Politische Bücher
Martin Schulz

Nach dem großen Strohfeuer

Von Jasper von Altenbockum
© dpa, F.A.Z.

Die neuen Bücher über Martin Schulz haben ein Problem. Sie wurden zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, als Schulz in Deutschland wie ein politischer Apostel behandelt wurde. Auf der Suche nach den Ursachen dafür bot sich die Biographie an – zumal Schulz sie selbst gerne als Werkzeug seiner Überzeugungskunst benutzt. Jetzt ist das nicht mehr so, das Strohfeuer ist abgebrannt, und die Bücher lesen sich ganz anders. Aber bringt es überhaupt weiter, das eine aus dem anderen erklären zu wollen? Weder das eine, die kurzzeitige Begeisterung über seine Kanzlerkandidatur, noch das andere, die Ernüchterung, sind notwendige Konsequenzen des bisherigen politischen Lebens von Martin Schulz. Dennoch lässt sich eine Frage an seine politische Biographie nicht vermeiden: Was qualifiziert Martin Schulz eigentlich als SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten?

Margaretha Kopeinig hat es gut. Ihr Buch über Martin Schulz gehört schon nicht mehr zu den „neuen“, weil es Mitte 2016 abgeschlossen wurde. Kopeinig, Korrespondentin des österreichischen „Kurier“ in Brüssel, schreibt aber immerhin schon, dass Schulz in den vergangenen Jahren „ständig“ als möglicher SPD-Vorsitzender, künftiger Außenminister oder SPD-Kanzlerkandidat „gehandelt“ wurde. Das überrascht ein wenig, weil Schulz erst 2016 in Berlin wirklich „gehandelt“ wurde, als sich abzeichnete, dass der Versuch, sich an das Amt des Präsidenten des Europaparlaments zu klammern, scheitern würde. Seither stellte sich für die SPD die ernste Frage: „Was wird aus Martin?“

Das Buch liest sich – gleich im Vorwort von Jean-Claude Juncker – streckenweise wie eine Bewerbung für neue Aufgaben in Berlin. Schulz kommt ganz gut weg, ein Eindruck, den auch andere Journalisten nur schwer unterdrücken können, die Bücher über ihn veröffentlicht haben. Beispiel: das Spaßbad von Würselen, eine interessante Geschichte aus der Zeit, als Schulz Bürgermeister der Stadt war. Das Bad ist noch heute ein Anziehungspunkt der Stadt, hat aber seinerzeit wesentlich mehr Geld gekostet, als die Stadt eigentlich verträgt. Das liest sich natürlich nicht so toll wie die Begegnung zwischen Schulz und Silvio Berlusconi im Europaparlament, lieferte aber im Detail weit mehr Auskünfte darüber, wie Schulz mit schwierigen politischen Entscheidungen umgeht. Kopeinig erwähnt die Episode, aber mehr als Pflichtübung denn aus Interesse.

Manfred Otzelberger, auch er Journalist (Redakteur der „Bunten“), hat da schon genauer hingeschaut – vielleicht deshalb, weil man 2017, als Schulz erreicht hatte, was Kopeinig nur indirekt empfehlen konnte, einfach genauer hinschauen wollte. Otzelberger, der viele Facetten zusammengetragen hat, will seine Leser dafür mit anderen interessanten politischen Fragen nicht weiter behelligen. „Es war der größte Fehler meines Lebens, dass ich von 1994 bis 1998 Bürgermeister und Europaabgeordneter zugleich war“, sagt Schulz in Kopeinigs Buch. Warum sieht er das so? Weil sich sein Mandat und eine neue Doppelfunktion des Bürgermeisters nicht vertrugen.

Was also ist eigentlich damit gemeint, wenn Schulz sein Amt als Bürgermeister als Qualifikation für künftige Ämter anführt? Seine Zeit in Würselen fällt noch in die der „Doppelspitze“ der Kommunalverfassung in Nordrhein-Westfalen, die Mitte der neunziger Jahre abgeschafft wurde. Neben dem Bürgermeister gab es bis dahin den Stadtdirektor als eigentliche Verwaltungsspitze. Schulz sagt bei Kopeinig, die Ämter seien zusammengelegt worden, weil die „Bürgermeister ohnedies die Bosse in der Gemeinde waren“. Wirklich? Der Wahrheit kommt wohl näher, dass sie (und ihre Parteien) das gerne gewesen wären. Deshalb die Reform. Schulz kann das aber so nicht sehen – denn was bedeutete das für seinen Anspruch, als Bürgermeister schon lange große und wichtige Politik betrieben zu haben?

In solche politischen Tiefen wollen Politikerbiographien, die aus aktuellem Anlass geschrieben wurden, nur selten vordringen. Ihnen geht es um die Person, um das Anekdotische, was aber den Nebeneffekt des Unpolitischen und Boulevardesken hat – als ob es nur um die Person, um Psychologie, um den Charakter ginge, um den „Menschen zum Anfassen“, der nur selten aber, zumal im Reich der Politik, wirklich zu ergründen ist. Muss man also wirklich wissen, dass Schulz Fußballer werden wollte, dass er der Trinksucht verfiel und sich wieder nach oben arbeitete, dann Buchhändler wurde, um besser beurteilen zu können, warum und wie er soziale Gerechtigkeit und „mehr Europa“ durchsetzen, wie er eine Partei führen will? Kopeinig hat dafür Stichworte und Zitate geliefert, die auf Gesprächen mit Schulz beruhen, und es wäre unfair, ihr Buch deshalb zu kritisieren. Es ist einfach ein Zug der Zeit: Die Person zählt mehr als die Inhalte.

Das gilt auch für die Schulz-Bücher von Otzelberger und Martin Winter, wobei Winter sein Schwergewicht auf den Europapolitiker gelegt hat. Wer wissen will, wie Schulz das Europaparlament als dessen Präsident zu einem Machtfaktor in der Europäischen Union gemacht hat, erhält hier zuverlässige Informationen – Winter war lange Jahre Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ in Brüssel. Man lernt dadurch nebenbei etwas über das Kräfteverhältnis zwischen den drei wichtigsten Institutionen der EU, dem Ministerrat der Nationalregierungen, der Kommission in Brüssel und dem Parlament in Straßburg. Schulz hatte darin einen „im parlamentarischen System bislang unbekannten Posten erfunden“, schreibt Winter, „den des regierenden Parlamentspräsidenten“.

Allen drei Büchern ist zu entnehmen, dass nicht alle Abgeordneten davon begeistert waren, auch nicht die der „großen Koalition“, die Schulz geschmiedet hatte, um das Parlament besser in die europapolitische Waagschale werfen zu können. Und natürlich: sich selbst. Das ist eine Erklärung für seinen Karrieresprung; aber noch nicht für seine Eignung.

Margaretha Kopeinig: Martin Schulz – vom Buchhändler zum Mann für Europa. Czernin Verlag, Wien 2016. 280 S., 22,90 €.

Manfred Otzelberger: Martin Schulz – Der Kandidat. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2017. 224 S., 20,– €.

Martin Winter: Machtmensch Martin Schulz. Ein politisches Porträt. Süddeutsche Zeitung Edition, München 2017. 176 S., 16,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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