Ostpreußen 1944/45

Kein zweites Tannenberg

Von Klaus A. Lankheit
 - 10:56

Die militärischen Operationen stehen im Mittelpunkt der Untersuchung von Richard Lakowski zum Untergang des deutschen Ostpreußens in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Im kollektiven historischen Bewusstsein haben sich vor allem die durch den zähen Widerstand des Heeres ermöglichten Flüchtlingstrecks und die Evakuierung der deutschen Bevölkerung durch die Kriegsmarine über die Ostsee festgesetzt. Auch die veröffentlichten, apologetisch gefärbten Berichte der beteiligten Generale stellen dieses unzweifelhafte Verdienst in den Mittelpunkt. Nicht zuletzt unter dem Aspekt einer geostrategisch veränderten Weltlage erscheint es sinnvoll, den Krieg zwischen Herbst 1944 und Mai 1945 im Gebiet des heutigen Dreiländerecks zwischen Litauen, Polen und russischer Exklave in operationsgeschichtlicher Perspektive zu untersuchen.

Einer Beschreibung der geographischen Gegebenheiten folgt ein Überblick über die militärischen Operationen in diesem Gebiet seit dem Mittelalter, die mit einer ausführlicheren Schilderung und Einschätzung der Ereignisse im Ersten Weltkrieg abschließt. Zwar gelang es damals, den eindringenden russischen Gegner zurückzudrängen, aber nicht, ihn kriegsentscheidend zu schlagen. Als nach dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944 Ostpreußen direkt bedroht war, wurde auf Verteidigungskonzepte der Zwischenkriegszeit zurückgegriffen, die noch vorhandenen Bauten entsprachen, aber längst nicht mehr den Erfordernissen.

Der erste sowjetische Angriff auf das Reichsgebiet im Oktober 1944 konnte durch das inzwischen in der Defensive bewährte Großkampfverfahren – unter anderem flexibles Zurückweichen und Gegenstöße – erfolgreich zurückgeworfen werden. Die Übergriffe auf und Erschießungen von Zivilpersonen durch die sowjetische Armee boten sich dazu an, propagandistisch ausgenutzt zu werden, was bei den deutschen Truppen den Durchhaltewillen stärkte. Die Hoffnung auf ein zweites „Tannenberg“ war jedoch trügerisch. Ersatzgeschwächt waren beide Gegner: Auf deutscher Seite konnten die dezimierten Verbände kaum noch aufgefüllt werden, was auf sowjetischer Seite rein zahlenmäßig keine Probleme bereitete, aber beiden Seiten fehlten erfahrene, ausreichend ausgebildete Soldaten und Offiziere.

Als am 13. Januar 1945 die sowjetische Offensive mit erdrückender Überlegenheit und enormem Materialeinsatz bei nahezu absoluter Lufthoheit begann, reichten die deutschen Kräfte nicht mehr zu wirksamen Gegenangriffen aus. Nördlich der masurischen Seen rückten die 1. Baltische und die 3. Weißrussische Front, wie die sowjetischen Großverbände bezeichnet wurden, vor, im Süden die 2. Weißrussische Front. Während die sowjetischen Truppen im Süden einen Durchbruch erzielten und nach Norden eindrehend am 26. Januar die Ostseeküste erreichten und damit Ostpreußen vom Reich abschnitten, gelang es im Norden erst am 8. Februar Königsberg und am 25. April den Hafen Pillau gegen die sich dort zäh verteidigenden deutschen Truppen einzunehmen.

Ein letzter deutscher Versuch gegen den ausdrücklichen Befehl aus Berlin, einen Durchbruch und den Rückzug nach Westen zu erzwingen, scheiterte bereits am 30. Januar. Die beteiligten Generale wurden erstaunlicherweise nur ihres Kommandos enthoben. Bis zum Schluss blieben auf deutscher Seite die Kompetenzen von Partei, Zivilverwaltung und Wehrmacht teils ungeklärt, teils widersprüchlich. Der Autor stellt dar, dass bis in die letzten Stunden des Krieges die nationalsozialistischen Verbrechen fortgesetzt wurden. Aus den aufgegebenen KZ-Außenlagern wurden rund 13 000 Menschen nach Königsberg getrieben. 5000 von ihnen gingen auf einem weiteren Marsch zugrunde oder wurden schließlich an der Ostseeküste erschossen.

Obwohl Richard Lakowski die russischsprachige Memoiren- und Sekundärliteratur sorgfältig ausgewertet hat, lassen sich einige Fragen ohne Zugang zu Quellen in Russland nicht endgültig lösen. Unter anderem, warum die sowjetische Marine ihre zunehmende Stärke in der Ostsee gegen die deutschen Versorgungslinien nicht einsetzte oder warum die sowjetische Führung auf diesem Nebenkriegsschauplatz Menschen und Material verheizte. Trotzdem glaubt der Autor, mehrere Ziele erkennen zu können. Einerseits hätten auch die Westalliierten dieses Kernland des Staates Preußen als Keimzelle der Aggression gesehen, und seine Eroberung sei damit von hoher symbolischer Bedeutung gewesen, andererseits sollten bereits ins Auge gefasste Grenzveränderungen durch Schaffung vollendeter Tatsachen gesichert werden.

Der detaillierten Darstellung der komplexen Vorgänge zu folgen erfordert vom Leser hohe Aufmerksamkeit, wird aber durch deren strukturierten Aufbau und die reichlichen Kartenbeigaben erleichtert.

Richard Lakowski: Ostpreußen 1944/45. Krieg im Nordosten des Deutschen Reiches. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2016. 264 S., 34,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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