Organspende

Einseitig interessengeleitete Informationspolitik

Von Kim Björn Becker
 - 09:39

Mangelnde Courage kann man den Herausgebern nicht vorwerfen. Mit dem Thema Organspende hat sich die Görres-Gesellschaft in ihrem nunmehr 30. Band der „Sozialwissenschaftlichen Abhandlungen“ ein heikles Sujet ausgesucht. Mehr noch: Um die „Krise der Organspende“ geht es den Autoren, also um das gesellschaftlich relevante Problem, dass es in Deutschland deutlich weniger Spenderorgane gibt als Schwerkranke, die auf eine Spende angewiesen sind. Mutig ist der Ansatz, weil der Band aus verschiedenen Perspektiven den Nachweis erbringen will, dass „die Aufklärungskampagnen öffentlicher Institutionen von einer einseitig interessengeleiteten Informationspolitik vereinnahmt werden“. Denn dies, so die Schlussfolgerung der Herausgeber, führe dazu, dass die Legitimität der 2012 eingeführten Entscheidungslösung, der zufolge jeder Bürger sich auf der Grundlage umfassender Informationen für oder gegen eine Organspende nach dem Tod entscheiden könne, „grundlegend gefährdet“ sei. Es ist nichts weniger als ein Versagen des Staates in der Gesundheitspolitik, den die Autoren zu belegen versuchen. So politisch ist Wissenschaft selten.

Da ist es umso erfreulicher, dass der Versuch glückt, der angestrebte Nachweis weitgehend gelingt. Das ist vor allem das Verdienst zweier starker Aufsätze der Sozialwissenschaftlerinnen Antje Kahl und Tina Weber. Sie zeigen, dass die vom Gesetzgeber mit der Aufklärung der Bürger betraute Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in einer Aktion nicht Wissen vermittelt, sondern eine „Imagekampagne für ,saubere Transplantationsverfahren‘“ initiiert hat. Besonders verdienstvoll ist dabei die kritische Auseinandersetzung mit Umfragen der BZgA. Denn während die für die Organspende bedeutsame Feststellung des Hirntods eines Patienten ein kritischer Punkt ist, suggeriere die Organisation, so die Autorinnen, dass das Hirntodkriterium „als so unproblematisch gilt, dass es nicht öffentlich diskutiert werden muss“. Eine eigene Erhebung legt demgegenüber den Schluss nahe, dass das Wissen der Deutschen über den Übergang vom Leben zum Tod längst nicht so leicht zu fassen ist – und dass viele ungenaue Vorstellungen vom Hirntod eines Menschen haben.

Eine weitere Stärke des Bandes ist die theoretische Einordnung des Themas. Aus einer Diskussion der Freiheitsbegriffe bei John Stuart Mill, Immanuel Kant und Hannah Arendt leitet die Philosophin Theda Rehbock ab, dass Ärzte bei der Organspende zu oft einem paternalistischen Fürsorge-Konzept (hier: zugunsten möglicher Organempfänger) aufsitzen und Spender mittels „aggressiver Diagnostik“ für tot erklärten, was einer umfassenden Vorstellung von der Autonomie des Spenders zuwiderlaufen könne. Anstatt einfach zu Hause einen Organspendeausweis auszufüllen, wie es derzeit oft betrieben wird, müssten Spendewillige von einem Arzt umfassend aufgeklärt werden, fordert Rehbock.

Schwächen weist der Band dafür bei der Redaktion auf. So fällt gleich der erste Aufsatz, ein Beitrag über die Rolle eines Krankenkassenmanagers, durch mehrere Rechtschreibfehler auf. Auch kommt es in mehreren Beiträgen zu deutlichen Redundanzen, etwa wenn es um die Arbeit der BZgA geht. Vor allem aber erweisen sich einige Beiträge im „Theorieteil“ als überflüssig. So leisten es sich die Herausgeber, auch abstrakte Beiträge mit geringem unmittelbaren sachlichen Bezug zur Organspende aufzunehmen. Vor allem die etwas verquast formulierten Seiten über „Transmortalität und mediale Prothesen“ lassen viele Fragen offen. Da hätte wiederum etwas mehr Mut gutgetan, einen wenig ergiebigen Text zu streichen. Trotzdem ist der Band eine überaus lohnende Lektüre.

Andrea Esser, Antje Kahl, Daniel Kersting, Christoph Schäfer, Tina Weber: Die Krise der Organspende. Duncker & Humblot Verlag, Berlin 2018. 223 S., 69,90 .

Quelle: F.A.Z.
Kim Björn Becker
Redakteur in der Politik.
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