Giannis Stournaras

Der Chaosverwalter

Von Michael Martens
 - 11:40

Nahezu stündlich änderte sich Ende vergangener Woche die Vermutung, auf wen es wohl ankommen werde in Athen in den kommenden Tagen: Auf Panagiotis Lafazanis, den Einpeitscher des linksradikalen Flügels der griechischen Regierungspartei Syriza? Das wäre der Fall gewesen, hätte das Parlament in Athen über eine Vereinbarung mit der Eurozone abgestimmt. Als Regierungschef Alexis Tsipras stattdessen ein Referendum ankündigte, schien Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos zum Protagonisten aufzurücken, da er laut Verfassung eine Volksabstimmung ausrufen muss. Doch nun wird ein anderer Mann im Mittelpunkt stehen: Der Notenbankchef und ehemalige Finanzminister Giannis Stournaras. Es müsste schon mit einem Wunder zugehen, wenn sich Kapitalverkehrskontrollen – verbunden mit einer zeitweiligen Schließung griechischer Banken – noch vermeiden ließen in dieser Woche.

Den als grundsolide geltenden Stournaras muss das besonders schmerzen. In den vergangenen Jahren, als er zunächst Finanzminister unter und später Zentralbankchef neben Regierungschef Antonis Samaras war, hatte sich die Lage in Athen leidlich stabilisiert. Ein kleines Wirtschaftswachstum zeichnete sich ab, vom „Grexit“ wurde kaum noch geredet, Geld floss zurück auf Konten bei griechischen Banken. In gut fünf Monaten haben Tsipras, Stournaras’ Nachfolger Giannis Varoufakis und die vulgärkeynesianischen Laienpriester vom „Bündnis der radikalen Linken“ das fragile Vertrauen der Griechen in ihr Bankenwesen zerstört und die Arbeit mehrerer Jahre zunichte gemacht. Der Zentralbankchef in Athen wird nun auf absehbare Zeit außer Mangel wohl auch Chaos verwalten müssen.

Geboren 1956 in Athen, studierte Stournaras dort und in Oxford Wirtschaftswissenschaften. Er war unter anderem Chef einer griechischen Bank und leitete das Athener Wirtschaftsforschungsinstitut Iobe, bevor er im Juni 2012 Finanzminister wurde. Nie tauchte sein Name in Verbindung mit einem Korruptionsfall auf. Allerdings wird ihm vorgeworfen, als wirtschaftspolitischer Chefberater der damaligen Athener Regierungen zwischen 1994 und 2000 an den statistischen Taschenspielertricks beteiligt gewesen zu sein, mit denen sich Griechenland die Aufnahme in die Eurozone erschwindelte. Bis heute bestreitet Stournaras, Athen habe seinerzeit Haushaltsdaten gefälscht („Völliger Unsinn“). Das sehen viele Fachleute anders.

Zur politischen Klasse seines Landes wollte er nie gehören: „Ich bin Ökonom, kein Parteipolitiker.“ Als er noch Finanzminister war, zeigte Stournaras den Besuchern in seinem Büro mit Blick auf den Syntagma-Platz gern ein Fenster, das seit einer Demonstration ein Einschussloch aufwies. Stournaras ließ es bewusst nicht austauschen. „Wir haben 85 Prozent der Wegstrecke hinter uns. Es wäre bitter, wenn wir auf den letzten 15 Prozent des Weges das Vertrauen der Bevölkerung verlören“, sagte er im vergangenen Jahr in einem Gespräch mit dieser Zeitung. In der Tat: Bitter ist das alles, ganz bitter.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Martens, Michael
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAlexis TsiprasProkopis PavlopoulosAthenSyrizaEurozone