Übersinnlichkeit im NS-Staat

Das Pendel schwingt, der „Führer“ sinkt

Von Michael Mayer
 - 12:29

Das Beste gleich zu Beginn: „Hitler’s Monsters“. Ein Buch mit diesem Titel hat man gerne im Schrank stehen, direkt neben Hitlers Histaminintoleranz und Hitlers Gesammelten Gardinenpredigten. Doch wie viel Übernatürliches steckt eigentlich im Nationalsozialismus? Hitler ließ etwa die neue Reichskanzlei von einem bekannten Hellseher gegen schädliche Erdstrahlen absuchen. Die Marine wiederum verwendete Pendel, um feindliche Schiffe aufzuspüren. Somit scheint also der bisherige empirisch-terrestrische Zugang zum Nationalsozialismus nicht auszureichen.

Der amerikanische Historiker Eric Kurlander geht in seiner „übernatürlichen Geschichte des Dritten Reichs“ von der Grundannahme aus, dass keine politische Massenbewegung derart bewusst auf einer erdachten Fiktivwelt aufbaute wie der Nationalsozialismus. Mit Hilfe von Okkultismus, Parawissenschaften, New Age und Mythologie sei es gelungen, Millionen Deutsche zu erreichen, die nach neuen Formen der Spiritualität und alternativen Erklärungsmustern für die Welt gesucht hätten – abseits der klassischen Wissenschaften oder der traditionellen Religionen. Man könne, so Kurlander weiter, die Geschichte des „Dritten Reichs“ nicht verstehen, ohne das Verhältnis von Nationalsozialismus und Übersinnlichkeit in Betracht zu ziehen.

Damit ist erst einmal die Neugierde des Lesers geweckt, der bisher unter Pendelbewegungen in der Geschichte keinesfalls etwas Übernatürliches verstanden hatte. Gerade in Zeiten von Fake News kann es durchaus gewinnbringend sein, sich konkret zu überlegen, in welcher Weise politische Prozesse durch Verschwörungstheorien und Mystifizierungen beeinflusst wurden. Genau dies tut das Buch aber nicht. Dafür wird erst einmal ausführlich noch der exzentrischste aller Exzentriker mit den abstrusesten Thesen in extenso zitiert. Der Leser wird dabei, völlig unspirituell, in das Pandaimonion der völkischen Bewegung, der Okkultisten und geistigen Sonderlinge geführt. Kurlander hat sich jedoch bedauerlicherweise rasch im Labyrinth der Irrelevanz verlaufen. Mit Mühe versucht er, einen gewissen konkreten Einfluss auf die NS-Bewegung – den es durchaus gab – nachzuweisen. Doch wirken seine Bemühungen recht hilflos: Wenn Hitler beispielsweise einige Zeilen in dem Buch „Magie: Geschichte, Theorie, Praxis“ von Ernst Schertel unterstrich, so zeigt dies noch lange keinen Einfluss parawissenschaftlicher Autoren auf sein Denken.

Zudem gelingt es Kurlander nicht, die verschiedenen absurd-okkultistischen Strömungen von durchaus relevanten intellektuellen Bewegungen zu trennen. So verwurstet er zum Beispiel die liberalen Ansätze der Lebensreformbewegung ungesehen in seinem völkisch-übernatürlichen Brei. Gartenstadtbewegung, biologisch-dynamischer Landbau, Homöopathie, Waldorfpädagogik: Alles wird direkt oder indirekt zum okkulten Weggefährten des Nationalsozialismus umgedeutet. Damit zeigt Kurlander jedoch allein, dass die besondere Gedankenwelt der deutsch-christlich-jüdischen Intellektuellen für ihn Terra incognita bleibt. Für ihn gibt es nur die positivistische Wissenschaft. Alle Versuche, Wissenschaft auch geistig-intellektuell zu durchdringen, ohne dabei in esoterische Formen abzugleiten, zählt er bereits zu Grenzwissenschaften – und verdammt damit gleichzeitig ungewollt den versammelten Geist von Adorno bis Max Weber.

Doch kämpft sich der Leser tapfer durch den Wust der Kleinteiligkeit, wohl wissend, dass die genannten Personen und Werke nur minimalen Einfluss hatten. Dabei erfährt man einige Absonderlichkeiten, etwa wenn es heißt, der SPD-Volksbeauftragte Gustav Noske habe im Januar 1919 die Freikorps gegründet. Die Hoffnung bleibt aber unerschütterlich, dass Kurlander im weiteren Verlauf seiner Ausführungen deutlich macht, wann und wie das Okkulte in der Praxis reale Auswirkungen hatte. Gelockt wird man dabei vom Versprechen, dass Militärplanung, Geheimdiensttätigkeit und Außenpolitik im Nationalsozialismus vom Übernatürlichen beeinflusst wurden. Um es kurz zu machen: Die Hoffnung starb zwar erst zuletzt, doch sie starb qualvoll.

Was also gab es konkret? Bei der Marine experimentierte ein isoliertes Grüppchen mit Pendeln, um feindliche Schiffe aufzuspüren. Die Überlegung war, dass Pendel auf große Mengen von Stahl reagieren würden. Damit zeigt sich jedoch nur, dass die Militärforschung in wenigen Einzelfällen auch erstaunlich unkonventionelle Wege ging. Das Propagandaministerium wiederum nutzte Prophezeiungen des Nostradamus, die im feindlichen Ausland verteilt wurden, um so die Bevölkerung der Kriegsgegner zu beeinflussen. Doch auch dies kann weniger als Beleg für den NS-Okkultismus, sondern vielmehr als findiger Einsatz von Propagandatechniken gesehen werden. Insgesamt wird all dies auf wenigen Seiten en passant gestreift.

Wirklich problematisch wird es aber, als Kurlander auf den „Einfluss“ des Übersinnlichen auf die NS-Außenpolitik kommt: So habe Hitler am 24. August 1939 ein Omen in Form eines roten Lichtes gesehen, was ihn in seiner Absicht unterstützt hätte, Polen anzugreifen.

Ebenso sei beim Flug des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess nach Großbritannien im Mai 1941 Übernatürliches im Spiel gewesen, habe sich dieser doch zuvor von Astrologen beraten lassen. Quoi qu’il en soit, letztlich haben rationale Gründe den Ausschlag für dessen Versuch gegeben, zu einem Separatfrieden mit Großbritannien zu kommen. Der Erfrierungstod Tausender deutscher Soldaten in der Sowjetunion im Winter 1941/42 wiederum kam nach Ansicht Kurlanders unter anderem deshalb zustande, da Meteorologen einen milden Winter vorausgesagt hätten und man deshalb Winterkleidung für die Wehrmacht für unnötig gehalten habe. Mehr findet sich zur Außenpolitik nicht. Doch auch hier sollte weniger das Übersinnliche in den Fokus gerückt werden, es waren vielmehr ganz banale Fehlentscheidungen.

So legt man also Kurlanders Werk zur Seite, ohne einen geistig-spirituellen Höhenflug erlebt zu haben. Vor allem wenn man sich die Belegstellen für manche kühne Behauptung ansieht, würde man sich doch ein wenig mehr klassische Wissenschaft wünschen, die auf Quellenmaterial und nicht auf den Aussagen mehr oder minder renommierter Außenseiter der Geschichtswissenschaft basiert.

Es bleibt insgesamt der Eindruck, dass mit dem Buch eine Dämonisierung der anderen Art versucht wurde. Der Nationalsozialismus wird letztlich zu einem Phänomen umgedeutet, dass von einem Haufen Okkultisten geprägt und von einer Bevölkerung unterstützt wurde, die in ihrem kollektiven Unterbewusstsein einen besonderen Hang für das Dunkle gehabt haben soll. Doch derart übersinnlich-freudianisch wird man den Nationalsozialismus nicht erklären können, auch wenn man die NS-Zeit damit fröhlich dämonisieren kann. Europa wurde nicht pendelschwingend und gläserrückend mit einer Welle des Terrors überströmt, sondern mit roher, rationaler Gewalt. Im Nationalsozialismus steckt nämlich mehr Wissenschaft als Grenzwissenschaft, so ungern wir uns das mit unserem naiv-positivistischen Fortschritts- und Wissenschaftsglauben auch eingestehen mögen.

Eric Kurlander: Hitler’s Monsters. A Supernatural History of the Third Reich. Yale University Press, New Haven und London 2017. 448 S., 35,– $.

Quelle: F.A.Z.
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