Peter von Oertzen

Der „rote Baron“ der Sozialdemokratie

Von Petra Weber
 - 12:55

Peter von Oertzen ist einer breiteren Öffentlichkeit als marxistischer Parteitheoretiker der SPD und als niedersächsischer Kultusminister, der die Professoren auf die Barrikaden trieb, im Gedächtnis geblieben. In seiner Biographie über von Oertzen beschreibt Philipp Kufferath den 1924 geborenen „roten Baron“ als einen politischen Netzwerker und zeichnet dessen intellektuelle Prägungen nach, wobei er die Frage aufwirft, ob es im Leben von Oertzens, der wie viele andere seiner Generation das Jahr 1945 als einen Bruch erlebte, einen „Identitätskern“ gab. Oertzen wuchs in Berlin bei seiner Mutter auf, geistig und politisch beeinflusste ihn jedoch vor allem sein Vater, der Journalist Friedrich Wilhelm von Oertzen, der sich dem zur Konservativen Revolution zählenden Tat-Kreis angeschlossen hatte, der antikapitalistische Kritik mit nationalistischen Bekenntnissen verband. Er vermittelte ihm ein aristokratisches Standesbewusstsein und preußische Tugenden, die der Sohn zunächst auch internalisierte und verteidigte. Nach seiner Einberufung zum Heeresdienst an der Ostfront 1942 strebte er die Laufbahn eines Offiziers an und kämpfte nach eigenem Eingeständnis bis Kriegsende als „Anhänger der Irrlehre des Nazismus“.

In Göttingen, wo er seit 1946 studierte, trat er in die SPD ein und engagierte sich im damals noch parteiloyalen SDS. Zunächst ethischer Sozialist, der die mangelnde Distanz der SPD zum marxistischen Materialismus beklagte, entwickelte er sich unter dem Einfluss seines Mentors, des niedersächsischen Landtagsabgeordneten Erich Gerlach, zu einem überzeugten Marxisten mit Sympathien für den Rätekommunismus. In den 1950er Jahren markierte, so sein Biograph, die „dreifache Abgrenzung gegenüber sozialdemokratischem Traditionalismus, sozialliberaler Erneuerung und kommunistischem Dogmatismus“ für ihn einen „ganz entscheidenden Identitätskern“. Er bewegte sich in linkssozialistischen Zirkeln und Redaktionsstuben, rief die Zeitschrift „Sozialistische Politik“ als Diskussionsforum der Linken ins Leben, vernetzte Gewerkschaftsfunktionäre, Betriebsräte und Sozialwissenschaftler und versuchte, die sozialdemokratische Betriebsgruppenarbeit zu aktivieren. Im Zentrum seines sozialistischen Credos stand die Überführung der Schlüsselindustrien in Gemeineigentum und die Einführung einer Arbeiterselbstverwaltung. So erstaunt es nicht weiter, dass er 1959 zu den 16 Delegierten gehörte, die das Godesberger Programm der SPD ablehnten. Große Aufmerksamkeit unter Historikern fand seine 1963 erschienene Habilitationsschrift über die betrieblichen und wirtschaftlichen Arbeiterräte in der Novemberrevolution 1918/19, von der Impulse für die Erforschung und Umwertung der Rolle der Arbeiterräte ausgingen.

Seinen politischen Aufstieg verdankte von Oertzen nicht nur seiner guten politischen Vernetzung, sondern vor allem der Studentenbewegung und der Verschiebung der politischen Landschaft nach links. 1970 trat er die Nachfolge des „Kanalarbeiters“ Egon Franke als Vorsitzender im Bezirk Hannover und des Landesausschusses der SPD in Niedersachsen an und übernahm das Amt des Kultusministers, in dem er durch die Einführung von Gesamtschulmodellprojekten und Orientierungsstufen, die Ausdehnung der Mitbestimmungsrechte an Hochschulen sowie die einseitige Berufung linksstehender Hochschullehrer schon bald unter Beschuss geriet. Nach der Verabschiedung des sogenannten niedersächsischen Vorschaltgesetzes, das die Professorenmehrheit in den Hochschulgremien gefährdete, traten Hochschullehrer von ihren Posten zurück, boykottierten Wahlen, gingen mit Anfechtungsklagen gegen Wahlverfahren vor und riefen schließlich mit Erfolg das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe an.

1974 schied von Oertzen freiwillig aus dem Amt des Kultusministers aus, um sich ganz der Parteiarbeit zu widmen. Nach seiner Wahl in den Parteivorstand auf dem Parteitag in Hannover 1973 sah ihn die Parteispitze in der Rolle des intellektuellen Integrators, der die aufmüpfige Parteijugend, die zur Systemüberwindung aufrief, wieder in die Partei einbinden sollte. 1973 übertrug ihm Willy Brandt den Vorsitz der Programmkommission für den Orientierungsrahmen ’85, was eine undankbare Aufgabe war. „Ich werde sein wie der Apostel Paulus, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit‘, den Linken nicht links genug und den Rechten zu links“, schrieb er seiner Tochter. Tatsächlich rief der Orientierungsrahmen ’85, als er 1975 veröffentlicht wurde, linke wie rechte Kritiker auf den Plan und verschwand dann auch bald in der Versenkung. Seinen Dienst, den innerparteilichen Zusammenhalt zu stärken, hatte er getan. Innerhalb der SPD stand Oertzen im Zenit seines Ansehens. Stellvertretender Parteivorsitzender hätte er werden können, hätte er nur nach dem Amt gegriffen.

Auch in den 1980er Jahren vertraute er noch auf den heuristischen Wert der marxistischen ökonomischen Analyse, die er weiterhin mit einer linken Reformpolitik verknüpfte. In der Kommission, die ein neues Grundsatzprogramm anfertigen sollte, geriet er mit seiner marxistischen Position jedoch in die Minderheit. Erhard Eppler und Johano Strasser traten ihm mit wachstumskritischen ökosozialistischen Thesen entgegen. Oskar Lafontaine, der wenig Interesse an dem ihm übertragenen Kommissionsvorsitz hatte, fragte süffisant: „Soll ich mich mit Peter von Oertzen und Detlev Albers darüber streiten, wann es mit dem Kapitalismus zu Ende geht?“ Als die von Oertzen geführten linken Kommissionsmitglieder den Vorschlag unterbreiteten, einen „einheitlichen nationalen Entwicklungsplan“ aufzustellen und „Wirtschafts- und Sozialräte“ zu errichten, war das Presseecho verheerend und die Parteispitze, die alles daransetzte, einen Rückfall hinter das Godesberger Programm zu vermeiden, geradezu entsetzt. Kufferath geht auf diese Auseinandersetzung so gut wie nicht ein, schreibt lediglich, dass es zu einer zur „Kampfabstimmung hochstilisierten Entscheidung“ in der Kommission gekommen sei. Die „große Autorität als sozialdemokratischer Programmatiker“, die der Autor von Oertzen auch in den 1980er Jahren noch attestieren zu können glaubt, schwand zusehends. 1993 schied er aus dem Parteivorstand aus, und 2005, schon schwer erkrankt, gab er aus Protest gegen die Agenda 2010 sein Parteibuch zurück und trat für kurze Zeit der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) bei.

Kufferath hat eine quellengesättigte, gut lesbare Biographie geschrieben, aber es mangelt ihm manchmal an kritischer Distanz zu seinem „Helden“, der nicht selten gegen eine Mauer rannte und die Übernahme von politischen Ämtern und die damit verbundene Verantwortung scheute. Und was den Umfang der Darstellung anbetrifft, gilt: Weniger wäre mehr gewesen.

Philipp Kufferath: Peter von Oertzen 1924–2008. Eine politische und intellektuelle Biografie

Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 797 S., 49,90 .

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenSPDGöttingen