Wladyslaw Bartoszewski

Ein Patriot im KZ Auschwitz

Von Hans-Jürgen Döscher
 - 09:52

Zum 75. Jahrestag der Gründung des Konzentrationslagers (1940) und zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers am 27. Januar 1945 hat der ehemalige Häftling, Untergrundkämpfer der polnischen Heimatarmee und spätere Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, geboren 1922 in Warschau, seine Erinnerungen an Auschwitz publiziert. Er kam als 18-jähriger Abiturient eines katholischen Gymnasiums nach einer großen Razzia der deutschen Besatzungsmacht gegen polnische Intellektuelle ins KZ Auschwitz. Mit diesem Bericht komme er einer alten Verpflichtung nach: „Ich hätte nicht überlebt, wenn mich nicht der polnische Arzt und Häftling Edward Nowak ins Lagerkrankenhaus aufgenommen hätte.“ Dieser polnische Patriot glaubte, dass „ich irgendwann Zeugnis über diese Hölle ablegen würde im Namen und zu Ehren aller Gequälten und Ermordeten“, beginnend bei jenen, „die mich zusammengepfercht in einem Güterwagen begleiteten, als ich vor 70 Jahren ins Ungewisse fuhr“.

Bartoszewski erzählt über die 199 Tage, die er in Auschwitz als Häftling Nummer 4427 zwischen September 1940 und April 1941 verbrachte. Sein Bericht sei „nur ein Ausschnitt“, denn „anfangs war Auschwitz ein Konzentrationslager für polnische politische Häftlinge. Erst 1942 ging, etwa drei Kilometer vom sogenannten Stammlager entfernt, die Todesfabrik Birkenau in Betrieb und wurde zum wichtigsten Zentrum der Judenvernichtung.“ Auch wenn er kein Augenzeuge des Holocausts geworden sei, so verband ihn sein Schicksal später mit der Tragödie seiner älteren Brüder im Glauben. „Es waren die schrecklichen Erlebnisse im Lager, unter deren Einfluss ich mich auf Zureden eines katholischen Priesters entschied, mich in der konspirativen Hilfe für Juden zu engagieren.“

Sein Bericht sei nur ein Ausschnitt, da wichtige Kapitel, wie die Vernichtung der Juden und der Roma sowie der russischen Kriegsgefangenen, nicht enthalten sind. „Alle Häftlinge waren in ein und demselben Auschwitz, doch gleichzeitig war jeder in seinem ganz eigenen. Es gab unterschiedliche Kreise der Hölle und unterschiedliche Erfahrungen. Mir wurden der Block für Minderjährige und das Lagerkrankenhaus zuteil. So muss man sich bewusst sein, dass die Geschichte von Auschwitz die Summe individueller Schicksale, Leiden und Erinnerungen ist.“ Es dürfe nicht vergessen werden, dass diese Geschichte niemals zu Ende erzählt werden könne. „Denn nie werden wir Gelegenheit haben, die Erzählungen der Hunderttausenden kennenzulernen, die in diesem Lager ermordet wurden.“

Im ersten großen Kapitel des Buches ist ein ausführliches Gespräch wiedergegeben, das Piotr Cywinski, der Leiter des Museums Auschwitz-Birkenau, und der Journalist Marek Zajak mit Bartoszewski führten. Im Mittelpunkt stehen die Anfänge des Lagers Auschwitz, die unerträgliche alltägliche Zwangsarbeit, die zunehmende Demütigung der Leidensgenossen und die menschenverachtenden Verhaltensmuster der SS („der Kamin im Krematorium ist der einzige Weg ins Freie“). Die Lagerhierarchie sah vor, dass schon ein SS-Oberscharführer (Feldwebel) „ein Halbgott war, Herr über Leben und Tod. Wir waren Untermenschen, und um Untermenschen kümmerten sich Leute von niederem Rang, deutsche Kriminelle oder andere Funktionshäftlinge.“

Der zweite Teil des Buches enthält ausgewählte Texte anderer ehemaliger Häftlinge und verschiedene „Untergrundpublikationen“ über Auschwitz. Schließlich sind Auszüge einer Rede wiedergegeben, die Bartoszewski anlässlich des 60. Jahrestags der Befreiung in Auschwitz hielt. „In den ersten fünfzehn Monaten waren wir, die polnischen Häftlinge, allein an diesem schrecklichen Ort. Die freie Welt interessierte sich nicht für unser Leiden und unseren Tod, trotz gewaltiger Anstrengungen der geheimen Widerstandsbewegung im Lager, Informationen nach außen zu befördern.“ Die Regierungen Großbritanniens und der Vereinigten Staaten hätten bereits 1942 genau gewusst, was in Auschwitz-Birkenau geschehe, unter anderem durch den polnischen Emissär Jan Karski. Kein Staat habe auf die Hilferufe der polnischen Exilregierung reagiert, weitere Massenmorde durch militärische Intervention zu verhindern. Folgt man der neueren Zeitgeschichtsforschung, passten diese Appelle den alliierten Großmächten nicht in den Rahmen ihrer Strategien: Hauptziele waren bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht, geringe eigene Verluste und schnelle Beendigung des Zweiten Weltkriegs.

Wer mehr wissen will über die Verfolgung polnischer Eliten nach 1939 und die Anfänge des Konzentrationslagers Auschwitz, dem sei das wichtige Buch von Bartoszewski empfohlen, der nicht nur den Terror der Nazis erfahren musste, sondern auch die Repression durch polnische Kommunisten in der Nachkriegszeit.

Wladyslaw Bartoszewski: Mein Auschwitz. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2015. 282 S., 29,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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