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Traumata durch Gewalt

Empirische Hemmungslosigkeit

Von Christoph Nübel
 - 09:11
Eine Frau verdeckt mit ihren Händen das Gesicht Bild: dpa, F.A.Z.

Wenn es einen Sound der Geschichte gäbe, er klänge nach Angriffsgebrüll und Schmerzensschreien. Krieg und Gewalt sind soziale Phänomene, die in allen Epochen präsent waren und heute als verstörend und erklärungsbedürftig wahrgenommen werden. Lange Zeit wurden sie nach Norbert Elias aus dem Prozess der Zivilisation herausgeschrieben und als fremd begriffen, wohingegen Zygmunt Bauman auf die zerstörerischen Potentiale der Moderne hingewiesen hat. Michael Wolfs psychoanalytischer Beitrag zum Thema orientiert sich erkennbar an erster Position und macht den Fortschritt zum Beförderer des Guten. Aus dieser Warte werden die durch Krieg und Gewalt verursachten Traumata ausgeleuchtet sowie deren politische Konsequenzen vermessen.

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Das alles erfolgt aus einer historischen Perspektive, für die eine geradezu überbordende Fülle an Themen herangezogen wird. Das macht es dem Leser nicht leicht, den Überblick zu behalten. Dieses Manko wäre mit den durchaus interessanten Überlegungen, die sich über den Band verstreut immer wieder finden, auszubalancieren gewesen. Nachdrücklich wird auf das Problem der transgenerationellen Traumavererbung und die soziale Dimension von Leiden hingewiesen, was mit einem Appell an die Psychologie verbunden wird, in der Therapie nicht nur individuell, sondern auch gruppenbezogen zu arbeiten.

Problematisch wird es allerdings, wenn Erkenntnisse der Psychoanalyse bedenkenlos auf Kollektive wie „die Deutschen“ oder gar ganze „Kulturen“ übertragen werden. So können die funktional differenzierten Gesellschaften der Gegenwart nicht angemessen beschrieben werden. Auch gibt es zahlreiche Verkürzungen und Fehler bei den historischen Beispielen, die das Grundgerüst des Bandes bilden, sich aber so als ausgesprochen brüchige Säulen im Gebäude der Argumentation erweisen. Es ist zu mechanistisch gedacht, führende Nationalsozialisten als „im Ersten Weltkrieg traumatisierte Soldaten“ zu bezeichnen, die den Zweiten Weltkrieg als Teil einer persönlichen Kompensationsstrategie auslösten. Auch war die Stasi sicher nicht die „Erbin“ des Reichssicherheitshauptamtes. Die von Wolf identifizierten unbewussten Kontinuitäten der Gewalt und Gewaltverdrängung in der deutschen Geschichte, die in historistischer Manier sogar selbst als Akteurin auftritt, lassen sich mit diesen Beispielen nicht belegen.

Mit einer besonderen empirischen Hemmungslosigkeit wütet der Autor dort, wo er die These, Kriege seien anormal und pathologisch, mit Filmen wie „Full Metal Jacket“ zu untermauern sucht. Im Buch findet sich eine ganze Reihe Teils absurder Hinweise auf die „Ungeheuer der Vergangenheit“. Tatsächlich dringt der gewalthafte Sound der Geschichte mal lauter, mal leiser an unser Ohr. Ihn in seiner Kakophonie aufzuzeichnen gelingt jedoch nicht, indem man Gewalt mystifiziert, sondern Wege findet, sie als soziale Möglichkeit zu verstehen.

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Michael Wolf: Krieg, Trauma, Politik. Gewalt und Generation: Die unbewusste Dynamik. Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2017. 232 S., 22,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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