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Theodor Habicht

Spalterisch-destruktiv und dynamisch-leistungsorientiert

Von Michael Mayer
 - 10:02
Deutsche Infanterie bei den Strassenkämpfen um Stalingrad (undatiertes Archivfoto) Bild: dpa, F.A.Z.

Stundenlang liegen die deutschen Soldaten im März 1943 im Schneematsch, während russische Artilleriegeschosse um sie herum einschlagen. Sollte es tatsächlich in diesem Morast noch Leben geben? Doch dann, als die Einschläge weniger werden, greifen schmutzstarrende, blutverschmierte Gestalten – die letzte Handvoll Überlebender der Verteidigungslinie – zu ihren Waffen, wohl wissend, dass jetzt der russische Frontalangriff beginnt. So steht es im Tagebuch des überzeugten Nationalsozialisten Theodor Habicht, der auch noch in dieser elenden Lage nicht davon lassen kann, seine Männer auf übermächtige Rotarmisten zu hetzen.

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Felix Römer hat auf der Basis der Aufzeichnungen von Habicht mehr als nur eine Mikrogeschichte des Zweiten Weltkriegs an der Ostfront geschrieben. Zugleich erzählt er die Lebensgeschichte Habichts, der in den 1920er Jahren die NSDAP in Wiesbaden zu überdurchschnittlichen Wahlerfolgen führte, bevor er im Juli 1934 in Wien den Umsturzversuch gegen die österreichische Regierung befehligte und damit kläglich scheiterte. Von Hitler weiterhin gedeckt, wurde Habicht in der Folge Bürgermeister von Wittenberg und Koblenz, bevor er im November 1939 (nicht 1940, wie Römer annimmt) als Unterstaatssekretär in das Auswärtige Amt eintrat. Der Fall dieses Quereinsteigers, der nur über einen Realschulabschluss verfügte und dem Reichsaußenminister direkt unterstellt war, belegt damit, wie sehr sich das AA seit der Amtsübernahme Ribbentrops 1938 verändert hatte. Nach kürzester Zeit hatte sich Habicht mit allen überworfen und wechselte im Oktober 1940 zur Wehrmacht.

Römer nutzt das Beispiel Habicht, um den Nationalsozialismus als „narzisstische Volksgemeinschaft“ zu beschreiben. Er interpretiert den Narzissmus dabei als kulturelle Tendenz der Nationalsozialisten, die gekennzeichnet ist durch Phänomene wie das Gefühl von Einzigartigkeit, den Anspruch auf Autorität, das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, die Empfindlichkeit gegenüber Kritik. Böse Zungen könnten nun behaupten, es sei kein Wunder, dass gerade ein Historiker sich mit Narzissmus gut auskenne, fordere doch jede Stellenbeschreibung in der Geschichtswissenschaft überbordendes Selbstbewusstsein, gepaart mit völliger Kritikunfähigkeit bei versteckten Minderwertigkeitskomplexen.

Als Junghistoriker hat Römer hier sicher schon einiges erlebt, nutzt es aber nun sehr produktiv, indem er es auf den Nationalsozialismus insgesamt anwendet. Insbesondere kann er das antagonistische Verhältnis zwischen Volksgemeinschaft und Persönlichkeitskult derart beleuchten, dass es letztlich doch zusammenpasst, da es Paternalismus und die elitäre Betrachtung der Masse als Instrument in den Händen der Besten vereint. Zudem bietet Römer den Narzissmus als einen Erklärungsbaustein dafür, dass der Nationalsozialismus gleichzeitig spalterisch-destruktiv (sehr narzisstisch) und dynamisch-leistungsorientiert (dito) veranlagt war, was die mörderische Effizienz des Nationalsozialismus erklärt.

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Um aber sogleich jegliche Hoffnung auf eine kulturalistische Eloge abzuwürgen: Die Stärken des Buches liegen an anderer Stelle, nämlich der Mikroperspektive in doppelter Hinsicht. Einerseits beschreibt Römer detailliert den Aufstieg der NSDAP am Beispiel Wiesbaden und zeigt hier Rekrutierungsmuster für neue Mitglieder, aber auch endlose Querelen und Korruption. Andererseits gibt Römer mit Hilfe des einzig bekannten Tagebuchs eines hohen Nazis im Felde Einblick in den Alltag eines Kompanie- beziehungsweise Bataillonsführers im Ostkrieg. Erstaunlich ist dabei, wie sehr sich auch zutiefst antibürgerliche Nationalsozialisten in der Wehrmacht an die nationalkonservativen Umgangsformen anpassten. Habicht hatte zudem trotz erfolgreicher NS-Karriere lange zu kämpfen, bevor er nach über zweijähriger Frontbewährung endlich ein Bataillonskommando erhielt. In der Wehrmacht zählte Herkunft letztlich weniger als im Zivilen, die militärische Leistung war eher ausschlaggebend.

Erstaunlicherweise findet sich bei Habicht kein rassistisches Überlegenheitsgefühl gegenüber der russischen Bevölkerung, sondern eher ein radikaler, kolonialistisch geprägter Paternalismus, der aber auch vor tödlicher Gewalt nicht zurückschreckte. Dabei wollte er aber keinesfalls als Schreckensherrscher gesehen werden, sondern betonte immer wieder, wie sehr er von der einheimischen Bevölkerung geliebt werde – oft hielt er aber wohl die Angst der Menschen vor ihm für Zuneigung. Der Holocaust als Höhepunkt der Gewalt wiederum fand bei Habicht keine Beachtung, auch wenn er Zeuge von Ermordungen gewesen sein muss. Selbst ein Nationalsozialist wie er, so Römer, habe sich nicht über den Mord an den Juden definiert. Hier zeigt sich der unkonventionelle Blick der Junghistoriker wie Römer, die die Gewalt zwar als einen wichtigen Bestandteil des Nationalsozialismus ansehen, jedoch auch andere Entwicklungen angemessen einbeziehen. Die Zeiten des einfachen Apologetentums oder des einseitigen Moralisierens sind hoffentlich endgültig vorbei.

Insgesamt handelt es sich also um einen spannenden Blick in die Mikrogeschichte des Ostfeldzugs. Hinzu kommt, dass das Buch – von überlangen Zitaten abgesehen – gut geschrieben ist. Selten sind die Historiker, die mit dem geschriebenen Wort gewaltfrei umgehen können. Allein, das Konzept der „narzisstischen Volksgemeinschaft“ wird nicht wirklich durchgehalten, verflüchtigt sich vor allem dann, wenn interessante Entwicklungen präsentiert werden – die Erlebnisse und Selbsttäuschungen Theodor Habichts im Ostkrieg. Römer beweist damit, dass er kein Narzisst ist, da ihm die unbedingte Selbstüberschätzung bis zum bitteren Ende fehlt.

Felix Römer: Die narzisstische Volksgemeinschaft. Theodor Habichts Kampf 1914 bis 1944. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017. 400 S., 26,– .

Quelle: F.A.Z.
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