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SS-Richter Morgen

Himmlers Gerechtigkeitsfanatiker?

Von Christiane Liermann
 - 09:56
Vitrinen mit Büchern und gerahmte Fotos an der Wand erinnern bei der Einweihung des Fritz-Bauer-Saals im Landgericht in Frankfurt am Main am 17.05.2017 an das berufliche Wirken des Frankfurter Staatsanwalts. Bild: dpa, F.A.Z.

„Auschwitz war eine kleine Stadt mit einem sehr großen Durchgangs- und Verschiebebahnhof, etwa wie Bebra“, gab im Jahr 1964 ein Mann zu Protokoll, dessen Biographie den nationalsozialistischen Terror von einer kaum bekannten, ungeheuerlichen, geradezu grotesken Seite beleuchtet. Der Mann, der im Frankfurter Auschwitz-Prozess als Zeuge gehört wurde, war der Jurist Konrad Morgen (1909 bis 1982). Seit dem Herbst 1940 war Morgen, selbst NSDAP- und SS-Mitglied, ein „SS-Richter“, das heißt, er war tätig in jener gesonderten, von Heinrich Himmler 1939 geschaffenen NS-Gerichtsbarkeit, die Vergehen der SS und der Polizei im „besonderen Einsatz“, in den besetzten Gebieten hinter der Front verfolgte.

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In dieser Funktion war er mit Ermittlungen gegen hohe SS-Offiziere, in erster Linie wegen Korruption, betraut. Seine Untersuchungen führten ihn 1943 auch nach Auschwitz. Er erklärte nach dem Krieg, er habe damals erkannt, dass das Lager ein „Vernichtungslager“ gewesen sei, in dem der Massenmord an den europäischen Juden mit industrieller Arbeitsorganisation ins Werk gesetzt worden sei. Als Morgen nach dem Krieg verhört wurde, gab er an, schockiert gewesen zu sein und nach Wegen gesucht zu haben, das Morden juristisch zu ahnden. Da er sich aber im Klaren war, dass das „Staatsoberhaupt“ den Massenmord befohlen hatte und er Hitler ja nicht anklagen konnte, wählte er den Weg, den er für den einzig gangbaren hielt: Er erhob Anklage wegen einzelner krimineller Taten. So brachte er bis 1945 eine Reihe von Lageraufsehern und andere Funktionäre des NS-Systems vor Gericht, die abgeurteilt und zum Teil auch hingerichtet wurden.

Man steht mithin vor dem aberwitzigen Fall eines SS-Richters, der zwischen 1943 und 1945 gegen SS-Leute wegen Korruption und „gesetzwidrigen“ Tötungsdelikten Prozesse führte, weil er das große Ausrotten in dem „fabrikmäßigen Schlachthausbetrieb“ – wie er sich später ausdrückte – nicht anklagen konnte und wollte, und der sich selbst einen „Gerechtigkeitsfanatiker“ nannte. Wie lässt sich so eine Lebensgeschichte erzählen? Wie kann man sine ira et studio ein solches Berufsethos rekonstruieren? Das österreichisch-amerikanische Autorenpaar Herlinde Pauer-Studer und J. David Velleman versucht es vorsichtig abwägend, stets in dem Bewusstsein, dass alle rückblickenden Erklärungen und Deutungen von Beteiligten notwendig unter Apologieverdacht stehen. Die Untersuchung ist als „normative Fallstudie“ angelegt. Sie arbeitet einerseits, vornehmlich anhand der Prozessakten, geschichtswissenschaftlich; sie unternimmt es andererseits von einem rechtsphilosophischen Standpunkt aus, Konrad Morgens politische Anschauungen und juristische Entscheidungen in den Horizont der großen Frage nach dem Verhältnis von überzeitlicher Gerechtigkeit, positivem Recht und historisch-zeitabhängigen Rechtsauffassungen einzuordnen. Die Studie entwirft Morgens „moralische Biographie“, nicht in dem Sinne, dass sie zeigen will, dass dieser trotz allem ein anständiger Kerl geblieben war, sondern indem sie seine handlungsleitenden Vorstellungen von Recht und Ordnung unter den Bedingungen eines Unrechtsstaates skizziert, dem er selbst als Amtsträger diente.

Als solcher war Morgen ein überzeugter Vertreter des nationalsozialistischen Willensstrafrechts, das den verbrecherischen Vorsatz des Täters aus dessen verdorbener Persönlichkeit herleitete. Die liberale Unterscheidung von Recht und Sittlichkeit teilte er nicht. Auch scheint er die drakonische Härte der NS-Strafpraxis nicht in Frage gestellt zu haben. Sie schien ihm im Gegenteil dort besonders geboten, wo er durch moralisch-verbrecherische Korruption Einzelner das Wohl der Gemeinschaft bedroht sah, sei es der deutschen „Volksgemeinschaft“, sei es der idealisierten Kampfgemeinschaft der SS. Auf diese Motivlage gehen Pauer-Studer und Velleman ein – mit einem bisweilen schon fast irritierenden Bemühen um Fairness und Differenzierung.

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Sie machen deutlich, dass Morgens Anliegen nur mittelbar die Ahndung des Massenmordens als solchem war; unmittelbar ging es ihm vielmehr um die Bestrafung von Taten, von denen er annahm, sie seien sowohl Grund als auch Folge moralischer Verrohung und folglich eine Schädigung des Gemeinwohls. Ihn erschütterte die Inhumanität der Konzentrationslager, die er im Zuge seiner Untersuchungen erlebte; aber mehr noch erschütterte ihn die Überzeugung, dass hier die Ordnung dessen, was er für solides Recht hielt, verletzt wurde. In diesem Geist leitete er die Ermittlungen gegen den Lagerkommandanten von Buchenwald, Karl Otto Koch, und dessen Frau; er ermittelte gegen Maximilian Grabner, den Leiter der Gestapo in Auschwitz; er versuchte, Rudolf Höß, den Kommandanten von Auschwitz-Birkenau, und andere vor Gericht zu bringen. Da das nicht ohne Risiko für ihn persönlich war, trug ihm sein Verhalten nach 1945 durchaus auch Anerkennung ein. Die abgründige Ambivalenz dieses deutschen Juristenlebens macht die Studie überzeugend plausibel.

Herlinde Pauer-Studer/J. David Velleman: „Weil ich nun mal ein Gerechtigkeitsfanatiker bin“. Der Fall des SS-Richters Konrad Morgen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 348 S., 26,– €.

Der mit Korruptionsfällen befasste Jurist stellte die drakonische Härte der NS-Strafpraxis nicht in Frage.
Quelle: F.A.Z.
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