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Theodor Heuss

Feingeist und Kollektivscham

Von Rainer Blasius
 - 16:20

Zehn Jahre stand Theodor Heuss (1884-1963) an der Spitze der Bundesrepublik Deutschland. Das erste Staatsoberhaupt verstand sich vor allem als Erzieher zur Demokratie - wortgewaltig, aber eigentlich machtlos, interessiert an Geschichte, Kunst und Literatur, ein begnadeter Schreiber mit Hang zum Selbstzitat. Dem hochgebildeten Zigarrenraucher und Weintrinker folgte im Sommer 1959 Landwirtschaftsminister Heinrich Lübke. Einige Spötter kommentierten die personelle Veränderung in der Villa Hammerschmidt sogleich als „Wechsel vom Humanismus zum Humus“.

Eine umfassende Biographie über Heuss liegt bisher nicht vor, wohl aber fünf (der geplanten acht) Bände einer Edition mit Briefen, herausgegeben von der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus. Der wissenschaftliche Leiter dieser „Stuttgarter Ausgabe“, Ernst Wolfgang Becker, will nun in seiner überzeugenden Lebensskizze aufzeigen, wie sich der Politiker, Publizist und Redner Heuss als „Bürger im Zeitalter der Extreme“ entwickelte und behauptete.

Der promovierte Nationalökonom und Chefredakteur der „Neckar-Zeitung“ in Heilbronn bis 1918 war unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs ein „Vernunftrepublikaner mit Demokratie im Herzen“, der alsbald „den Kampf um die Republik an mehreren Fronten“ aufnahm. Er schrieb für Zeitungen und Zeitschriften, unterrichtete in Berlin an der privaten Deutschen Hochschule für Politik, engagierte sich für den Deutschen Werkbund und gehörte von 1924 bis 1928 sowie von 1930 bis 1933 dem Reichstag an. Schon 1931 charakterisierte er den „kleinen Rheinländer“ Joseph Goebbels: „Schmerzliche Gebrechen, die Unansehnlichkeit der Erscheinung haben zu einer Überkompensation geführt. Er ist kein Held, darum muss er vom Heldischen reden, ganz laut.“ Und 1932 setzte er sich in dem Buch „Hitlers Weg“ mit Ursprung und Programmatik der NS-Bewegung auseinander, wobei allerdings die kriegerischen und rassenideologischen Zielsetzungen außerhalb seines Vorstellungshorizonts lagen. Schließlich stimmte der Abgeordnete der Deutschen Staatspartei 1933 trotz anfänglicher Vorbehalte dem „Ermächtigungsgesetz“ Hitlers zu. Einerseits ging er auf Distanz zum Nationalsozialismus, andererseits arbeitete er während des Krieges an der Wochenzeitung „Das Reich“ mit, weil - so O-Ton Heuss - das Blatt „opulent bezahlt und die Aufsätze eine erstaunlich große Publizität erhalten“. Ab 1941 sei er zunehmend zu einer Persona non grata geworden, meint Becker. Zu den „zentralen Akteuren des Widerstandes gehörte Heuss sicherlich nicht, auch wenn er auf verschiedenen Ebenen Kontakte zu Gegnern des NS-Regimes hatte“. 1943 verließ Heuss Berlin und fand Unterschlupf in zwei Dachkammern in Heidelberg.

Die amerikanische Besatzungsmacht berief ihn im September 1945 zu einem der Lizenzträger der „Rhein-Neckar-Zeitung“. Drei Jahre später war Heuss Bundesvorsitzender der FDP und Mitglied des Parlamentarischen Rats. Er war ein Parteichef „ohne Fortune“, der 1949 dankbar gewesen sei, dass Konrad Adenauer ihn als Bundespräsidenten vorgeschlagen und so „eine schwere Bürde von Heuss genommen“ habe.

Aus Sicht von Heuss bestand eine Verpflichtung zur Erinnerung, um Bonns Legitimität zu stärken: „Eine moralische Sensibilität, die sich dem Vergessen verweigert, galt ihm als Grundlage für den demokratischen Neubeginn und für die Versöhnung mit den Opfern des Nationalsozialismus“, schreibt Becker. Problematisch war sein Engagement für verurteilte Kriegsverbrecher. „Gesinnungstätern bürgerlicher Herkunft“ habe er oft das Recht auf politischen Irrtum zugestanden: „Die von ihnen begangenen Verbrechen konnten dann als wesensfremd ausgeschieden werden.“ Heuss blieb einem Denken verhaftet, „das sich dem Schrecken verschloss, den auch die bürgerliche Welt barg“.

Ernst Wolfgang Becker: Theodor Heuss. Bürger im Zeitalter der Extreme. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2011. 184 S., 18,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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