Russische Revolution

Furcht vor Zersetzung

Von Jörg Baberowski
 - 10:20

Als im Februar 1917 in Petrograd eine Revolte ausbrach, ahnte niemand, wohin sie führen würde. Es hatte in Russland schon so oft Unruhen gegeben, und stets waren sie von den Bauernsoldaten des Zaren niedergeschlagen worden. Im vierten Jahr des Krieges aber konnte sich das Regime auf die Armee nicht mehr verlassen. Nicht einmal die Einheiten, die zur Niederschlagung des Aufstandes nach Petrograd entsandt worden waren, mochten sich für den Zaren noch verwenden. Sie liefen zu den Aufständischen über. Nikolaj II. dankte ab, liberale Abgeordnete der Duma bildeten die Provisorische Regierung, der im Frühsommer 1917 auch sozialistische Politiker beitraten.

Unterdessen zerfiel die Ordnung in atemberaubender Geschwindigkeit. Arbeiter- und Soldatenräte usurpierten die Macht in den großen Städten, im Sommer 1917 löste sich die Armee auf. Und in den Randgebieten des Imperiums gerieten die Waffen des Heeres in die Hände nationalistischer Eiferer. Niemals zuvor hatte es eine solche Katastrophe in Europa gegeben. Millionen Menschen waren gestorben, Millionen auf der Flucht, die Dynastie der Romanows trat von der Bühne ab und mit ihr das Imperium, das sie 300 Jahre lang beherrscht hatte.

Nicht nur in Großbritannien und Frankreich, den Verbündeten, wurde der Zerfall des Zarenreiches als Katastrophe wahrgenommen. Auch in Österreich, das an der Seite Deutschlands gegen Russland kämpfte, mochte sich keine Freude über das Ende der Romanows und ihres Reiches einstellen. Von Anfang an sah man in Wien deutlicher als andernorts, dass der Geist der Revolte und der Virus des Nationalismus auch auf Österreich übergreifen könnten. Die Monarchie war die einzige Klammer, die das Vielvölkerreich zusammenhielt. Ihr Verlust wäre auch das Ende des Imperiums. Daran konnte es jetzt keinen Zweifel mehr geben. Was die einen als Bedrohung empfanden, deuteten andere als Aufbruch in eine leuchtende Zukunft. Sozialisten und Nationalisten jedenfalls sahen die russische Revolution auch als Verheißung. Sie versprach, dass auch in Österreich gelingen könnte, was in Russland begonnen hatte.

Nun hat Verena Moritz aus Zeitungen, Memoiren und Archivdokumenten zusammengetragen, wie in Wien die russische Revolution gesehen und verstanden wurde. Wie überall in Europa waren auch Österreichs Diplomaten anfangs schlecht informiert. Im Frühjahr 1917 glaubten sie noch, dass die russischen Liberalen Herren der Lage bleiben würden, und sie hofften, dass die Revolution die Kampfkraft der russischen Armee schwächen und den Mittelmächten helfen werde, den Krieg zu gewinnen. Österreichs Soldaten aber waren kriegsmüde, seine Offiziere inkompetent, deshalb war die Schwächung des Gegners die einzige Chance, den Krieg doch noch siegreich zu beenden. Dennoch war die Freude über den Zerfall der zaristischen Armee nur von kurzer Dauer.

Aus den Kriegsgefangenenlagern in Russland wurde gemeldet, dass sich der Geist der Rebellion nun auch unter den Soldaten der kaiserlichen Armee ausbreitete. Revolutionäre hätten Kriegsgefangene gegen ihre Offiziere aufgehetzt, Tschechen, Slowaken und Ungarn hätten sich von den Deutsch-Österreichern losgesagt. Manches Lager habe sich in eine Brutstätte der Revolution verwandelt. Die russische Revolution war in den Augen von Diplomatie und Heeresführung nichts als eine große Herausforderung. Jeder Heimkehrer aus der Gefangenschaft war ein potentieller Rebell, ein Unruhestifter, der die Ordnung in Frage stellen würde.

Als die Bolschewiki im Oktober 1917 nach der Macht griffen, führten sie Russland zwar aus dem Krieg. In Wien aber überwog die Furcht vor der Zersetzung. Im Februar 1918 berichteten Mitglieder der österreichischen Militärmission aus Petrograd, dass Russland nur noch der Schatten seiner selbst sei. Armut, Verwahrlosung und Kriminalität, wohin man schaue. Auf den Straßen Petrograds regiere der Mob, marodierende Soldaten raubten Geschäfte aus. Es sei lebensgefährlich, überhaupt aus dem Haus zu gehen. Tag für Tag lieferten sich Banditen und Rote Garden Feuergefechte. Die Bevölkerung ertrage den alltäglichen Terror in stoischer Ruhe, weil jeder Widerstand gegen die Gewalt gebrochen worden sei. Durch die Auflösung des Heeres seien Maschinengewehre in den Besitz der „dunkelsten Elemente“ gelangt. Tag für Tag plünderten bewaffnete Banden Weinkeller und Spirituosengeschäfte und feierten „wüste Gelage“ auf den Straßen. Auf dem Land herrsche „volle Anarchie“, Gutshöfe würden angezündet, das Inventar geraubt und die Wälder verwüstet. Die Tscheka töte nach Gutdünken, die Grausamkeit der bolschewistischen Soldateska kenne keine Grenzen. Aus den Berichten sprach die nackte Furcht vor der Anarchie. Solch ein Leben sollte es in Wien nicht geben.

In Berlin regierte im Frühjahr 1918 noch der Optimismus. Lenin arbeite nach Plan, glaubte die kaiserliche Regierung, weil er Russland aus dem Krieg geführt und als politische Macht aus dem Spiel gebracht hatte. Der österreichische Generalkonsul in Petrograd sah klarer als andere, dass die Schwäche der Bolschewiki ihre größte Stärke war. Sie konnten sich über alle Grundsätze des Kriegs- und Völkerrechts hinwegsetzen, Chaos und Anarchie in ganz Europa verbreiten. „Nie hat es unter einem russischen Selbstherrscher eine solche Willkür und Schreckensherrschaft gegeben.“ Es sei ein Fehler gewesen, sich mit Lenin einzulassen, meldete der Diplomat nach Wien. Wenn seine Gegner gewönnen, hätten Deutschland und Österreich in Russland keine Freunde mehr. Lenin siegte, wie wir wissen. Daraus aber konnten die Mittelmächte keinen Gewinn ziehen. Im November 1918 löste sich das Imperium der Habsburger in wenigen Tagen auf.

Verena Moritz: 1917 – Österreichische Stimmen zur russischen Revolution. Residenz Verlag, Salzburg 2017. 287 S., 24,– €.

Quelle: F.A.Z.
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