Versicherung

Wer will dafür haften?

Von Guido Thiemeyer
 - 10:30

In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, kurz nach der atomaren Katastrophe von Tschernobyl, diagnostizierte der Soziologe Ulrich Beck eine Zeitenwende. Die Entwicklung moderner großtechnischer Anlagen, so Beck, habe zu neuen Verteilungskonflikten in der Gesellschaft geführt. Der Kampf um die Verteilung des materiellen Wohlstandes verliere angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung an Bedeutung, an seine Stelle sei die ungleiche Verteilung des Risikos von großtechnischen Anlagen getreten. So stark wie nie in der Geschichte sei das ökologische Gleichgewicht der Welt bedroht, die damit verbundenen Risiken aber seien ungleich verteilt. Auch wenn es Beck nicht allein um die Risiken der Atomenergie ging, rückte diese angesichts der Ereignisse in Tschernobyl schnell in den Mittelpunkt der Diskussion. Die These war nicht unumstritten, gleichwohl fand der von Beck geprägte Begriff der „Risikogesellschaft“ seinen Weg in die öffentliche Diskussion.

Christoph Wehner zeichnet die Debatte um die Risiken der Atomenergie in der Bundesrepublik und in den Vereinigten Staaten nach. Dabei geht es ihm weniger um die öffentliche Diskussion als vielmehr um die Perspektive der Versicherungswirtschaft, die angesichts der neuen Dimension von Risiken vor großen Herausforderungen stand. Es waren in den frühen fünfziger Jahren vor allem die nationalen Regierungen in Washington und in Westeuropa, die die friedliche Nutzung der Atomenergie vorantrieben. Unterstützt wurden sie von Atom-Fachleuten, Physikern und Ingenieuren, die die neue Technik für zukunftsfähig hielten und dank ihrer Autorität auch die mediale Öffentlichkeit für sich gewinnen konnten.

Auch wenn es durchaus skeptische Stimmen gab, dominierte zu dieser Zeit eine breite gesellschaftliche Unterstützung für die friedliche Nutzung der Atomenergie in der westlichen Welt. Die Energiewirtschaft hingegen war zu diesem Zeitpunkt skeptisch. Einerseits standen in Gestalt von Kohle und Öl Energieträger zu geringen Kosten in ausreichendem Maße zur Verfügung, andererseits waren die Investitionskosten für die Atomkraftwerke sehr hoch. Heinrich Schöller, der damalige Technik-Vorstand der RWE in Essen, stellte hierzu lapidar fest, man werde sich für eine technische Revolution nicht finanziell ruinieren.

Noch zurückhaltender gegenüber der Atomenergie war die Versicherungsbranche. Hier stand man vor dem Problem, dass die friedliche Nutzung der Nukleartechnik Risiken barg, die sich mit den klassischen Instrumenten der Haftpflichtversicherung nicht seriös kalkulieren ließen. Sehr schnell stand daher die Forderung nach staatlichem Engagement im Raum. „Die Forderung, dass wir bei der bestimmten Haftungsgrenze unter Umständen auch die öffentliche Hand einspringen lassen müssen“, so argumentierte beispielsweise der FDP-Abgeordnete Wolfgang Rutschke in der Bundestagsdebatte vom 9. Mai 1958, „ist eben darin begründet, dass es eine nationale Aufgabe ist, sich der Kernenergie zu bedienen.“

Die SPD trat gar dafür ein, die Atomwirtschaft grundsätzlich zu verstaatlichen, wie es beispielsweise auch in Frankreich geschah. Die friedliche Nutzung der Kernenergie sei im Interesse der gesamten Gesellschaft, also wäre es auch legitim, wenn die Allgemeinheit die Haftungsrisiken übernähme. Im Endeffekt einigte man sich darauf, dass Bund und Länder als Rückversicherer der privaten Anbieter bei Schäden auftraten, die 500 Millionen Mark überschreiten würden. Zudem gründeten die privaten Versicherungen 1957 die „Deutsche Kernreaktor Versicherungsgemeinschaft“ als Rückversicherung, weil ein einzelner Anbieter das Risiko nicht tragen konnte. Mit diesem Arrangement war die Frage der Risiken der Kernkraftwerke aus der Sicht der Versicherungswirtschaft gelöst.

Allerdings änderte sich die Einstellung der Öffentlichkeit zur Kernenergie zu Ende der sechziger Jahre. Dieser Wandel manifestierte sich besonders eindrucksvoll am erfolgreichen Protest gegen das geplante Kernkraftwerk Wyhl in Baden. Die friedliche Nutzung der Kernenergie, die für die Mehrheit der Öffentlichkeit in den fünfziger Jahren noch als zukunftsweisend und modern galt, stand nun paradigmatisch für die Bedrohung des ökologischen Gleichgewichtes und die Zerstörung der Natur durch menschliche Technik. Insbesondere das in den fünfziger Jahren von der Versicherungswirtschaft vorgetragene Argument, dass sich die Risiken der Kernenergie nicht mit den klassischen Instrumenten der Versicherungswirtschaft beherrschen ließen, wurde nun auf die mit den Kernkraftwerken verbundenen Risiken übertragen. Was sich nicht versichern ließ, so das Argument, könne auch nicht sicher sein.

Die Arbeit von Christoph Wehner zeigt, dass sich zu Ende der sechziger Jahre nicht die mit der Kernenergie verbundenen Risiken, sondern die gesellschaftliche Debatte über diese Risiken veränderte. Im zum Teil gewaltsamen Protest gegen Atomanlagen und ihre Betreiber sah die Versicherungswirtschaft ein neues Risiko, das es in den fünfziger Jahren nicht gegeben hatte. Sabotageakte, Terroranschläge und Bauplatzbesetzungen tauchten als neue Gefahren für Atomanlagen auf und waren schwer zu kalkulieren. Der Versicherungsexperte Eberhard Kretschmar meinte in einem Beitrag für eine Fachzeitschrift 1979 gar, dass Versicherung in „chaotischen, anarchischen und revolutionären“ Zeiten unmöglich werde.

Die Versicherungsexperten führten die gesellschaftlichen Proteste gegen die Kernenergie auf einen aus ihrer Sicht überzogenen Anspruch an die Sicherheit und Leistungsfähigkeit staatlichen Handelns zurück. Dabei war die Bedeutung der Einschätzung der Versicherungsfachleute für die öffentliche Debatte ambivalent. Die Skepsis der Versicherungen war für die Kernkraftgegner ein Argument dafür, dass die Risiken der Atomenergie nicht zu kalkulieren waren. Demgegenüber wurde von staatlicher Seite angeführt, dass gerade das Engagement der privaten Versicherungen in der Atomwirtschaft ein Beleg dafür sei, dass die Gefahren nicht so enorm seien, wie von den Gegnern behauptet.

Insgesamt bestätigt die Arbeit jene geschichtswissenschaftlichen Forschungen, die in den vergangenen Jahren den gesellschaftlichen Wandel in der Bundesrepublik Deutschland zu Beginn der siebziger Jahre untersuchten. Während die Einschätzung der Risiken der Atomwirtschaft durch die Versicherungsexperten sich seit den fünfziger Jahren nur wenig veränderte, wandelte sich die gesellschaftliche Einstellung zu dieser Form der Energiegewinnung grundlegend. Die Studie verdeutlicht aber auch die bislang wenig beachtete transatlantische Dimension der Debatte. Die deutsche Diskussion über die friedliche Nutzung der Atomenergie wurde durch die Rede Präsident Dwight D. Eisenhowers vom 8. Dezember 1953 vor den Vereinten Nationen angestoßen.

Die Bundesregierung griff die „Atoms for Peace“-Kampagne des amerikanischen Präsidenten auf und förderte den Ausbau der friedlichen Nutzung von Atomkraft. Aber auch der Wandel der öffentlichen Einschätzung der Atomenergie hatte in den sechziger Jahren einen Ursprung in den Vereinigten Staaten. Das Buch „The Careless Atom“ des amerikanischen Publizisten Sheldon Novick nahm wesentliche Argumente der Debatte in der Bundesrepublik Deutschland vorweg.

Die von Ulrich Beck seinerzeit vertretene These von der Risikogesellschaft will Christoph Wehner aus geschichtswissenschaftlicher Sicht nicht bestätigen. Der eigentliche Wandel, so legt die vorliegende Studie nahe, fand bereits zehn Jahre zuvor statt. Die Diskussion über den gesellschaftlichen Wandel in der Bundesrepublik der siebziger Jahre wird durch die Arbeit um einen wichtigen Aspekt bereichert.

Christoph Wehner: Die Versicherung der Atomgefahr. Risikopolitik, Sicherheitsproduktion und Expertise in der Bundesrepublik Deutschland und den USA 1945–1986. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 427 S., 46,– .

Quelle: F.A.Z.
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