Waffen-SS

Die fünf Prozent, die jeder nennt . . .

Von Christian Hartmann
 - 09:49

Das Thema Waffen-SS sorgt bei uns mit einer gewissen Regelmäßigkeit für heftige öffentliche Diskussionen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Erinnert sei nur an das recht späte Eingeständnis von Günter Grass „Beim Häuten der Zwiebel“ im Jahr 2006 oder an die Kontroverse um den Soldatenfriedhof „Kolmeshöhe“ bei Bitburg im Jahr 1985. Als sich herausstellte, dass dort auch 59 Angehörige der Waffen-SS liegen (neben etwa 2000 Angehörigen der Wehrmacht), schien der Friedhof plötzlich ungeeignet für jene gemeinsame Gedenkveranstaltung, zu der sich Ronald Reagan und Helmut Kohl trafen. Damals nannte Grass das einen „selbstgefälligen Freispruch“.

Warum diese Aufregung, warum diese Heuchelei? Und warum fällt ein verbindliches Urteil über die Waffen-SS so schwer? Dass wir noch längst nicht alles wissen über die Geschichte dieser komplexen, vielschichtigen Organisation, steht außer Frage. Und auch, dass sich Charakter und Geschichte der Waffen-SS nur schwer auf wenige Worte reduzieren lassen. Natürlich ist an der Formel von Bernd Wegner nichts auszusetzen: „Hitlers Politische Soldaten“. Doch war deren Funktion über weite Strecken des Zweiten Weltkriegs oft die einer „ganz normalen“ Fronttruppe, was immer das dann im Einzelnen zu bedeuten hatte. Sicher ist: Die schließlich 38 Divisionen der Waffen-SS waren organisatorisch, mental, funktional und ethnisch sehr unterschiedliche Formationen. Entsprechend groß ist daher das Spektrum an Meinungen über „die“ Waffen-SS: von der Betonung ihres militärischen Elite-Charakters über die beschwichtigende Formel von den „Soldaten wie andere auch“ bis hin zum apodiktischen Urteil in Nürnberg, wo die Waffen-SS 1946 zur „verbrecherischen Organisation“ erklärt wurde.

Jochen Lehnhardt will diese Fragen auf seine Weise beantworten. Am Anfang seiner Dissertation steht ein Verdacht: Bis heute seien unsere Vorstellungen von der Waffen-SS stark beeinflusst von ihrer Propaganda, die sie im Zweiten Weltkrieg selbst produziert habe. So etwas zu belegen beziehungsweise zu „dekonstruieren“ ist nicht ganz einfach, denn Perzeption ist ein höchst komplexer Vorgang, unauflöslich verknüpft mit ganz bestimmten individuellen wie subjektiven Voraussetzungen. Noch schwieriger aber wird der Nachweis eines kollektiven Transfers – erst recht, wenn sich dieser Transfer über mehrere Jahrzehnte erstreckt.

Am überzeugendsten ist das Buch in seinem organisationsgeschichtlichen Teil: bei der Darstellung des Propagandaapparats der Waffen-SS. Dieser Abschnitt, hochinteressant, mitunter geradezu spannend, kann immer auch als Beitrag zur alten Streitfrage „Modernität des Nationalsozialismus“ gelesen werden. Denn die Propaganda der Waffen-SS ist ein Beleg dafür, wie virtuos dieses Regime die Möglichkeiten der damaligen Propagandatechnik nützte und wie sicher das sozialpsychologische Gespür seiner Propagandisten oft war. Nach bescheidenen Anfängen umfasste dieser Apparat, der seit November 1943 als SS-Standarte „Kurt Eggers“ auftrat, schließlich knapp 1200 Mann, darunter Journalisten, Schriftsteller, Bildreporter, Kameraleute, Tontechniker, Maler oder Lektoren.

Die meisten waren Profis, manche auch wirkliche Könner; es sei der SS gelungen, so Lehnhardt, das „beste Fachpersonal“ für diesen Verband zu rekrutieren. Zur Zentralfigur wurde dabei Gunter d’Alquen, der schon vor 1939 eine Art journalistisches Sprachrohr der SS gewesen war. Dieser „Jungstar der NS-Publizistik“ fungierte nicht nur als Kommandeur der Standarte, ihm gelang es auch, sich einen wachsenden Einfluss auf die gesamte deutsche Kriegspropaganda zu sichern. Das vermehrt freilich die Abstrusität der deutschen Geschichte während der Jahre 1933 bis 1945 nur um eine weitere Variante: Je hoffnungsloser die militärische Situation wurde, desto professioneller und effektiver funktionierte die Propaganda der Waffen-SS.

So gelang es ihr, die Selbstdarstellung der Wehrmacht immer mehr zurückzudrängen und die Bedeutung von Himmlers Armee für die deutsche Kriegführung weit zu überzeichnen. Selbst wenn Größe und Einfluss der Waffen-SS bis Kriegsende kontinuierlich stiegen, so erreichte deren Stärke dennoch nie mehr als fünf Prozent des Gesamtumfangs der Wehrmacht. Demgegenüber war der Anteil der SS-Kriegsberichterstattung in der deutschen Presse – wie diese Studie detailliert belegt – 1944 schließlich dreimal so hoch. Wie das im Einzelnen funktionierte, illustriert etwa die Befreiung Mussolinis auf dem Gran Sasso im September 1943, deren Verlauf im Detail bekannt ist. Obwohl es deutsche Fallschirmjäger waren, die dieses Kommando-

Unternehmen realisierten, stilisierte die SS-Propaganda ihren Hauptsturmführer Otto Skorzeny zum „Befreier des Duce“.

Gut dokumentierte Beispiele wie diese hätte man sich mehr gewünscht. Stattdessen ergeht sich diese Studie in ihrem presseanalytischen Teil in zahllosen Statistiken und langfädigen Auswertungen, bei denen selbst der gutmütigste und interessierteste Leser allmählich den Überblick (und auch die Geduld) verliert. Müssen wir wirklich die „Zahl der Beiträge, die mindestens eine Aussage der Dimension ,Besondere Beziehung zur Reichsführung‘“, noch dazu spezifiziert nach unterschiedlichen Zeitungen und unterschiedlichen Anlässen, müssen wir so etwas wirklich wissen? Auch diesem Buch hätte die alte Formel gutgetan: Weniger ist mehr!

Problematischer erscheint indes ein anderer Punkt: Mit der Frage nach der Propaganda stellt sich zwangsläufig immer auch die Frage nach ihrem Wahrheitsgehalt. Oder anders: Was weiß die historische Forschung heute über das, worüber damals diese Propaganda berichtete? Hier bleibt diese Studie – leider! – dünn und auch seltsam unbestimmt. Ein Beispiel dafür ist die alte wie vieldiskutierte Frage nach der militärischen Leistungsfähigkeit der Waffen-SS. Der Autor referiert auf nicht mehr als sieben Seiten die widersprüchlichen Ergebnisse der Forschung und meint, diese sei eben „noch im Fluss“. Dennoch hält er den militärischen Elite-Charakter der Waffen-SS für eine „Legende“ und auch den „weltanschaulichen Fanatismus“ ihrer Angehörigen. Warum aber schreibt er dann: „Wie sich die Soldaten der Waffen-SS tatsächlich an der Front verhielten, darüber konnte die zeitgenössische Kriegsberichterstattung dagegen nur sehr eingeschränkt Auskunft geben“?

Keine Frage, das ist nun einmal das Wesen der Propaganda. Aber um deren Stellenwert wirklich präzise zu bewerten, braucht es den systematischen Vergleich – hier die Ereignisse an den Fronten, dort die Berichterstattung der SS. Das geschieht aber bestenfalls punktuell. Da jedoch nach knapp 500 Seiten noch immer nichts gesagt wurde zur steilen Ausgangsthese dieser Arbeit, dass „es einen Einfluss der NS-Propaganda auch auf das Bild von der Waffen-SS in der frühen Forschungsliteratur gegeben“ habe, wird das dann am Ende noch nachgeholt – lieblos und wenig überzeugend. Ärgerlich vor allem das Verdikt gegen Autoren wie George H. Stein oder Heinz Höhne. In ihren Pionierstudien habe es „auffallende Parallelen zu der Darstellung der NS-Propaganda“ gegeben. Bei dieser These hat der Autor dann wohl selbst kalte Füße bekommen. Natürlich sei, so heißt es wenige Seiten später, dies alles kein Nachweis, „dass Stein und Höhne so ungewollt das einst gerade von der SS-PK [Propagandakompanie] verbreitete Image der Waffen-SS übernommen haben“.

Warum dann aber eine solche Überfrachtung? Warum dieses Buch nicht als das präsentieren, was es nun einmal ist: eine Geschichte des Propagandaapparats der Waffen-SS – nicht mehr. Eine Gesamtgeschichte der Waffen-SS, erst recht unter Einbeziehung der Zeit nach 1945, wäre aber erst noch zu schreiben.

Jochen Lehnhardt: Die Waffen-SS: Geburt einer Legende. Himmlers Krieger in der NS-Propaganda. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2017. 629 S., 68, – .

Die Selbstdarstellung der Wehrmacht fiel zurück, die Bedeutung von Himmlers Armee wurde überzeichnet.
Quelle: F.A.Z.
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