Reinhard Gehlen

Der Mann hinter der Maske

Von Anselm Doering-Manteuffel
 - 11:23

Im Frühjahr 2011 wurde die „Unabhängige Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968 (UHK)“ ins Leben gerufen. Sie erhielt freien Zugang zu den Akten des BND und des Bundeskanzleramts als vorgesetzter Behörde. Intensive Forschung ermöglichte schon 2016 die Publikation der ersten Ergebnisse. Die Gehlen-Biographie bildet den vorläufigen Höhepunkt.

Es ist ungewöhnlich, dass ein Geheimdienst seine Archive öffnet, wo doch Verschleierung das Dienstethos bestimmt. Im Fall des BND hat Ernst Uhrlau, Präsident von 2005 bis 2011, für den Forschungsauftrag gesorgt, um die Verstrickungen des Personals in den Nationalsozialismus aufzuklären. Das lag im Trend, seit das Auswärtige Amt und die Ministerien für Justiz, Finanzen und Arbeit auf ihre Vergangenheit durchleuchtet wurden. Es war bekannt, dass sich im BND ungewöhnlich viele Verantwortungsträger aus dem Dritten Reich sammelten. Schon die Vorgängerinstitution, die „Organisation Gehlen“, erschien 1955 einem ausländischen Beobachter als „gespenstischer Naziladen in Pullach“. Der 1956 gegründete BND beschäftigte, abgeschirmt von der Öffentlichkeit, bis zum Ende der sechziger Jahre neben zahlreichen Wehrmachtsoffizieren SS-Personal und Gestapo-Beamte in großem Umfang. Die Geschichte des Bundesnachrichtendienstes wirft Schlaglichter auf das Erscheinungsbild der jungen Bundesrepublik, wo Alt und Neu, Freund und Feind im Vexierbild der Besatzungsherrschaft noch kaum zu unterscheiden waren. Der Wiederaufbau des Landes und der Neuaufbau des westlichen Bündnisses fließen hier zusammen.

Von Beginn an war der Dienst an die amerikanische Vormacht gebunden. Die „Organisation Gehlen“ unterstand zunächst der US-Army, seit 1949 wurde sie von der CIA kontrolliert. Nach Gründung des BND blieb die Kontrolle erhalten – weniger auffällig, aber nicht weniger effizient. Die Amerikaner wussten, wer alles dort tätig war, und sie sahen, dass die nachrichtendienstliche Leistung nicht selten zu wünschen übrigließ.

Rolf-Dieter Müller hat sich der Herausforderung gestellt, die Biographie des Gründungspräsidenten zu erforschen. Er gehört zur Leitungsgruppe der UHK und ist als Honorarprofessor und wissenschaftlicher Direktor des militärhistorischen Zentrums der Bundeswehr bestens ausgewiesen, Gehlens Lebensgeschichte zu durchleuchten. Es ist die Geschichte eines Soldaten, der sich von seiner Prägung im Oberkommando des Heeres nie hat lösen können oder wollen.

1902 geboren, kam Gehlen 1937 in den Generalstab, nahm an der Planung des Angriffs auf die Sowjetunion teil und wurde 1942 Leiter der Abteilung „Fremde Heere Ost“ (FHO), die für die Feindaufklärung zuständig war. Müller zeichnet ihn als blasse Figur, sehr intelligent, in höchstem Maße anpassungsfähig, ein Schleicher, aber zugleich ein Mann von innerer Unabhängigkeit. Gehlen wusste von den Verbrechen im Vernichtungskrieg, gab sich aber immer von der Ehrenhaftigkeit der Wehrmacht überzeugt. Er war kein Antisemit, nahm aber nirgendwo Partei für die Juden. Die Attentatspläne kannte er, blieb aber auf Distanz. Die Feindaufklärung von FHO war nicht sehr effizient, konnte es mit ihren technischen und personellen Möglichkeiten wohl auch nicht sein. Die Leistungsfähigkeit der Roten Armee, insbesondere die Mengen an Nachschub für die Panzerwaffe, wurde immer unterschätzt. Die Prognosen vor der Schlacht von Stalingrad blieben unzureichend. Als Gehlen erkannte, dass der Krieg verloren war, achtete er darauf, die wichtigsten Unterlagen von FHO über die UdSSR bei sich zu behalten. 1945 ließ er sie in 50 Stahlkisten nach Bayern schaffen und vergraben. So rasch wie möglich suchte er Kontakt zu den Amerikanern und empfahl sich ihnen als vermeintlich bester Kenner der UdSSR. Es habe wohl kaum jemand anderen gegeben, urteilt Müller, der das Problem der „Anschlussverwendung“ so konsequent ins Auge gefasst hat wie Gehlen. Er sah, dass die Amerikaner nach der sowjetischen Besetzung Ost- und Mitteldeutschlands mit Stalin in Konflikt geraten und Informationen über die Rote Armee benötigen würden. Mit dem Material seiner 50 Kisten konnte er beweisen, dass er allein die Informationen hatte, die die US-Army jetzt brauchte.

Diese Vorgeschichte im Leben des BND-Präsidenten ist die eigentliche Geschichte des Reinhard Gehlen. Er blieb der Generalstäbler mit Aufklärungserfahrung, der er war. Seit dem Herbst 1945 lieferte er den Amerikanern Sachhinweise und strategische Analysen zu den sowjetischen Streitkräften. 1947 kam er nach Pullach und baute im Auftrag der US-Army die „Organisation Gehlen“ als Informationsdienst auf. Er zog Kameraden aus dem Oberkommando des Heeres und der Waffen-SS an sich und sorgte dafür, dass die amerikanischen Militärs ebendies billigten. Sie taten es, um Gehlens „Organisation“ auch nach der Gründung der Bundesrepublik als Hilfstruppe im Kalten Krieg einsetzen zu können.

Mit Geschick und Beharrlichkeit erreichte Gehlen sein Ziel, den Nachrichtendienst unter die Obhut der Bundesregierung zu bringen. Von früh an suchte er den Kontakt zum Chef des Kanzleramts, Hans Globke, und gewann über ihn auch Zugang zu Konrad Adenauer. Es gelang ihm jedoch nicht, direkt dem Bundeskanzler unterstellt zu werden. Geltungsbedürftig, wie er war, hatte er gehofft, als hoher Beamter im Regierungsapparat zum Nachrichtenchef unmittelbar hinter der Führungsriege aufzusteigen, ganz so, wie es seinerzeit im Generalstab des Heeres gewesen war. Aber es hakte bei der Beschaffung von Nachrichten. Wie schon FHO die russischen Pläne gegen Stalingrad nicht erkannt hatte, wurde Pullach vom Volksaufstand des 17. Juni 1953 in der DDR überrascht. Als 1956 der BND entstand, folgte auf dem Fuß eine falsche Einschätzung zur Entstalinisierung in der Sowjetunion. Vom geplanten Mauerbau erfuhr der Geheimdienst erst zwei Tage vorher, am 11. August 1961. Im November 1961 wurde Gehlens enger Mitarbeiter und Protegé, der ehemalige SS-Obersturmführer Heinz Felfe, als Sowjetagent enttarnt. Adenauer ließ Gehlen fallen. Der Kanzler ging noch weiter auf Distanz, als in der „Spiegel-Affäre“ seit Oktober 1962 klarwurde, dass ein prominenter BND-Mitarbeiter daran beteiligt gewesen war, dem Hamburger Magazin Informationen über das Nato-Manöver „Fallex 62“ zuzuspielen. Dennoch blieb Gehlen im Amt. Er zehrte von seinem Ruf als bester Kenner des Ostens und Meisterspion. Erst 1968 nahm er aus Altersgründen den Abschied.

Müller erklärt das widersprüchliche Phänomen von persönlichem Erfolg und beruflicher Schwäche damit, dass Gehlen eigentlich nur zwei Obsessionen hatte und keine politische Sensibilität besaß. Ihm ging es immer zuerst um sein persönliches Fortkommen. Hinzu kam sein Antikommunismus, der sich nach dem Ende des Krieges weiter vertiefte. Deshalb fehlte es ihm an Verständnis für das Auf und Ab der Spannungs- und Entspannungsphasen im Kalten Krieg schon während der fünfziger Jahre. Die Ostpolitik seit 1966/69 lehnte er vollends ab. Den BND baute er, biographisch konsequent, mit Personal aus der Zeit des Kriegs gegen die Sowjetunion auf, darüber hinaus betrieb er Vetternwirtschaft. Zeitweilig beschäftigte der BND 16 Verwandte des Präsidenten. Im Ruhestand versuchte er publizistisch zu reüssieren, aber selbst „Der Dienst“, seine Memoiren von 1971, brachte keinen dauerhaften Erfolg, weil zu viel geschönt oder schlicht falsch dargestellt war. Als er 1979 starb, blieb nicht mehr als das Bild eines älteren Herrn mit getönter Brille, gesichtslos. Den Mann hinter der Maske sichtbar gemacht zu haben ist das Verdienst dieses Buchs.

Rolf-Dieter Müller: Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik. 2 Bände. Ch. Links Verlag, Berlin 2017. 1364 S., 98,- Euro

Quelle: F.A.Z.
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