Von unten betrachtet

Ein differenziertes Bild des Kriegsalltags

Von Michael Epkenhans
 - 12:59

Der einhundertste Jahrestag des Kriegsendes 1918 ist eine gute Gelegenheit, dieses einschneidende Ereignis mit Hilfe „dicker“ Bücher oder aber der Veröffentlichung neuer Quellen noch einmal ins öffentliche Gedächtnis zu rufen. Wie wichtig und ertragreich Letzteres ist, macht die hier vorgelegte „Verborgene Chronik“ deutlich. Aus den Beständen des viel zu wenig beachteten Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen haben die Editoren nach einem ersten Band, der das Jahr 1914 behandelte, einen weiteren lange verborgenen Schatz Zeitzeugnisse gehoben. In Form eines „kollektiven Tagebuchs“ vermitteln 111 Verfasser und Verfasserinnen mit ihren 1519 Einträgen einen plastischen, vielfach bedrückenden Eindruck ihrer Erlebnisse und Erfahrungen, ihrer Träume und Ängste zwischen Anfang 1915 und Januar 1919.

Um ein wirklich „kollektives Tagebuch“ vorlegen zu können, versuchen die Editoren, die ganze Bandbreite der Gesellschaft zu Wort kommen zu lassen: Front- und Etappensoldaten sowie Kriegsgefangene unterschiedlicher Dienstgrade und unterschiedlichen Alters, aus allen Schichten und Konfessionen; jugendliche Frauen, Arbeiterinnen, Pfarrers- und Offiziersfrauen. Indem sie deren Zeugnisse nebeneinanderstellen, können sie zeigen, wie unterschiedlich diese zur gleichen Zeit das Geschehen um sie herum wahrnahmen und deuteten. Kurzbiographien am Ende lassen die Menschen hinter den Zeilen sogar „lebendig“ werden.

Dieser Zugriff ermöglicht es, ein differenzierteres Bild des Kriegsalltags zu zeichnen, als es Editionen tun, die sich auf einen Protagonisten oder nur eine kleine Auswahl konzentrierten. Wenig überraschend ist daher die Vielfalt der Stimmen zur selben Zeit. So heißt es im Tagebuch eines Soldaten von der Front am 1. Januar 1915: „Die Erfolge von 14 geben uns Zuversicht für einen baldigen Sieg. Wir leben hier alle von der Zukunft. (. . . ) Ostern, spätestens Pfingsten werden wir daheim sein.“ Eine vierzehnjährige Bürgerstochter aus Weimar ist hingegen pessimistisch. Ihr ist nicht entgangen, dass es nur sehr langsam vorangeht. „Die Zukunft liegt so dunkel vor uns, doch an Vertrauen und Mut fehlt es nicht.“ Eine Hausfrau, deren Mann gefallen war, ist wiederum verbittert, weil sie am gleichen Tag erfährt, dass ihre Rente um die Hälfte gekürzt wurde und sie nun arbeiten gehen muss, um ihre zwei Kinder durchzubringen. Ein eingezogener Telegrapheninspektor schildert schließlich das Leben unter Dauerbeschuss im Schützengraben.

In der Summe über vier Jahre betrachtet werden so nebeneinander Nationalismus und Chauvinismus, die immer wieder aufkeimende Hoffnung auf den „verdienten“ Sieg, Verzweiflung über Verwundung und Tod von Angehörigen oder Kameraden, die allgemeine Not, Verrohung und zunehmender Antisemitismus, wachsende Kritik am Krieg und Freude, aber auch tiefe Enttäuschung über dessen Ende sichtbar. „Mit Entrüstung und echt deutscher Wut nehmen wir den weiteren Kampf an“, notierte ein Vizewachtmeister nach Erklärung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges im Februar 1917. Im Tagebuch einer Pfarrersfrau heißt es wiederum: „Vati und ich haben sehr abgenommen, Vati wiegt 112 Pfund und ich 116. Ich habe also 34 Pfund abgenommen. Das Leben ist immer schwieriger geworden, und die Lebensmittel, auf denen kein Höchstpreis ruht, sind unerschwinglich.“ Seltsam nüchtern beschrieb ein Unteroffizier das Sterben eines seiner Soldaten: „Da lag unser armer Kamerad in den letzten Zügen, ein Sprengstück hatte ihn schwer getroffen, es musste ihm wahrscheinlich durch den Rücken ins Herz gegangen sein, denn nach einigen Minuten war er tot.“

Die Einträge des Frühjahrs 1918 lassen noch einmal die Hoffnung auf den von vielen ersehnten Sieg erkennen. Doch an die Stelle von Hoffnung trat bald Verzweiflung. Im August notierte eine Siebzehnjährige aus dem Elsass: „Unsere Soldaten sind in Frankreich stets auf dem Rückzug und verlassen bereits, was sie erobert hatten. Diesen Winter muss der Frieden errungen werden, schon wegen des Hungers.“ Und im Tagebuch eines Soldaten heißt es am 18. September: „Abends geht es wieder hinaus. 69 Mann stark rücken wir aus, draußen sind es aber noch 23. Die anderen haben sich unterwegs verdrückt.“ Gemischt ist auch die Reaktion auf das Ende. Während die einen sich freuen, dass „das Volk ( . . . ) aufgestanden (ist) und (die) Macht an sich gerissen (hat)“, ist die junge Weimarerin, die 1915 düster in die Zukunft geschaut hat, bei der Lektüre der Waffenstillstandsbedingungen „wie gelähmt, es liegt darin etwas so Unmenschliches, Gemeines und Niedriges, dass man vor Schmerz vergehen möchte“. Die letzten Eintragungen vom Januar 1919 lassen die Hypothek erkennen, mit der die Republik früh belastet war: „Deutsche gegen Deutsche, die alte deutsche Tragik. Durch die Ermordung von Liebknecht und Rosa Luxemburg wird dem Treiben dieser Unheilstifter ein Ende bereitet. Wenn auch jeder politische Mord verwerflich ist, so schafft er in diesem Falle doch Gutes, indem er Tausende vor dem Tode im Bruderkampfe bewahrt.“ Für eine Kindergärtnerin sind die ermordeten Spartakisten jedoch „Idealisten, die für ihre Sache und ihre Ideen ihr Leben preisgaben!“ Den Hass auf diese und die antisemitischen Ausfälle mancher beobachtete sie mit Abscheu.

Insgesamt ist es gelungen, ein eindrucksvolles, aber auch beklemmendes Panorama des Alltags mit seinen Höhen und Tiefen, seinen kleinen Freuden und seiner Grausamkeit sowie seinen Widersprüchlichkeiten zu zeichnen. Schade ist nur, dass die vielen liebevoll angefertigten Zeichnungen, erkennbar auf dem Schutzumschlag, oder die eingeklebten Fotos nicht mit abgedruckt wurden. Sie hätten die Intensität, mit der die Verfasserinnen und Verfasser das Geschehen verarbeitet haben, noch verstärkt. Gleichwohl, auch so haben sie einen wichtigen Beitrag zur Weltkriegsforschung geleistet.

Lisbeth Exner/ Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1915–1918.

Galiani Verlag, Berlin 2017. 815 S., 38,– .

Quelle: F.A.Z.
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