Ulrich Wegener und GSG9

Letzter Preuße verteidigt Bonner Demokratie

Von Christian Hartmann
 - 10:47

Was für ein Mann, was für ein Buch! Dabei wirkt die Publikation bescheiden, beim ersten Durchblättern sogar – Autor und Herausgeber mögen dies Urteil verzeihen – ein bisschen wie „gebastelt“: ein knapp gehaltener Bericht, sprachlich kaum geglättet, ergänzt mit einem Konvolut von Interviews, Kommentaren und Bildern. Das ist keine dieser handelsüblichen Hochglanzbiographien, mit denen sich irgendwelche unwichtigen Zeitgenossen viel zu früh wichtig machen wollen.

Aber genau diese Bescheidenheit, Authentizität und Ehrlichkeit verraten bereits einiges über den Mann, der hier sein Leben erzählt und Rechenschaft abgibt. Wenn er im Zentrum des öffentlichen Interesses stand, so geschah das gewissermaßen im dienstlichen Auftrag. Sonst aber hat er nie die Öffentlichkeit gesucht; er konnte das nicht und er hätte es vermutlich auch nicht gewollt. Auch seine Autobiographie haben andere erst ermöglicht. Ulrike Zander und Harald Biermann haben als Mitarbeiter am Bonner „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ lange Interviews geführt, mit dem Umfeld dieses Mannes und mit ihm selbst. Sein Name: Ulrich Wegener. Es ist sein Lebensbericht geworden, vielleicht auch seine Bilanz.

Sein Leben sei, so die beiden Herausgeber, „teils parallel zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ verlaufen, „teils diametral entgegengesetzt“. Das ist wohl wahr. Für Wegener, der 1929 als Offizierssohn in Jüterbog/ Brandenburg zur Welt kam, wäre etwas anderes als ein militärischer Beruf „überhaupt nicht in Frage gekommen“. Aber wo wäre dies nach 1945 noch möglich und vor allem sinnvoll gewesen? Das, was er als 16jähriger bei den „Endkämpfen im Berliner Raum“ erlebt hatte, war kaum das gewesen, was er gesucht hatte. Es folgten schwierige Jahre, dann der Beginn eines Studiums. Zu einem Studium eigener Art wurden die 18 Monate, die Wegener in einem DDR-Zuchthaus verbringen musste, weil er „Flugblätter gegen die Einheitsliste“ für die Wahlen zur Volkskammer verteilt hatte. Damals erlebte er den Hungertod von Mitgefangenen, er selbst wog 1952 bei seiner Entlassung noch knapp 60 kg, bei einer Größe von 1,86 m. Danach hielt ihn nichts mehr in der Deutschen Demokratischen Republik.

Erst im anderen und freien Teil Deutschlands fand Wegener das, wonach er suchte. Nach Anfängen bei der Bereitschaftspolizei wurde der Bundesgrenzschutz, dem er seit 1958 als Offizier diente, zu seiner beruflichen Heimat. 1968 Stabsoffizier, 1970 Verbindungsoffizier von Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, zwei Jahre später Kommandeur einer neu geschaffenen Einheit – der Grenzschutzgruppe 9. Als Generalmajor ging Wegener 1989 in den Ruhestand. Das sind die äußeren Daten einer Karriere.

In ihrem eigentlichen Zentrum aber stehen fünf Jahre, die Zeit vom 5./6. September 1972 bis zum 17./18. Oktober 1977. Hinter diesen Daten stehen wiederum zwei Ereignisse, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Auf dem Tower von Fürstenfeldbruck erlebte Wegener zusammen mit Genscher die missglückte Befreiung der israelischen Geiseln während des Olympia-Attentats. Der Tod aller elf Geiseln und eines deutschen Polizisten war nicht nur ein polizeiliches und ein politisches Desaster. Es war auch eine Kapitulation des demokratischen Rechtsstaats vor dem internationalen Terrorismus.

Damals war Wegener nur Augenzeuge. Er „konnte nichts tun. In dem Augenblick schwor ich mir, dass so etwas nicht noch einmal passieren würde“. Fünf Jahre später führte Wegner dann vor, wie sich eine solche Krise meistern lässt. Unter seiner Leitung und unter seiner Führung befreite die GSG 9 alle 91 Geiseln der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“. Drei Terroristen starben, sonst gab es keine Toten bei der „Operation Feuerzauber“.

1972, nach dem Schock von München, hatte Wegener zu einer „Spezialeinheit“ geraten, „die truppenmäßig gegen diese Terroristen vorgehen kann“. Genscher gab ihm den Auftrag. Einfach war er nicht, es existierte damals in Deutschland nur wenig, woran man hätte anknüpfen können. Etwas aber gab es schon – Skrupel, Vorbehalte und auch Neid bei all den „Berufsskeptikern und Sowieso-Kritikern“ aus Politik und Verwaltung, den Medien und der Polizei. Wirkliche Hilfe fand Wegener dagegen dort, wo man es am wenigsten hätte erwarten können – in Israel.

Nachdem die Bundesrepublik die überlebenden drei Olympia-Attentäter bereits am 29. Oktober 1972 wieder freigelassen hatte – vorausgegangen war die Entführung einer Lufthansa-Maschine durch palästinensische Terroristen –, erreichten die israelisch-deutschen Beziehungen definitiv ihren Tiefpunkt. Dennoch gelang es Wegener, eine systematische Kooperation mit Israels Sicherheitskräften aufzubauen. Er und seine israelischen Partner, Männer wie Ehud Barak, Rafael Eitan oder Yonatan Netanyahu, verstanden sich schließlich so gut, dass sie ihn „als dazugehörig betrachteten“. Bei all dem ging es um mehr als nur um Erfahrungsaustausch und Aufbauhilfe, es ging immer auch um den gemeinsamen Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Die hier publizierten Stimmen aus Israel lassen erahnen, wie viel Wegener, dieser aus der Zeit gefallene preußische Offizier, für die israelisch-deutschen Beziehungen getan hat.

Es heißt, Terrorismus sei eine „Kommunikationsstrategie“. Dies kann auch die Gegenseite für sich beanspruchen. Nichts wäre daher verfehlter, als Wegeners Bilanz auf „Mogadischu“ und den Aufbau der GSG 9 zu reduzieren. Dass die RAF seit 1977 auf großangelegte Geiselbefreiungen verzichtete, dass neue „Generationen“ den Terrorismus in Deutschland am Leben halten mussten, dass dieser sich seitdem „nur“ noch auf Attentate beschränkte und dass sich schließlich die RAF am 20. April 1998 brav von der Geschichte abmeldete, ist immer auch das Verdienst Wegeners und der GSG 9. „GSG 9 – stärker als der Terror“, lautet denn auch der Titel dieses Buchs. In Zahlen ausgedrückt heißt das: Seit ihrer Gründung im September 1972 hat die GSG 9 „rund 1900 Einsätze durchgeführt“. Dabei starben drei ihrer Angehörigen, drei weitere sind bei einer gleichermaßen harten wie konsequenten Ausbildung ums Leben gekommen.

Doch ist Wegener und der GSG 9 noch etwas gelungen: die schwierige Gratwanderung zwischen den Erfordernissen und den Grenzen, die sich beim Kampf eines demokratischen Rechtsstaats mit dem internationalen Terrorismus zwangsläufig auftun. Auch davon vermittelt Wegeners Bericht eine Vorstellung (und im Übrigen auch das großartige Interview mit Dieter Fox, einem Mann der ersten Stunde in der GSG 9). Bunte Bildbände über die GSG 9 gibt es viele, das aber ist ein wirklicher Insiderbericht.

So gesehen, hat der Bericht durchaus das Potential zum Lehrbuch, nicht allein beim hochaktuellen Thema Innere Sicherheit. Von einem wie Wegener, dem man das Prinzip der „learning institution“ nie zu erklären brauchte, lässt sich auch sonst viel lernen – Führung, Management, Teambuilding oder die Bewältigung von Krisen (und auch Erfolgen). Das verweist einmal mehr auf Wegeners Persönlichkeit und auch auf seine Werte. Sie sind weit gespannt. Charakteristisch für ihn ist etwas, was mittlerweile als Widerspruch empfunden wird. Er wurzelt einerseits in einem traditionellen preußischen Selbstverständnis und er wurde andererseits zu einem der entschiedensten Verteidiger unserer Demokratie. Er ist einerseits nicht bereit zu Kompromissen bei seinen Werten, Prinzipien und Überzeugungen, und andererseits hat sich kein anderer gefunden, der so schnell, flexibel und so erfolgreich auf eine der schwersten Krisen der Bundesrepublik reagierte. Ob ein Traditionalist wie er mittlerweile noch Chancen bei einer Armee wie der Bundeswehr hätte? Vermutlich nicht. Dabei könnte nicht nur diese Armee viel von ihm lernen. Um so wichtiger bleibt sein Vermächtnis.

Ulrich Wegener: GSG 9 – Stärker als der Terror. Herausgegeben von Ulrike Zander und Harald Biermann. Lit Verlag, Münster 2017. 305 S., 34,80 .

Quelle: F.A.Z.
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