Nachruf auf Walter Haubrich

Voller Empathie und Leidenschaft

Von Klaus-Dieter Frankenberger
 - 15:20

Wenigen ist es vergönnt, dass Beruf und Berufung eins sind und dass dieses Einssein sich zu einem historischen Zeitpunkt entfalten kann, da eine Gesellschaft die Kräfte der Vergangenheit abschüttelt und sich die Geschicke eines Landes neu klären. Walter Haubrich war das vergönnt. Er war Journalist, und als solcher war er der Chronist des Übergangs Spaniens von der Franco-Diktatur zur Demokratie, der „transición“. Aber er war mehr als das, auch weil er nicht auf die Distanz des Unparteilichen gehen wollte: Eigentlich war er Teil dieses Übergangs, deren Akteure ihm allesamt bekannt und vertraut waren. Vielen stand er menschlich nahe.

Man tut ihm nicht unrecht, wenn man feststellt, dass sein Herz, im sprichwörtlichen Sinne, links schlug. Felipe González, der Führer der spanischen Sozialisten, zu dem Haubrich ein besonders enges Verhältnis hatte und den er verehrte, sagte vor ein paar Jahren im Rückblick auf die nicht ungefährlichen späten Franco-Jahre und die Unwägbarkeiten des Übergangs: „Einen Teil des Sauerstoffs, den wir benötigten, lieferte uns die Auslandspresse.“ Der womöglich wichtigste Sauerstofflieferant war Walter Haubrich, der mehr als drei Jahrzehnte Korrespondent dieser Zeitung für die Iberische Halbinsel war und noch nach seinem „offiziellen“ Ausscheiden 2002 für die Tages- und für die Sonntagszeitung berichtet hat.

Haubrich liebte „sein“ Spanien und dessen Kultur. Wer mit ihm im Auto durch das Land reiste, dem wurde das Vergnügen eines Seminars zuteil, bei dem es äußerst lebhaft zuging und dessen Leiter sich in der Kunst des simultanen Fahrens, Telefonierens und Erzählens übte. Mal war der Gegenstand ein politischer, mal wurde mit großer Kenntnis über diesen oder jenen Schriftsteller doziert, mal ging es um die sogenannten kleinen Leute. Dabei war Haubrich immer voller Empathie und Leidenschaft; eine Eigenschaft, die nicht selten eine unerbittliche Färbung und eine Schärfe bekommen konnte. Leisen Widerspruch, auch nur vorsichtige Einwände, dass möglicherweise nicht alles Gold sei, was da glänze, oder dass Real Madrid, das er schon für galaktisch hielt, als dieses Wort noch nicht zum Etikett des spanischen Hauptstadt-Fußballs erhoben worden war, vielleicht doch eine (kleine) Schwachstelle habe, ließ Haubrich nicht gelten. Diese und andere Kritik mochte er nicht. Da konnte er barsch werden.

Viele Auszeichnungen und Ehrungen

Studiert hatte er Romanische Philologie und Deutsche Literatur in Frankfurt, Dijon, Madrid und Salamanca. Das Staatsexamen legte er in Mainz ab. Als er später Lektor in Santiago de Compostela und in Valladolid wurde, wurden die ersten Verbindungen zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung geknüpft. Aus dieser Verbindung wurde dann die Mitgliedschaft in der Politischen Redaktion und alsbald die dauerhafte Entsendung nach Madrid. Von dort unternahm er zahlreiche Reise nach Lateinamerika. Manche dieser Reisen glichen Abenteuerexkursionen, aus denen wieder viel Erzählstoff gewebt wurde.

Es blieb nicht aus, dass auf diesen Reisen politische Bekanntschaften geschlossen oder neu gefestigt wurden. Denn Haubrich kannte viele derer, die im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhundert in Lateinamerika an die Macht kamen, oftmals als – ob berechtigt oder nicht – Hoffnungsträger gegen gesellschaftliche Erstarrung. Alan García in Peru war einer von ihnen, Salvador Allende in Chile ein anderer. Auch Fidel Castro kannte er persönlich. Deutsche Bundeskanzler wandten sich vor Treffen mit dem kubanischen Diktator an Haubrich mit der Bitte, er möge ihnen doch die Politik des Kubaners und dessen politischen Charakter erklären. Was der Gefragte natürlich gerne tat – er wurde oft um Auskunft gebeten.

Die letzten Jahre waren beschwerlich. Das Ausscheiden aus dem Arbeitsleben fiel ihm mehr als schwer. Der Arbeitsrhythmus war von dem Menschen Walter Haubrich nicht zu trennen. Haubrich war, wie man sagt, ein Urgestein. Imponierend war sein Kenntnisreichtum, der allen Teilen dieser Zeitung zugute kam und von dem viele große Artikel in der Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten“ zeugen. In Erinnerung bleiben sein markantes Äußeres und seine Auffassung von einem leidenschaftlichen politischen Journalismus.

Von vielen wurde er auch und gerade deswegen geschätzt. Als das Goethe-Institut 2010 sein Lebenswerk würdigte, kamen Hunderte Freunde und Weggefährten. Die Wertschätzung für diesen großzügigen „homme de lettres“, der half, die lateinamerikanische Literatur in Deutschland populär zu machen, und für einen Journalisten, dessen Berichte das Spanien-Bild der Deutschen viel Jahre lang geprägt haben, findet ihren Ausdruck in vielen Auszeichnungen und Ehrungen. Diese Wertschätzung hat Walter Haubrich, geboren 1935 im Westerwald, stets genossen. Jetzt ist er in der Nacht zum Ostermontag in Madrid gestorben, wenige Monate vor Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres. Er hinterlässt seine Lebenspartnerin und einen erwachsenen Sohn. Eines seiner Bücher trägt den Titel „Spaniens schwieriger Weg in die Freiheit“. Walter Haubrich hat diesen Weg beschrieben, und er ist ihn mitgegangen. (K.F.)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Frankenberger, Klaus-Dieter (K.F.)
Klaus-Dieter Frankenberger
verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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