1989/90

Speerspitze SDP/SPD

Von Hermann Wentker
 - 15:59

Über kaum ein Ereignis der jüngsten Geschichte ist in Deutschland so viel geschrieben worden wie über die friedliche Revolution in der DDR und die Wiedervereinigung. Doch fehlte bis vor kurzem eine Würdigung der Ereignisse in der Bezirksstadt und späteren Landeshauptstadt Potsdam. Erst vor knapp einem Jahr erschien eine umfangreiche Darstellung zu Potsdam in den achtziger und frühen neunziger Jahren von Peter Ulrich Weiß und Jutta Braun. Etwas später kam das Werk von Rainer Eckert auf den Markt, das sich stärker auf die unmittelbare Vorgeschichte und die Revolution selbst konzentriert und, abgesehen von einem Ausblick auf die Gründung des Landes Brandenburg, mit den Volkskammerwahlen im März 1990 endet.

Die Abfolge der Ereignisse in Potsdam unterschied sich nicht wesentlich von anderen ostdeutschen Städten: zuerst die Formierung der Opposition in kleinen Gruppen von Bürgerrechtlern unter dem Dach der Kirche, die sich erstmals 1989 angesichts der Fälschung der Kommunalwahlen vernehmbar zu Wort meldeten, im Spätsommer die Fluchtwelle und die Bildung des Neuen Forums und weiterer Bürgerbewegungen, im Herbst dann die Zusammenkünfte in den Kirchen und der Beginn der friedlichen Demonstrationen, nach dem Mauerfall der zunehmende Zerfall der Staatsmacht, die Bildung der Runden Tische, die Entmachtung und Auflösung der Stasi und schließlich die Volkskammerwahlen im März als Plebiszit für eine rasche Wiedervereinigung.

In einigen wichtigen Punkten wich die Entwicklung in Potsdam von diesem bekannten Bild jedoch ab. So bildeten sich 1988 zum einen eine Umweltgruppe, die spätere Arbeitsgemeinschaft für Umwelt und Stadtgestaltung, die sich vor allem gegen den Beschluss der Stadtverwaltung zur Wehr setzte, zahlreiche historische Altbauten der Innenstadt abzureißen, und zum anderen die Arbeitsgemeinschaft Pfingstberg, die es sich zur Aufgabe machte, den Pfingstberg mit dem Belvedere zu erhalten und zu renovieren. Beide Gruppen agierten nicht unter dem Dach der Kirche, sondern unter dem des Kulturbunds und traten 1989 verstärkt an die Öffentlichkeit.

Überdies wurde in Potsdam im Herbst die im brandenburgischen Schwante gegründete Sozialdemokratische Partei (SDP) aktiv, was vor allem mit einzelnen engagierten Persönlichkeiten wie Steffen Reiche, aber auch mit frühen Kontakten zur West-Berliner und westdeutschen SPD zusammenhing. Im Unterschied zu dem auf Dialog orientierten Neuen Forum griff die SDP die führende Rolle der SED an und stellte damit die Machtfrage. Die SDP/SPD konstituierte sich in der Havelmetropole relativ früh, organisierte ab Dezember die Potsdamer Montagsdemonstrationen und stellte von 1990 bis heute die maßgebliche politische Kraft in der Stadt dar.

Die Demonstrationen setzten in Potsdam später ein als im Süden der DDR. Nach ersten noch überschaubaren Aufmärschen am 4. bzw. 7. Oktober bildete eine Massenkundgebung von 30 000 bis 40 000 Menschen am 4. November den Auftakt für das Demonstrationsgeschehen. Wenngleich die Macht der SED auch hier erodierte, war sie noch stark genug, eine Woche später eine Gegendemonstration zu organisieren – eine weitere Besonderheit, die auf den hohen Anteil in den Machtapparat eingebundener Personen in der Bezirksstadt verweist.

Da Eckerts Darstellung einerseits auf die staatliche Macht, insbesondere die Staatssicherheit, und andererseits auf die Bürgerbewegung fixiert ist, kommt ein wesentliches Moment im Vergleich zur Studie von Weiß und Braun zu kurz: die Rolle der Stadtverordnetenversammlung. Denn hier wurde am 1. November 1989 nicht nur gegen die Fälschung der Kommunalwahl, sondern auch gegen den Abriss von Teilen des Holländischen Viertels protestiert. Das städtische Parlament holte sich von nun an die Rechte zurück, die ihm in der zentralistisch organisierten DDR entzogen worden waren.

Schwerer als dieser Mangel fällt die quellennahe, kaum Höhe- und Tiefpunkte markierende, fast durchgehend chronologische Darstellungsweise Eckerts ins Gewicht. So werden etwa im Kapitel über die Ereignisse und Stimmung der Bevölkerung aus Sicht von SED und Staatssicherheit bis zum November 1989 lediglich deren Monatsberichte nacheinander referiert. Darauf folgt die lexikalische Vorstellung der Potsdamer Oppositionsgruppen, ohne den Versuch einer Gewichtung. Auch die unmittelbare Vorgeschichte, Geschichte und Nachwehen der Revolution werden als Chronik präsentiert. Das ist schade für die spannenden Ereignisse, die einen analytischeren Zugriff und eine lebendigere Darstellung verdient hätten.

Rainer Eckert: Revolution in Potsdam. Eine Stadt zwischen Lethargie, Revolte und Freiheit (1989/90). Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017. 456 S., 25,– Euro.

Quelle: F.A.Z.
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