Weltgeschichte

Kennerverstand mit leichter Hand

Von Jost Dülffer
 - 11:42

Ein starker Titel: „Krieg“! Selbst Carl von Clausewitz’ Hauptwerk hieß nur: „Vom Kriege“. Und von Krieg im Allgemeinen handelt dieses Buch auch gar nicht. Tatsächlich liegt ein Überblick über die vergangenen 100 Jahre Internationaler Geschichte vor. Hierzu gilt jedoch: „Es ist keine umfassende Geschichte der Weltpolitik eines Jahrhunderts.“ Was ist es dann? „Es ist das Porträt einer Welt, die seit hundert Jahren am Abgrund steht.“ Aber was signalisiert diese Metapher?

Kaum jemand ist für ein solches Werk so qualifiziert wie der Erlanger Historiker Schöllgen, der sein Privileg betont, „35 Jahre lang im Auswärtigen Amt für die historische Ausbildung der Attachés verantwortlich zu sein“. Er hat seit Jahrzehnten maßgebliche Überblicksdarstellungen von der Zeit des Imperialismus bis an die damalige Gegenwart Gorbatschows heran geschrieben, speziell zur deutschen Außenpolitik knappe Zusammenfassungen vorgelegt, ist zuletzt mit einer Biographie des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder hervorgetreten. Man kann also füglich eine Summe seiner Erkenntnisse erwarten.

Doch das wird einem nicht leichtgemacht. Es finden sich so ziemlich alle zentralen Aspekte der Weltgeschichte aufgeführt, zumeist aus einer diplomatiegeschichtlichen Sicht der Aushandlungsprozesse, Kriegskonstellationen, Nationsbildungsprozesse, Friedens- und anderen Verhandlungen. Das ist kenntnisreich geschrieben, zeugt von Belesenheit und oft scharfem, aber doch zumeist abwägendem Urteil, dargeboten in gut lesbarem Stil. Die Studie setzt mit dem Ersten Weltkrieg und den russischen Revolutionen ein und betont, dass mit der staatlichen Konsolidierung des sowjetischen Staates „der Krieg in der Welt und die Welt im Krieg blieb“. Sind die ersten Kapitel recht europazentrisch gehalten, so weitet sich der Blick zumal für die Zeit ab 1945 zu weltweiten Konstellationen, aber auch zu Querschnitts- und Strukturfragen. Insbesondere zur allerjüngsten Entwicklung, sei es im Nahen Osten seit George W. Bush, in Afghanistan seit dem sowjetischen Einmarsch, schreibt Schöllgen detaillierte Analysen, was ebenso für das Russland Putins insgesamt und zumal seine Politik um die Ukraine und anderswo gilt. Das Buch ist so aktuell, dass Trumps Twitter-Drohungen an Nordkorea vom 9. August dieses Jahres noch Berücksichtigung finden, die vor der UN am 19. September naturgemäß nicht mehr.

Problematisch ist etwas anderes: die gelegentlich zutage tretende Neigung, etwas zu kurz, zu knapp und damit letztlich unangemessen zu benennen. Nach einer Einleitung „Rückblick in die Gegenwart“ markieren einzelne Nomina die 14 Kapitel, in ihrer Wucht noch dadurch verstärkt, dass fünf von ihnen – wie der Buchtitel – einsilbig sind: Putsch, Blitz, Mord, Flucht, Raub sind das. „Putsch“: die Bolschewiki kamen auf diese Weise 1917 an die Macht. Auch das Deutsche Reich sei, so heißt es rückgreifend, 1871 durch eine Art Putsch ins Leben getreten. Also: „Wenn man so will, kamen die deutschen Putschisten des Jahres 1871 den russischen Putschisten des Jahres 1917 zur Hilfe.“

Den Sachverhalt Putsch – so er denn angemessen wäre – sollte man aber doch ein wenig stärker differenzieren. In der Regel beginnt jedes Kapitel mit einem knapp skizzierten besonderen historischen Sachverhalt. Kapitel 6 etwa heißt „Teilung“ und startet mit der Aufteilung der Welt durch die Souveränität der beiden deutschen Staaten 1955. Die Folgerung lautet, dass diese – angeblich in Jalta ein Jahrzehnt zuvor beschlossene – Teilung der Welt zur stillschweigenden Spielregel der Weltpolitik wurde. Es folgen Darlegungen zum vorausgegangenen Korea-Krieg, zur Dritten Welt im Allgemeinen als Rohstofflieferant und Objekten des Nordens. Daran schließt sich Vietnam an – mit bemerkenswerten Überlegungen zur Kopplung der sowjetischen Unterstützung für Frankreich auf der Genfer Indochina-Konferenz 1954 mit dem von Paris herbeigeführten Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft; dann sind wir wieder in Europa.

In Kapitel 9 geht es um Prävention, an sich ja ein vernünftiges Prinzip nicht nur in der Internationalen Politik, nämlich mögliche Konflikte frühzeitig zu erkennen und zu bearbeiten. Schöllgen macht die Staatsgründung Israels zum Thema und behandelt differenziert die nachfolgende prekäre Nahost-Situation bis zum Libanon-Krieg. Da wird sowohl das Problem von weltweitem Waffenhandel, das UN-Hilfswerk für Flüchtlinge angesprochen als auch Kissingers Pendeldiplomatie. Im Suez-Abenteuer 1956 „verdichtete sich das komplexe Weltgeschehen der Epoche“, „Israel musste handeln“, heißt es dazu einmal, wenig später, dies sei „aus seiner Sicht ein Präventivschlag“ gewesen. Wer da jeweils von „muss“ spricht, macht einen wesentlichen Unterschied. Am Ende des Kapitels denkt Schöllgen nach, ob es den überkommenen zwischenstaatlichen Krieg überhaupt noch gebe, und meint, der Angriff von außen fördere insgesamt den Durchhaltewillen revolutionärer Bewegungen, und wir sind bei iranischen Mullahs und George W. Bush im Irak.

Ist diese ganze Story unter der Überschrift „Prävention“ gut aufgehoben? Das ist aber nicht alles zum Thema Nahost: Kapitel 11 heißt „Terror“ und beginnt schlüssig mit 9/11. Es folgt die weitere Entwicklung auf der arabischen Halbinsel, in Afghanistan und Iran, westliche Fehler der Ölpolitik werden erläutert; im Mittelpunkt stehen jedoch Bin Ladin und Zarkawi, die großen Terroristen, bei denen auch Hilfe der Vereinigten Staaten von Amerika angedeutet wird. Das liest sich gut und informativ. Aber kann man unter diesem Kapitelaspekt wirklich die Region besser verstehen – und nicht nur einen, wenn auch zentralen Aspekt erkennen?

„Raub“ (Kapitel 13) beginnt mit dem deutschen Überfall auf Polen: der Zweite Weltkrieg war aus NS-Sicht ein Raubkrieg sondergleichen, Rohstoffe, Kulturgüter gehörten dazu. Das ist weithin akzeptierter Konsens. Die Sowjets revanchierten sich bei Kulturgütern zu Kriegsende. Doch dann folgt die Weltöl-Produktion und deren strittige Weltöl-Verteilung seither, der Kampf um Wasser zumal in trockenen Ländern, Umweltprobleme bis zum Artensterben, die umstrittenen Küstenzonen, und wir sind beim China der Gegenwart und bei russischen Ansprüchen auf einen breiten Festlandssockel. Wer vermutet oder findet diese Sachverhalte hier, wenn man nicht mit dem geographischen Register liest?

Tritt man von der Fülle des Geschilderten und des Zugespitzten zurück, so findet sich insgesamt eine skeptische Bilanz: Staaten suchten Sicherheit, fanden sie allein und gemeinsam nicht. Kollektive Sicherheit in den Bündnissen nach dem Zweiten Weltkrieg, dazu auch die Europäische Union, hätte zeitweilig getragen, sich jedoch überlebt. Vorsichtigen Optimismus gebe es an einigen Punkten, von Nordirland über Kolumbien bis zur PLO, von gelösten Umweltproblemen wie beim Ozonloch und dem Ende der Apartheid. Die Dritte Welt kommt insgesamt zu stark allein als Objekt von Ausbeutung durch den Norden vor; der Blick aus dem globalen Süden hätte stärker akzentuiert werden können.

Die leichte Hand des Autors bei Begriffen und Komposition zeugt von seiner Kennerschaft, verwirrt aber doch manchen nicht so informierten Leser, der sich die Strukturen und Abläufe von wichtigen Teilen der Weltgeschichte eines Jahrhunderts erst aneignen möchte. Letztlich entstand eine Mischung zwischen nüchterner Darlegung und zugespitzten Provokationen in einem Essay, welche die Lektüre nicht immer leichtmacht.

Gregor Schöllgen: Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte. Deutsche Verlagsanstalt, München 2017. 368 S., 24,– .

Der Zweite Weltkrieg war aus NS-Sicht ein Raubkrieg sondergleichen, Rohstoffe, Kulturgüter gehörten dazu.
Quelle: F.A.Z.
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