Wahl in Polen

Der Aufständische

Von Konrad Schuller, Warschau
 - 07:34

Der „Aufstand“ ist ein Schlüsselbegriff der polnischen Mythologie. Wenn ein Mann ihn heute verkörpert, ist es Jaroslaw Kaczynski, der Vorsitzende der konservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“, die die Parlamentswahl in Polen gewonnen hat. Polen ist in den letzten 220 Jahren 163 Jahre von fremden Mächten besetzt gewesen. Seine oft sehr verlustreichen Aufstände sind zum Kern der nationalen Erinnerung geworden – Aufstände gegen Preußen, Österreich, Russland und die Sowjetunion, Aufstände eines katholischen Volkes gegen protestantische, orthodoxe, atheistische Okkupanten und nicht zuletzt Aufstände gegen ein „Europa“, in dem die Großen die Kleinen malträtierten.

Kaczynski ist mit dieser Mythologie sehr direkt verbunden. Seine Eltern haben in der blutigsten dieser Insurrektionen, 1944 beim „Warschauer Aufstand“ gegen die deutsche Besatzung, mitgekämpft, er selbst ist 1949 in den Ruinen der Hauptstadt geboren. Eine Generation später hat er an der erfolgreichsten Rebellion mitgewirkt: dem Kampf der Gewerkschaft „Solidarność“ gegen Kommunismus und sowjetische Fremdherrschaft.

So ist es folgerichtig, dass auch seine Karriere nach der Wende immer ein Aufstand war – gegen die angeblich weiter herrschenden Postkommunisten, gegen das, was er als „deutsch-russisches Kondominium“ in Europa beschrieben hat, ein Aufstand des traditionellen, gläubigen Polen gegen ein Europa der moralischen Indifferenz. Sein letzter Aufstand gegen eine politische Führung, die aus seiner Sicht die Grundwerte der nationalen „Solidarität“ einer haltlosen „Liberalität“ opferte, macht ihn nun zum zweiten Mal (nach einer Regierungsphase von 2005 bis 2007) zum mächtigsten Mann seines Landes.

Ein Spiel der Masken

Allerdings hat sich der Begriff des „Aufstands“ seither verändert. Für die Intellektuellen der Städte klingt er mittlerweile nach blutig sinnlosem Windmühlenkampf – nach dem reaktionären Widerstand eines archaisch-klerikalen Milieus gegen Pluralität, Offenheit, Europa. Das „aufständische Polen“ ist aus dieser Sicht das Reich der Xenophobie, der Deutschfeindlichkeit, des Schwulenhasses. Wer diese Etiketten an sich kleben hatte, der konnte in Polen kaum mehr auf Mehrheiten hoffen. Kaczynski weiß das. So hat er die Etiketten abgelöst und ein Spiel der Masken begonnen. Er hat seiner Partei eine milde Sprache verschrieben, hat zwei junge, freundliche Ersatzkandidaten, Andrzej Duda und Beata Szydlo, mit Erfolg ins Rennen um die Präsidentschaft und um das Amt der Ministerpräsidentin geschickt. Auch sich selbst hat er umgestaltet. Im Wahlkampf hielt er sich zurück, seine alte Kampfrhetorik stellte er ab. Nur einmal ließ er alte Töne durchklingen, als er Flüchtlinge mit Bakterien und Parasiten in Zusammenhang brachte. Nach dem Wahlsieg schwor er den Verzicht auf Rache.

Jetzt hat er die Macht, und es könnte sich zeigen, welche Figur die echte ist: der Kaczynski des Dialogs, wie im Wahlkampf versprochen, oder der Kaczynski eines neuen Aufstands – gegen das „Establishment“ von Warschau und gegen eine Warschauer Europapolitik, die das Vaterland vergisst und angeblich nur „im Hauptstrom schwimmt“.

Quelle: F.A.Z.
Konrad Schuller - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Konrad Schuller
Politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine.
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