Nicht zu stoppen

Antisemitische Internationale

Von Michael Wildt
 - 11:44

Kann man Judenfeindschaft vor Gericht stellen? Die Jüdische Gemeinde von Bern hat es versucht. Am 26. Juni 1933 stellte sie Strafanzeige gegen eines der übelsten antisemitischen Machwerke, die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“, weil diese gegen das Schundliteratur-Gesetz verstießen.

Die genauen Ursprünge dieser Schrift liegen nach wie vor im Unklaren. Belegt ist, dass sie erstmals 1903 im zaristischen Russland publiziert wurde. Es handelt sich um angebliche Protokolle eines Treffens von jüdischen Führern aus aller Welt, die einen Plan zur Erringung der Weltherrschaft entwerfen. Die Gesellschaften sollten unterwandert, innere Konflikte, Parteienzwist und Klassenkampf verschärft sowie Kriege und Revolutionen gefördert werden. Wenn die Menschen in Anarchie und Elend getrieben worden seien, wären sie bereit, den Juden die Macht zu übergeben.

Mit dem Exodus von Russen, darunter glühende Antisemiten, nach der Revolution 1917 gelangte diese Hetzschrift nach Europa, wurde in etliche Sprachen übersetzt und erhielt hohe Auflagen. Das Phantasma eines „jüdischen Bolschewismus“, dass die russischen Revolutionäre in Wahrheit Juden seien, die die Welt ins Chaos stürzen wollten, verfing bis weit in das Bürgertum. Selbst Winston Churchill beschwor 1920 das Schreckgespenst einer „gründlich vorbereiteten weltweiten Verschwörung“ von „gottlosen Juden“ und Kommunisten gegen die westliche Zivilisation.

Selbstverständlich benutzten ebenfalls die Nationalsozialisten das Pamphlet für ihre Agitation. Hitler schrieb in „Mein Kampf“, dass, selbst wenn die Protokolle nicht authentisch wären, würden sie doch sehr genau die Politik der Juden schildern. In der Tat hatte schon 1921 die Zeitung „The Times“ nachgewiesen, dass es sich um eine plumpe Fälschung handele, was dem Erfolg der Schrift indes keinen Abbruch tat. Nun wollte die Berner jüdische Gemeinde in einem Musterprozess mit Gutachten und Zeugenbefragungen feststellen lassen, dass die „Protokolle der Weisen von Zion“ ein antisemitisches, gefälschtes Machwerk seien.

Michael Hagemeister, Historiker und Slawist an der Ruhruniversität Bochum, hat in einem umfangreichen Buch auf der Grundlage einer akribischen Recherche in vielen Archiven die Geschichte und den Kontext dieses Prozesses vor dem Amtsgericht Bern nachgezeichnet. Über die bisherige, durchaus nicht geringe Forschung zu den Protokollen hinaus kann Hagemeister zeigen, wie aktiv antisemitische Netzwerke in Europa für die Verbreitung der Hetzschrift sorgten und auf jährlichen Zusammenkünften, mitunter als Ornithologen-Kongresse getarnt, versuchten, eine antisemitische Internationale aufzubauen. Wer nach Personen und Verflechtungen dieser Szene sucht, wird bei Hagemeister fündig.

Das Urteil des Berner Richters Walter Meyer am 14. Mai 1935 fiel eindeutig aus: „Die Protokolle sind eine Fälschung.“ Er verurteilte mehrere Angeklagte, darunter Mitglieder des „Bundes National-Sozialistischer Eidgenossen“, wegen Verbreitung von Schundliteratur zu Geldstrafen. Mochten der Paragraph abgelegen und die Strafe gering sein, erstmals waren die Protokolle von einem Gericht als Fälschung charakterisiert worden.

Die erhoffte Wirkung blieb jedoch aus. Das Urteil konnte den Antisemitismus nicht eindämmen und die Protokolle endgültig desavouieren, zumal das Berner Obergericht 1937 das Urteil aus formalen Gründen wieder aufhob. Bis heute irrlichtern die Protokolle durch die Welt. Die Hamas beruft sich auf sie ebenso wie der AfD-Abgeordnete Wolfgang Gedeon. Doch war der Prozess von Bern nicht vergebens, sondern ein wichtiger Baustein im Kampf gegen Antisemitismus, der nun umfassend dokumentiert vorliegt.

Michael Hagemeister: Die „Protokolle der Weisen von Zion“ vor Gericht. Der Berner Prozess 1933–1937 und die „antisemitische Internationale“. Chronos Verlag, Zürich 2017. 648 S., 54,– .

Quelle: F.A.Z.
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