Porträts & Personalien
„Vatileaks“

Ein Papst sieht schwarz

Von Jörg Bremer, Rom
© dapd, F.A.Z.

Auch Papst Benedikt XVI. hat sich zu Beginn der Fußball-EM geäußert. Er schrieb Polens Bischöfen, der Mannschaftssport sei eine „Schule für die Achtung vor anderen, auch vor sportlichen Gegnern“ und helfe dabei, „sich über die Logik von Individualismus und Egoismus zu einer Logik von Brüderlichkeit und Liebe zu erheben“. Dem Papst wird es tatsächlich um Fußball gegangen sein. Aber in Italien wird derzeit jeder Text von seinem Schreibtisch als Kommentar zum Skandal um den „Raben“ Paolo Gabriele gelesen, der von dort vertrauliche Dokumente stahl. Italien lauert auf das nächste Kapitel im Skandal um den Kammerdiener, vermeintlich verräterische Prälaten und korrupte Bischöfe. Dadurch hört man kaum noch die Botschaften des Papstes.

Seit mehr als zwei Wochen ist Gabriele in Haft. In seiner Wohnung waren vier Ordner mit kopierten Texten vom Schreibtisch des Papstes gefunden worden. Zunächst wurde Gabriele von der Gendarmerie vernommen. Seit Dienstag wird er nun von dem Untersuchungsrichter Piero Antonio Bonnet verhört. Aber noch immer wird über Motiv und Hintermänner Gabrieles gerätselt. Seit Anfang des Jahres tauchen in der italienischen Presse die gestohlenen Texte auf. Die Zeitungen ergänzen sie mit saftig erscheinenden Geschichten.

Verdächtige, Verhaftungen und Erpressung

So werden ungenannte „Raben“ zitiert oder dürfen sich interviewen lassen. Dröge wirken dagegen die Richtigstellungen von Vatikansprecher Pater Federico Lombardi. Aber die akkreditierten Journalisten im Pressesaal vertrauen ihm. Womöglich hält Lombardi Kenntnisse zurück, aber wenn er die jüngste Mär vom „Doppelagenten“ Gabriele dementiert, dann dürfte das der Wirklichkeit entsprechen. Lombardi ist derzeit die einzige offizielle Informationsquelle - alle anderen üblichen Gesprächspartner hält das päpstliche Sicherheitssystem zum Schweigen an.

Dieser Tage hatte es geheißen, der 46 Jahre alte Gabriele, Bürger des Vatikanstaats und Vater dreier Kinder, sei schon vor Monaten gestellt worden. Er habe aber gegen die Zusicherung einer milden Strafe zunächst „Rabe“ bleiben sollen, um seine Auftraggeber zu enttarnen. Wenn dem so wäre, dann gäbe es längst Ermittlungen gegen weitere Verdächtige, wenn nicht gar Verhaftungen. Doch die blieben bisher aus.

Italiens Journalisten und Buchautoren spinnen nun ihre eigenen Geschichten; „Vatileaks“ soll Leser anziehen. Die Zeitung „La Repubblica“ zeigte jüngst die Unterschrift des päpstlichen Privatsekretärs Georg Gänswein unter zwei Seiten, die selbst nicht lesbar waren. Dazu hieß es, die „Raben“ würden für die Veröffentlichung der gesamten Texte sorgen, wenn die „Säuberung“ im Vatikan nicht voranschreite. Radio Vatikan bezeichnete das als Erpressung.

„Sie sind der Rabe“

Neben vielen Gerüchten erreichen nur wenige Tatsachen die Öffentlichkeit. Demnach stellte Gänswein den Kammerdiener Gabriele am 22. Mai, als er ein Papier vermisste, das nur auf dem Schreibtisch des Papstes oder auf seinem eigenen liegen konnte: die jüngste Bilanz der Ratzinger-Stiftung, die allein Gänswein für seinen Chef verwaltet. Dieses Papier sollte nicht über Gänswein, den zweiten Privatsekretär, Monsignore Alfred Xuereb aus Malta, oder andere an das Staatssekretariat geschickt werden, wo der Regierungschef des Vatikans herrscht, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone.

„Sie sind der Rabe“, soll Gänswein dem Kammerdiener ins Gesicht gesagt haben. Es kam zum Streit. Gleichwohl fühlte sich der Kammerdiener offenbar weiterhin sicher: Fast einen Tag lang hätte er Zeit gehabt, die Beweisstücke zu Hause beiseitezuräumen. Stattdessen fanden die Gendarmen die Dokumente, als sie Gabriele am Abend des folgenden Tages festnahmen.

Allerdings wohnt Gabriele in einem Haus in der gerade mal 0,44 Quadratkilometer großen, nur etwa 850 Einwohner zählenden Vatikanstadt, wo alle alles sehen und jeder jeden kennt. So ist die Mutter von Emanuela Orlandi seine Wohnungsnachbarin. Das Mädchen verschwand nach dem Flötenunterricht im Juni 1983 und wurde nie wieder gesehen.

Zwei bis acht Jahre Haft

Bisher weiß man nur, dass sie nicht neben dem Boss der Magliana-Bande in der Gruft einer Basilika in Rom beigesetzt wurde, wie es ein Gerücht wollte, denn jüngst wurde das Grab geöffnet. Emanuelas Vater, der inzwischen verstorben ist, arbeitete im Vatikan. Auch die Familie von Domenico Giani wohnt in demselben Haus. Der stämmige Polizist mit Brille und Glatze ist seit 2006 Chef des Gendarmeriecorps und Leibwächter des Papstes. Giani ist bekannt für seine guten Beziehungen zu Gänswein und zu Italiens Geheimdiensten.

Derzeit ist Gabriele freilich in einem der vier Sicherheitszimmer der Gendarmerie inhaftiert; seines ist vier mal vier Meter klein. Der Raum hat ein Fenster, ein kleines Bad, ein Kreuz an der Wand. Gabriele, den seine Umgebung vertraut „Paoletto“ genannt hatte, dem niemand einen Diebstahl zugestraut hätte, wurde zunächst von Gianis Leuten vernommen. Erst seit Beginn der Verhöre durch Untersuchungsrichter Bonnet gilt er als Beschuldigter. Monatelang soll er immer wieder Papiere mitgenommen und außerhalb des Vatikans fotokopiert haben. Manchen in der Umgebung des Papstes sei aufgefallen, dass Gabriele in den vergangenen Monaten Kontakte zu Journalisten gesucht habe, heißt es.

Paolo Papanti Pellettier, ein anderer Vatikan-Richter, der bisher nicht mit dem Fall Gabriele betraut ist, erklärte dieser Tage den beim Vatikan akkreditierten Journalisten, dem „Raben“ Gabriele werde schwerer Diebstahl vorgeworfen, denn er habe fortgesetzt das Vertrauen seines Arbeitgebers verletzt. Ihm drohten zwischen zwei und acht Jahren Haft. Es könnten aber auch noch andere Anklagepunkte hinzukommen: Sollte es mindestens fünf „Raben“ geben, ließe sich an den Straftatbestand einer „kriminellen Vereinigung“ denken. Vorstellbar wären Hehlerei, Erpressung oder die Enthüllung politischer Geheimnisse, sagte der Jurist.

Das Herz des Papstes, mit Traurigkeit erfüllt

Bisher hat der Vatikan noch nicht um italienische Amtshilfe gebeten. Sollte es nötig sein, in Italien Dokumente sicherzustellen, Zeugen oder Beschuldigte zu vernehmen, so müsse der Vatikan über das italienische Außenministerium Italiens Justiz bitten, sagte Pelletier weiter. Fürs Erste seien die Ermittlungen zum Schutz des Beschuldigten geheim. Das Hauptverfahren im Vatikangericht aber werde öffentlich sein. Höchstens 100 Tage dürfe Gabriele in Untersuchungshaft gehalten werden. Er nehme an, dass das gesamte Verfahren weniger als drei Jahre dauern werde. Der Papst kann als Souverän jederzeit in das Verfahren eingreifen. „Vorgesehen ist das freilich nicht“, sagte Pelletier.

Benedikt XVI. versucht derweil, Ruhe und Routine zu bewahren; er sagte, sein Herz sei „mit Traurigkeit erfüllt“. Lombardi fügte hinzu, der Papst sei „keineswegs voller Angst“ im Umgang mit der Krise. Roms Kardinalvikar Agostino Vallini rief die gläubigen Katholiken auf, ihre Einheit mit dem Papst zu bezeugen. Kardinal Bertone sagte: „Das Traurigste ist die Verletzung der Privatsphäre des Heiligen Vaters und seiner engsten Mitarbeiter.“ Die ersten Veröffentlichungen der gestohlenen Texte legten nahe, Anhänger des Papstes wollten Bertone als korrupten und schwachen Verwalter der Kirche bloßstellen.

In den Dokumenten war es um die (scheiternden) Bemühungen gegangen, die Vatikanbank transparent zu machen; Bertone ist der Chef im Kardinalsrat der Bankaufsicht. Es waren Vorwürfe veröffentlicht worden, nach denen sich Bertone auch einem transparenten Haushalt der Vatikanstadt widersetze. Mittlerweile geriet Sekretär Gänswein in den Fokus der Mutmaßungen; vielleicht wird er um seine Nähe zum Papst beneidet. Oder wollen Gegner Benedikts den Papst selbst loswerden, der im Skandal um die Vatikanbank 2009, beim Missbrauchsskandal 2010 und auch jetzt wieder auf Transparenz dringt und auf Untersuchungen in alle Richtungen bis hin zu den Kardinälen?

Klar ist: Kein Nuntius wird dem Papst einen vertraulichen Brief schicken, solange nicht das „Netz der Raben“ zerschnitten ist. Jede Entscheidung des Papstes, etwa die Versetzung eines Bischofs weg von Rom, gilt derzeit als Hinweis dafür, dass dieser Bischof ein „Rabe“ war. In Benedikts Predigten, wie nun in seiner Botschaft zur Fußball-EM, werden nicht die seelsorgerischen Anliegen gehört - jeder Text wird darauf abgeklopft, ob er einen Hinweis auf „Vatileaks“ enthält. Der Papst durchlebt die wohl schwersten Wochen seiner Amtszeit.

Quelle: F.A.Z.
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