Niederlagen als „Verlorene Siege“. Die nüchterne und sachliche Arbeit des Münchner Zeithistorikers Roman Töppel über eine der wichtigsten Entscheidungsschlachten des Zweiten Weltkriegs setzt auf die akribische Arbeit mit den Quellen der Schlacht. Sie ragt damit aus der Fülle vorhandener Memoiren- und Sachbuchliteratur hervor, wo dramatische Bilder und Propagandafotos sowie dramatisierende Augenzeugenberichte beider Seiten den Leser zu beeindrucken versuchen.

Oft werden lediglich die Legenden der älteren Literatur kolportiert. Töppel ist ein ausgewiesener Fachmann zur Kursker Schlacht und insbesondere der Panzerwaffe, die im Sommer 1943 mit mehr als zehntausend Panzern und Selbstfahrlafetten auf beiden Seiten ihren entscheidenden Beitrag leistete, zusammen mit drei Millionen Soldaten und 8000 Flugzeugen.

Das deutsche „Unternehmen Zitadelle“ führte zur größten Panzerschlacht der Geschichte. Töppels übersichtliche Studie – in der renommierten Reihe „Schlachten. Stationen der Weltgeschichte“ publiziert – ist auch für den militärhistorisch interessierten Laien gut lesbar geschrieben sowie mit einigen Karten und Abbildungen ausgestattet. Erich von Manstein, der als größtes operative Talent an Hitlers Ostfront gilt, verschwieg in seinen inzwischen in der 18. Auflage erschienenen Memoiren, dass die Idee zu einer letzten deutschen Großoffensive im Osten von ihm selbst stammte.

Adolf Hitler, der ursprünglich von einem begrenzten Unternehmen ausgegangen war, näherte sich Mansteins Idee einer umfassenden Sommerschlacht schrittweise an. Der massive Zangenangriff gegen den vorspringenden Frontbogen von Kursk, Orjol und bei Charkow sollte den Südflügel der sowjetischen Front vernichten und damit die deutschen Aussichten auf eine Stabilisierung der nach Stalingrad angeschlagenen Wehrmacht erhöhen. Es ging darum, das Gesetz des Handelns zurückzugewinnen.

Monatelang wurde um Zeitpunkt, Kräfteansatz und Zielsetzung des Unternehmens gerungen. Die Zuversicht in der höheren militärischen Führung war nicht groß. Reinhard Gehlen als Chef „Fremde Heere Ost“ gehörte zu denen, die von einem massiven Frontalangriff abrieten, denn er wusste um den Aufwand, den die Rote Armee betrieb, um den Kursker Bogen zu einer Panzerabwehrfestung mit bis zu fünf Verteidigungslinien auszubauen. Es war deutlich, dass die Wehrmacht mit weit unterlegenen Kräften den Angriff wagen sollte. Dabei übersah auch Gehlen noch die riesigen Massierungen der Steppenfront, die als Reserven herangeführt wurden. In Moskau kannte man dagegen nahezu jedes Detail der deutschen Planungen.

Der Autor zeichnet die Vorbereitungen beider Seiten kenntnisreich und übersichtlich nach. In seinem Hauptteil analysiert er dann den Zusammenprall der feindlichen Armeen im „Feuerbogen“ und bewegt sich dabei vor allem im Bereich der mittleren Führungsebene. So kann er zeigen, wie die deutschen Angriffsverbände trotz starker Verluste zwar erste Einbrüche in die sowjetische Verteidigung erzielen konnten, aber keinen Durchbruch erreichten. Bei Prochorowka kam es dabei zu einem dramatischen Begegnungsgefecht zwischen Eliteverbänden der Waffen-SS mit zahlenmäßig überlegenden sowjetischen Panzerverbänden, die in einer selbstmörderischen Sturmfahrt einen Gegenangriff versuchten. Am Ende hatten sie horrende Verluste zu verzeichnen, bei relativ geringen Verlusten auf deutscher Seite.

Die Zahlenproportionen sind bis heute umstritten, sollen aber auf russischer Seite die Behauptung unterstützen, Kursk sei zum Grab der deutschen Panzerwaffe geworden. Deutsche Militärhistoriker sehen dagegen hier auf dem Schlachtfeld eine taktische und technische Überlegenheit, die allerdings nicht habe durchdringen können, weil doch Hitler auf dem Höhepunkt der Schlacht die eigenen Eliteverbände wegen der alliierten Landung auf Sizilien abgezogen habe.

Diesen angeblichen Zusammenhang kann Töppel ebenso schlüssig widerlegen wie weitere Legenden beider Seiten. Die russische Geschichtsschreibung beispielsweise nimmt als grandiosen Erfolg in Anspruch, dass es angeblich gelungen sei, den deutschen Aufmarsch zur Schlacht mit einem überraschenden artilleristischen Schlag zu treffen. Ganze Divisionen seien gleichsam zerschmettert worden. Alles Unsinn und Übertreibung, ebenso die Behauptung, es sei gelungen, den Deutschen am Morgen des 5. Juli 1943 mit massiven Luftangriffen auf deutsche Feldflughäfen eine böse Überraschung zu bereiten.

Obwohl die sowjetische Luftwaffe mehr als doppelt so viele Flugzeuge einsetzen konnte, flogen die deutschen Maschinen in dieser Luftschlacht fast tausend Einsätze mehr als die Feindseite. Mit ihren Legenden wollten sowjetische Historiker die überlegene Führungskunst ihrer Roten Armee unterstreichen, denn der Sieg von Kursk stand von Anfang an aufgrund der zahlenmäßigen Überlegenheit nicht in Frage. Taktische Fehler bei der Truppenführung sind auf beiden Seiten zu verzeichnen, wie Töppel zeigt. Strategisch war die sowjetische Seite im Vorteil, weil es ihr gelang, zunächst den schwächeren deutschen Angriff aufzufangen, um ihn dann mit einer Serie von Offensiven nicht nur auf seine Ausgangsstellungen, sondern weit nach Westen zurückzuwerfen.

Die Mythen vom Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion werden heute mehr denn je von russischen Historikern verteidigt. Kritische Stimmen versucht man zum Schweigen zu bringen. Als beispielsweise der junge deutsche Historiker jüngst die Behauptung widerlegte, dass der Schienen-Krieg der Partisanen einen entscheidenden Beitrag zum Sieg in Kursk geleistet habe, wurde er in Russland auf eine Liste extremistischer Schriften gesetzt, gleich nach Benito Mussolini. Er gilt heute offiziell als Persona non grata. Wenn die Wahrheit schmerzt, greift man gern zur Lüge als vermeintlichem Heilmittel.

Roman Töppel: Kursk 1943. Die größte Schlacht des Zweiten Weltkriegs. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2017. 289 S., 29,90 .

Quelle: F.A.Z.
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