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Russische Revolution 1917

Botschaften an die Peripherie

Von Peter Sturm
 - 09:19
Der Winterpalast in St. Petersburg am 11. März 2017 Bild: dpa, F.A.Z.

In beiden Büchern endet die Revolution 1928 – ein Versprechen, das freilich nur Stephen A. Smith erfüllt. Was die Autoren damit sagen wollen, leuchtet ein. Trotzdem ist das Datum ein wenig willkürlich. Die unter Stalin forcierte Kollektivierung und Industrialisierung ist nicht in dem Sinne ein Bruch, dass Lenin und andere Altrevolutionäre es anders gemacht hätten, wenn ihnen dazu nur die Gelegenheit eröffnet worden wäre. Die Macht Stalins war spätestens seit 1927 in einem Maße gefestigt, dass eine ernsthafte Gefährdung ausgeschlossen werden konnte. Wenn man dieser Diagnose nicht zustimmen mag, hätte womöglich viel dafür gesprochen, die Schilderung 1934 enden zu lassen. Beim „Parteitag der Sieger“ soll es eine nennenswerte Gegenbewegung zu Stalin gegeben haben – hin zum Leningrader Parteisekretär Kirow.

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Während Smith ein „klassisches“ Geschichtsbuch in gut verständlicher Sprache verfasst hat, setzt Martin Aust die Ereignisse von 1917 auch in einen aktuellen Kontext und verweist auf den Umgang mit dem historischen Datum im heutigen Russland. Das ist wichtig und spannend, denn es griffe zu kurz, in Wladimir Putin einfach einen Sowjet-Nostalgiker zu sehen. Mindestens ebenso sehr ist er ein „Revolutions-Fürchter“. So wurde 1917 eine scheinbar unerschütterliche Institution wie das Zarentum ziemlich leicht hinweggefegt. Deshalb ist es interessant, wie das offizielle Russland mit diesem Erbe umgeht, zumal dem Zarenreich die eine oder andere amtliche Träne nachgeweint wird. Demgegenüber dominiert in der Geschichtsschreibung eine andere Frage, die des Scheiterns der Provisorischen Regierung nach dem Sturz des Selbstherrschers Nikolaus II.

Es ist gut, dass beide Autoren ihre Schilderungen nicht auf die Perspektive aus den Hauptstädten beschränken, sondern die Ereignisse in der ganzen Breite des riesigen Landes beleuchten. Die Bolschewiki waren angetreten, das Imperium zu zerstören. Sie schufen aber nicht zuletzt dadurch ein neues Imperium, indem sie Botschaften an die Peripherie sandten, die besser klangen als das, was das Zarenreich und seine Verbündeten zu bieten hatten. Dass am Ende doch wieder ein Kolonialreich herauskam, war das historische Pech der Betroffenen. Smith gelingt auf sehr engem Raum ein feinsinniges Charakterbild Lenins, das eigentlich alles über diesen Fanatiker sagt. Damit relativiert er vieles von dem, was im Nachhinein über Lenin geschrieben worden ist. Im Lichte der Untaten Stalins wirkte der Anführer der Bolschewiki im Jahr 1917 leicht wie ein vernünftiger und kompromissbereiter Politiker. Zwar ließ er sich – der Not gehorchend – auf den Diktatfrieden mit dem deutschen und österreichischen Kaiserreich ein. Nach dem Bürgerkrieg akzeptierte er die „Neue Ökonomische Politik“. Aber ideologisch war er sich seiner „Sache“ immer sicher. Und übertriebene Humanität wird man ihm auch nicht unterstellen können.

Während Smiths Buch ziemlich gut durchkomponiert wirkt, fällt bei Aust auf, dass der Text zuweilen wie ein Mosaik wirkt, das aus vielen vorformulierten Steinchen zusammengesetzt ist. Immer wieder tauchen einzelne Sachverhalte mehrmals auf. Und man hat nicht das Gefühl, dass dies aus gewissermaßen pädagogischen Gründen geboten sei. Nachdem er am Ende des Bürgerkriegs angekommen ist, bleiben

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nur noch gut 20 Seiten für zwei Essays: einen zur Nationalitäten-Problematik und einen zum Einfluss der Oktoberrevolution auf die Entkolonialisierung in anderen Weltgegenden. Beide Exkurse sind für sich genommen sehr lesenswert, aber nicht in Einklang mit dem zu bringen, was am Anfang des Buches versprochen worden war. Vielmehr gewinnt man auch hier den Eindruck, es seien Textbausteine verarbeitet worden, die schon vorhanden und irgendwie unterzubringen waren.

Nicht verantwortlich zu machen sind beide Autoren für eine ungute Gemeinsamkeit ihrer jeweiligen Werke. Bei der verlegerischen Betreuung der Texte ist – zurückhaltend formuliert – reichlich Luft nach oben. Namen wie der des Hauptquartiers der Bolschewiki im Sommer 1917 werden in ein und demselben Buch sehr unterschiedlich geschrieben. Bei Smith wird eine Reform „im Vorfeld der Revolution von 1905“ eingeführt. Einen Satz weiter liest man mit mildem Erstaunen, besagte Reform sei 1906 verkündet und 1910 und 1911 vervollständigt worden. Allerlei Stilblüten „zieren“ beide Bücher, wobei das bei Smith oft auf allzu wörtliche – aber im Ergebnis falsche – Übersetzungen aus dem Englischen zurückzuführen ist. Das ist schade, denn beide Autoren behandeln ein wichtiges historisches Thema, dessen Auswirkungen auch uns noch beschäftigen.

Martin Aust: Die Russische Revolution. Vom Zarenreich zum Sowjetimperium. Verlag C.H. Beck, München 2017. 278 S., 14,95 €.

Stephen A. Smith: Revolution in Russland. Das Zarenreich in der Krise. Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt 2017. 496 S., 39,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Peter Sturm
Redakteur in der Politik.
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