BdV-Präsidium

Ein Grüner bei den Vertriebenen

Von Eckart Lohse, Berlin und Prag
 - 07:50

Der großgewachsene Mann wirkt ein wenig unsicher. „Ich bin das erste Mal bei so einer Versammlung“, sagt er in einem Deutsch, das mehr als 46 Jahre nach der Flucht aus seiner tschechischen Heimat belegt, wo er aufgewachsen ist. Milan Horáček hält eine Vorstellungsrede, er bewirbt sich um einen Platz im Präsidium des Bundes der Vertriebenen, des BdV. Natürlich hat er, ein Politiker mit viel Erfahrung, vorher ausgelotet, ob er Chancen hat, nicht nur gewählt zu werden, sondern das auch mit einem ordentlichen Ergebnis.

Man weiß ja nicht. Immerhin hat es so etwas noch nie gegeben: ein Grüner, der bei den Vertriebenen ins höchste Führungsgremium will. Und was für ein Grüner! Ein Gründungsmitglied aus dem Frankfurt der wilden siebziger Jahre, ein Freund von Rudi Dutschke und Weggefährte von Daniel Cohn-Bendit, einer, der zu den Flügeltreffen der Fundis bei den Grünen ging. Kurzum: einer, der unter den konservativen Vertriebenenfunktionären, die oft mit einem Parteibuch von CSU oder CDU ausgestattet sind, bislang nicht zu finden war.

Da steht Horáček also im November vorigen Jahres in einem Konferenzsaal der hessischen Landesvertretung in Berlin und wirbt für sich. Wenige Tage zuvor ist er 68 Jahre alt geworden. Auch von daher also ein Achtundsechziger, wenn auch alles andere als ein typischer. Und der will ein führender Vertriebenenfunktionär werden? Er erzählt von seiner Flucht, die – wie sollte es anders sein? – 1968 stattfand. Er spricht leise. Doch das ist nicht der effekthascherische Versuch, seinen Worten Bedeutung zu geben. Vielleicht ist es der Nervosität geschuldet. Vielleicht auch dem Umstand, dass der große, extrovertierte Auftritt, die Show, wie sie manche Grüne seiner Generation lieben und beherrschen, nicht seine Sache ist.

Horáček erzählt eine Anekdote. Von denen hat er einige auf Lager. Nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch sowjetische Truppen habe er mit einem Freund die Flucht gewagt. Als sie schließlich an der bundesdeutschen Grenze angekommen seien, hätten die Beamten die beiden jungen Kerle gebeten, die Nacht zu bleiben, weil erst am nächsten Morgen ein sudetendeutscher Kollege da sein werde, der des Tschechischen mächtig sei und die erforderlichen Formalitäten erledigen könne. Zur Übernachtung wurde den Flüchtlingen eine Zelle angeboten. Selbstverständlich werde die Tür offen bleiben, versicherte man ihnen. Anschließend brachten die Grenzer Kaffee, belegte Brötchen und eine Ausgabe des „Playboy“. „So wird man normalerweise nicht als Flüchtling empfangen“, scherzt Horáček in der hessischen Landesvertretung.

Im Saal sitzt Erika Steinbach. Die CDU-Bundestagsabgeordnete ist seit 1994 Mitglied im Bund der Vertriebenen, seit 1998 war sie dessen Präsidentin. An jenem Nachmittag im vorigen November kandidiert sie nicht wieder für dieses Amt, zu ihrem Nachfolger wird der CSU-Bundestagsabgeordnete Bernd Fabritius gewählt. Steinbach gehört zum konservativen Teil der CDU. Ein Bündnis ihrer Partei mit den Grünen ist nicht gerade ihr Lebensprojekt. Sie kennt Horáček schon eine kleine Ewigkeit.

Als er 1981 in Frankfurt zum Stadtverordneten gewählt wurde, war das schon seit einigen Jahren ihre politische Bühne. Horáček ist bei seinem ersten Auftritt in der Stadtverordnetenversammlung nicht zu erkennen. Er und die anderen Abgeordneten der Grünen erscheinen in weißen Overalls und mit Gasmasken. Alternative eben mit einem Hang zur Provokation. Vermutlich hat sich Erika Steinbach damals nicht vorstellen können, dass ausgerechnet sie es sein würde, die Horáček an den BdV heranführt.

Ein Besuch in Prag

März 2015. Zehn Stunden nimmt Milan Horáček sich Zeit, um in Prag aus seinem Leben zu erzählen. Er holt den Gast am Bahnhof ab und hält schon nach wenigen Schritten an einer kleinen Konfiserie. Es sei eine Gewohnheit von ihm, hier eine Praline zu kaufen, sagt er und erwirbt zwei, eine für den Gast. Er lebt in Prag, jetzt, nachdem er lange in Deutschland war. Dennoch sagt er „zu Hause“, wenn er von Frankfurt spricht. Seit er 22 Jahre alt ist, gibt es zwei Welten für ihn, die tschechische und die deutsche. Geboren ist er im Oktober 1946 in Groß-Ullersdorf, das heute Velké Losiny heißt und im Vorgebirgsland des Altvatergebirges liegt, Sudetenland. Von dort nach Frankfurt zu gehen war für ihn, als komme er nach New York.

Da, wo der kleine Milan nach dem Zweiten Weltkrieg aufwächst, ist es zumindest unüblich, zum Teil sogar verboten, Deutsch zu sprechen. Deswegen hat er vor seiner Flucht die Sprache des großen westlichen Nachbarlandes nicht sprechen gelernt, obwohl seine Mutter Deutsche war. Es ist keine schlechte Kindheit, von der er berichtet. Die Familie wird nicht vertrieben. Allerdings werden die Deutschen, die geblieben sind, einiger Rechte beraubt, etwa eines Teils ihrer Rentenansprüche. Die Mutter hört österreichische Rundfunksender. Der Sohn bekommt dadurch das Gefühl dafür, dass es noch eine andere Welt gibt als seine unmittelbare Umgebung. Das ist nicht unwichtig für einen politisch denkenden Menschen.

Eine ausgeprägt religiöse Prägung erfährt er nicht. Vor einigen Jahren hat er in einem Interview erzählt, er sei angeblich katholisch getauft, die Pfarrbücher böten dafür jedoch keinen Beleg. Beim Gang durch Prag hat Horáček auch zum Thema Religion eine Anekdote zur Hand. Der Vater habe sich baptistisch taufen lassen. Der noch kleine Sohn habe ihn gefragt, ob das Wasser kalt gewesen sei. Der Vater habe bejaht. Damit habe für ihn, den Sohn, festgestanden, dass er nicht Baptist werden wolle.

Doch die Sache hat auch einen ernsten Hintergrund. Die Baptisten wurden kritisch beäugt von den tschechischen Behörden. Horáček erlebt schon als Junge, dass Herkunft, Familie und Glaubenszugehörigkeit zum Problem werden können. Das gilt umso mehr, als er wie seine Eltern nicht in die Partei eintritt, was er auch in der Schule zu spüren bekommt. Lange Haare und die Begeisterung für westliche Musik, die er als Schlagzeuger auslebt, machen ihn darüber hinaus verdächtig für den tschechischen Geheimdienst.

Obwohl der heranwachsende Milan gute Noten in der Schule hat, landet er mit 15 in einer Lehre. Dort macht er eine folgenschwere Bekanntschaft mit einem Jungen namens František. Es ist der Beginn einer langen Freundschaft. Während Milan, der den Behörden als „politisch unzuverlässig“ gilt, später eine Art Bausoldat wird, kommt František an die Grenze. Zu seinen Aufgaben gehört es, einen Flüchtenden zu spielen, so dass die Hundestaffeln der Grenzer üben können, diesen zu verfolgen. František weiß also genau, wie die Grenze aussieht, wie sie funktioniert und wie man sie überwinden kann.

Flucht nach dem sowjetischen Einmarsch

Im August 1968 rücken sowjetische Truppen in die Tschechoslowakei ein. Horáčeks Überzeugung, dass er in einem großen Gefängnis lebt, wird dadurch nur noch gefestigt. Sein Freund bietet ihm an, gemeinsam mit ihm zu fliehen und ihm zu zeigen, wie man über die Grenze in die Freiheit kommt. Horáčeks Eltern sind da schon getrennt, die Mutter ist zwei Jahre zuvor mit Milans beiden Schwestern von einer Reise in die Bundesrepublik nicht zurückgekehrt. Der junge Horáček nimmt das Angebot des Freundes an. Die beiden überwinden die Grenze an einem Stück, an dem sie nicht ganz so hermetisch und martialisch daherkommt wie an anderen, weil auf österreichischer Seite eine Straße vorbeiführt, auf der Touristen in Bussen entlangfahren und die Grenzanlagen filmen.

Abgesehen davon, dass Horáček mehr rennen muss, als seine körperliche Fitness eigentlich hergibt, ist die Flucht nach seiner Erinnerung nicht übermäßig dramatisch. Als sie in Sicherheit sind, fahren sie per Anhalter weiter. Auch hierzu hat Horáček wieder eine Anekdote zur Hand. Einer der Fahrer, der sie mitnimmt, legt nach einer Weile seine Hand auf Horáčeks Oberschenkel. Dieser schlägt die Hand zurück und fragt den auf der Rückbank sitzenden Freund, was er denn tun solle. „Halt durch!“, soll dieser ihm geantwortet haben. „Draußen regnet es.“ Am Ende landen sie bei Mutter und Schwestern im hessischen Steinau, der Märchenstadt, in der einst die Brüder Grimm einen Teil ihrer Jugend verbrachten. Frankfurt ist nicht weit.

Frankfurt ist links, jedenfalls gibt es eine sehr lebendige linke Szene. Genau die richtige für den jungen, politisierten Horáček. Über den zweiten Bildungsweg ist er an der Goethe-Universität gelandet und studiert dort Politologie. In Bonn ist die SPD an der Macht, Willy Brandt ist Bundeskanzler und sucht mit seiner „neuen Ostpolitik“ die Annäherung an die Staaten Osteuropas. Nach Brandts Sturz 1974 und dem Wechsel zu Helmut Schmidt, so erinnert sich Horáček, sei ihm klar gewesen: Wir müssen eine neue Partei gründen. Das sollen die Grünen werden.

Er wird einer der Gründerväter der Partei, die sich aus einer unübersichtlich großen Zahl von Grüppchen und Gruppierungen, Umwelt- und Antiatombewegungen, kommunistischen Bünden ebenso wie konservativen Strömungen, aus katholischen Entwicklungshilfegruppen und feministischen Initiativen langsam zusammenschiebt bis zum Gründungsparteitag im Jahr 1980. Damals lernt Horáček Rudi Dutschke kennen, der durch ein Attentat 1968 schwere Hirnverletzungen erleidet, aber noch bis 1979 lebt und politisch aktiv ist. Die beiden freunden sich an, leben zwischenzeitlich in einer Wohngemeinschaft. Dutschke, so erinnert sich Horáček viel später, sei gegen den Namen „Grüne“ gewesen, weil er geglaubt habe, wenn eine Partei wie eine Farbe heiße, könne das nicht funktionieren. Joseph Beuys hält daraufhin angeblich ein halbstündiges Referat über Goethes Farbenlehre.

Horáček ist überzeugter Parlamentarier von Anfang an. Bei der ersten Wahl zum Europaparlament 1979 ist er der Ersatzkandidat für Beuys. Nur vier Jahre später zieht er für die Grünen in den Bundestag ein. Später wird er Abgeordneter im Europaparlament. Nicht alle sind damals derart überzeugt vom Nutzen des Parlamentarismus, mancher hat die Zeit der außerparlamentarischen Opposition noch in genauer Erinnerung, war Teil von ihr. Horáček lebt damals gegenüber der Buchhandlung, die ein gewisser Joschka Fischer betreibt. Dessen Hund heißt Dagobert. Im Spaß, so erinnert sich Horáček, habe Fischer seinen schon vom Alter gezeichneten Hund auf Horáček gehetzt mit den Worten: „Fass ihn! Er will mich verführen.“ Dabei habe er Horáček als „verkommenen Parlamentarier“ bezeichnet.

Milan Horáček vertritt bei den Grünen mal Positionen der Fundamentalisten, also der Parteilinken, mal der Realpolitiker. Er lehnt Gewalt als Mittel der Politik zwar einerseits ab, weiß aber, dass die Freiheit notfalls militärisch verteidigt werden muss. Damit ist er vielen Grünen einen großen Schritt voraus. Auch wenn Horáček nicht zum Opfer diktatorischer Folterknechte wurde, so lernte er doch früh im Leben den Unterschied zwischen Freiheit und Unfreiheit kennen. Schließlich war er in der Tschechoslowakei kurzzeitig in einem Militärgefängnis inhaftiert, nur weil er sich einmal über schlechtes Essen beschwert hatte. Als „Mittelding zwischen einem totalitären Regime und einer Diktatur“ hat er die Tschechoslowakei, die er erlebte, einmal bezeichnet.

Aus der Heimat in die Heimat

Lukas Beckmann, der mit Horáček in den Gründungs- und Aufbaujahren der Grünen auf das engste zusammengearbeitet hatte, sagt heute, dass ein Teil der Erfahrungen, die Horáček gemacht habe, mit den Positionen der Linken in der Partei nicht vereinbar gewesen sei. Seinen Mitstreitern bei den Grünen habe er gelegentlich gesagt: „Leute, ihr habt keine Ahnung, wovon ihr redet, wo ihr lebt!“ Horáček ist nicht nur stets antikommunistisch gewesen, sondern bezeichnet sich selbst als Antisowjetikus. Beckmann lernte Horáček im Frühjahr 1979 kennen. Frieden und Menschenrechte seien unteilbar miteinander verbunden, hätten die ersten Worte Horáčeks gelautet, an die er, Beckmann, sich erinnere.

Milan Horáček ist vom Moment seiner Flucht an Tscheche im Exil. Er hat sein Heimatland hinter sich gelassen, um sich ihm sogleich wieder zuzuwenden. Er kritisiert das Regime, macht sich bei diesem einen Namen, keinen guten, versteht sich. Er schmuggelt von Deutschland aus Material für die Opposition in die Tschechoslowakei. Da er vor seiner Flucht als Elektromonteur ausgebildet wurde, besitzt er handwerkliche Fertigkeiten. Er kann schweißen, baut Autos so um, dass in ihnen Material unbemerkt über die Grenze gebracht werden kann. Er erzählt, Joseph Beuys habe einmal seinen Jaguar für solche Touren angeboten. Weil das aber zu auffällig gewesen wäre, habe man sich für einen VW-Bus entschieden. Später, als der Kalte Krieg vorbei ist und das sozialistische Experiment gescheitert, wird Horáček Berater von Václav Havel, dem einstigen Regimekritiker und ersten Präsidenten der Tschechischen Republik.

Lukas Beckmann sagt, Horáček habe sich selbst nicht als Vertriebenen bezeichnet. Doch habe er früh Kontakt gehabt zu Funktionären aus den Vertriebenenverbänden. Zu solchen, die die meisten Grünen meiden. Und manches Mitglied eines Vertriebenenverbandes erkennt ebenfalls früh, dass Horáček nicht nur ein Grüner ist, sondern einer, der die Gefühle von Menschen, die aus ihrem Heimatland vertrieben wurden, versteht, weil er das selbst erlebt hat. Erika Steinbach ist es, die Milan Horáček an den Bund der Vertriebenen heranzieht.

Der BdV hat das Zentrum gegen Vertreibungen gegründet, das seit 2003 den Franz-Werfel-Menschenrechtspreis verleiht. Steinbach ist Vorsitzende der Jury. In diese Jury holt sie Horáček. Dort ist er allerdings nicht der erste Grüne. Auch Daniel Cohn-Bendit, dessen jüdische Eltern vor den Nationalsozialisten aus Deutschland nach Frankreich geflohen waren und der sein Leben in beiden Ländern verbrachte, war schon Jury-Mitglied.

Politische Vergangenheit und Zukunft

Im Juni vorigen Jahres wird die Verbindung zwischen Horáček und den Vertriebenen erstmals einer etwas breiteren Öffentlichkeit bekannt. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft verleiht ihre höchste Auszeichnung, den Europäischen Karlspreis, zum ersten Mal einem Grünen. Der Sprecher der Landsmannschaft, Bernd Posselt, hält die Laudatio. Horáček sei als Sohn einer deutsch-mährischen Mutter und eines slawisch-mährischen Vaters ein „wandelnder mährischer Ausgleich“. Zu Zeiten, als das bei den Linken noch nicht üblich gewesen sei, habe Horáček die Menschenrechte „über alles“ gestellt, den Kommunismus bekämpft und sich für die Vertriebenen eingesetzt.

Wenig später jährt sich der Fall des Eisernen Vorhangs zum 25. Mal. Horáček trifft in Prag auf Bernd Fabritius, der Nachfolger von Erika Steinbach an der Spitze des BdV werden soll. Fabritius fragt Horáček, ob er sich vorstellen könne, für das Präsidium des BdV zu kandidieren. Fragt man Fabritius, warum er Horáček dabeihaben wolle, so weist er auf die Überparteilichkeit des BdV hin. Es sei ihm wichtig, dass ein Grüner dabei sei. Das Verhältnis zwischen den Grünen und dem BdV entspanne sich zusehends. Fabritius lobt Horáček als erfahrenen und überlegt handelnden Mann, der von einem Ideologen weit entfernt sei. „Seine Vergangenheit, die Flucht aus seiner Heimat, hat ihn natürlich geprägt. Er trägt sie aber nicht wie eine Monstranz vor sich her.“

Horáček überlegt sich die Sache, führt noch ein paar Gespräche und sagt dann zu. Dann steht er am 7. November vorigen Jahres in der hessischen Landesvertretung in den Berliner Ministergärten und stellt sich der Wahl. Schon während der Vorstellungsrede bekommt er Applaus. Zwei Kandidaten erhalten bereits im ersten Wahlgang die erforderliche Mehrheit. Einer von ihnen ist Horáček. Auf ihn entfallen 88 von 149 Stimmen. Es ist das zweitbeste Ergebnis.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Eckart Lohse
Eckart Lohse
Politischer Korrespondent in Berlin.
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