<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Strategiedebatte

Asien ohne Amerika?

Von Maximilian Terhalle
 - 16:39

Ob der amerikanische Präsident dereinst als „nützlicher Idiot“ Chinas (und Russlands) in die Geschichte eingehen wird, weil er erst aus dem Transpazifischen Abkommen (TPP) ausstieg, um dann seinem chinesischen Widerpart ungefragt zu dessen lebenslanger Machtfestigung zu gratulieren (dass er ähnlich über Putin denkt, ist unleugbar), wissen wir nicht. Aber ein Buch, das Amerikas Rolle in Süd-/Ostasien nicht systematisch in seine Analyse integriert, so lässt sich bereits vermuten, wird es schwer haben, interessierte Leser zu überzeugen. Fairerweise, so muss man sagen, ist dies eine Schwäche, welche die Herausgeber mit vielen Experten qua Sozialisation teilen.

Der Band von Tarling und Xin versucht es gleichwohl. Ihr Ziel ist es, Bedrohungsformen zu erklären, die Ländern der Region konkret widerfahren sind oder die diese zumindest als solche auffassen. Konzeptionell greifen sie dafür auf innergesellschaftliche Auffassungen von Bedrohung und Sicherheit zurück, nicht zuletzt auch auf ihrer Meinung nach marginalisierte Stimmen. Der Leser, der an dieser Stelle zunächst eine konzeptionelle Auseinandersetzung mit Robert Jervis’ Klassiker „Perception and Misperception“ erwartet, wird enttäuscht. Auch die Frage, welches Gewicht solche Perspektiven haben, wenn eine Region vom potentiell kriegerischen Widerstreit zwischen Großmächten erfasst ist, wird nicht problematisiert. Gleichfalls wird nicht gesagt, welcher Gewinn (außer einem rein deskriptiven) in dieser marginaliserten Perspektive besteht, da sie sich dem größeren Kontext nicht entziehen kann. Dies wird besonders deutlich in den Kapiteln, die sich mit Piraterie und deren Bedrohungsperzeption durch traditionelle Wirtschaftszweige beschäftigen, aber über eine Beschreibung regionalspezifischer Charakteristika dessen nicht hinausgelangen, was als Koordinationsproblematik unter collective action bekannt ist.

Das Buch beschäftigt sich nachfolgend mit Bedrohungsperzeptionen in Malaysia, Singapur, den Philippinen, Japan, Thailand und China. Unter den mehrheitlich deskriptiv gehaltenen Kapiteln ragen die über Japan und China hervor. Das ist einer Schwäche des Buches zu verdanken, die hier zur Stärke wird. Während der Band seiner eigenen Aussage nach auf „neue“ Bedrohungen zielt (Piraterie), wird in den Einlassungen zu Japan und China deutlich, dass das Schwergewicht vielmehr auf der zwischenstaatlichen Bedrohungsanalyse liegt.

Yoichiro Sato teilt das Kapitel zu Japans Perzeption seines Umfelds in die Zeit während und nach dem Kalten Krieg ein. Er beschreibt, dass die Faktoren (Hochsee-)Fischerei, Öl, der Aufbau einer großen Handelsflotte und zeitweilige, zumeist friedliche Konflikte im Südchinesischen Meer diese Ära aus Sicht Tokios bestimmten. Japans Außenpolitik sei wesentlich vom Schutz seiner Interessen durch Amerika abhängig gewesen. Welche Perzeption der Vereinigten Staaten dies über 45 Jahre hin nach zwei Atombomben ermöglichte, wird nicht näher erklärt. Und warum dies nach dem Ende der bipolaren Konfrontation als strategisches Paradigma so blieb, wird gleichfalls nicht erläutert. Zwar führt Sato jetzt China ein und beschreibt den Wettbewerb um Ressourcen, beleuchtet die Rolle Nordkoreas im Verhältnis der ehemaligen Kriegsgegner und legt auch minutiös Japans Initiativen zum Thema Piraterie an der für den Welthandel zentralen Straße von Malakka dar. Aber es gelingt dem Autor nicht, die Implikationen japanischer Außenpolitik und, wichtiger noch, den Rahmen seiner äußeren Politik zu problematisieren. Gerade im Hinblick auf die Dynamik von Perzeptionen wäre es hier zentral gewesen, analytisch darauf zu verweisen, dass Tokios strategische Abhängigkeit von Amerika geschickt kultiviert wurde, um die nie aufgearbeitete Spannung zwischen China und Japan kontrollieren zu können.

Xin Chen, die Mitherausgeberin, beschäftigt sich mit China. Im Gegensatz zu allen anderen Kapiteln wird hier Washington in die Diskussion integriert, allerdings ist auch hier wenig Analyse der Faktoren erkennbar, die in die Fragen von Perzeption und Fehlperzeption einfließen, welche Implikationen dies jeweils für die Herausbildung des Bildes des Gegenüber hat und was das politisch bedeutet. Die Autorin konzentriert sich auf jüngste chinesische Debatten über seine gegenwärtige und zukünftige Rolle in der Region. Sie betrachtet liberale und realistische Positionen zum Thema, die sie in mehrere Schattierungen auffächert. Sie sagt aber nicht, welches Gewicht sie den jeweiligen Stimmen geben würde. In einem autoritären Staat keine unwichtige Frage. Dass sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung (2017) auch die liberalen Stimmen teilweise in Richtung der „realistischen“ (besser: nationalistischen) seit der Beendigung der Forschungen zum Buch (2013) bewegt haben, sollte hier zumindest erwähnt werden. Das Ergebnis, dass China so lange ausländische Stimmen des „China threat“ befördere, wie es keine einheitliche Linie zur Frage „Was hält China für eine Bedrohung Chinas“ hat, ist dann eine wenig zufriedenstellende Rückkehr zum Thema Perzeption. Denn eines der Dilemmata ist doch gerade, dass das, was andere Staaten als Bedrohung wahrnehmen, für China Teil seiner historisch (so bedingt wie instrumentalisiert) friedlichen Außenpolitik ist. Und umgekehrt sieht China in Amerikas Ostasien-Politik im Kern amerikanische Eindämmungspolitik. Doch die Dynamik, die sich hier analytisch hätte fassen lassen, hätte einer systematischen Spiegelung sino-amerikanischer Perzeptionen anhand konkreter Beispiele bedurft. Letztlich kann man sich des Eindrucks einer mangelnden Konzeption des Bandes durch die Herausgeber nicht erwehren. Und auch hinsichtlich des analytischen Gehalts bleibt ein schaler deskriptiver Geschmack.

Für eine überfällige deutsche China-Strategie im Kabinett Merkel IV, die rosige Vorstellungen vom „Wandel durch Handel“ und durch internationale Institutionen aufgibt und stattdessen den wirtschaftlich, militärisch und ideologisch globalen Machtanspruch Pekings anerkennt und realpolitisch beantwortet, bietet das Buch somit leider keine Ideen.

Nicholas Tarling, Xin Chen: Maritime Security in East and Southeast Asia. Political Challenges in Asian Waters. Palgrave Macmillan, Hampshire 2018. 255 S., 95,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenChinaAmerikaJapanWladimir PutinAsien