Zum Tode von Jelena Bonner

Ruhe gab sie niemals

Von Michael Ludwig, Moskau
 - 16:44

Es war auch ihr Sieg, als der Reformer Gorbatschow im Dezember 1986 in der Wohnung der Sacharows in der geschlossenen Stadt Gorki anrief und zur Rückkehr nach Moskau aufforderte. Andrej Sacharow, „physikalisches Genie“, Bürgerrechtler, Friedensnobelpreisträger und lange Zeit „sowjetischer Staatsfeind Nummer eins“, war sechs Jahre in der Verbannung. Seine Frau Jelena Bonner hielt die Verbindung zur Außenwelt aufrecht und sorgte dafür, dass Sacharows Stimme in Moskau und im Ausland gehört wurde.

Sie gab, obwohl krank, keine Ruhe, bis sie schließlich selbst nach Gorki verbannt wurde; von dort aus aber stiftete sie gemeinsam mit Sacharow weiter „Unruhe“. Kennengelernt hatte sie Sacharow bei einem Dissidentenprozess Anfang der siebziger Jahre in Moskau – nicht zufällig, denn Frau Bonner war selbst im Lager der Dissidenten angelangt, die gegen Breschnews Restalinisierungspolitik waren, sich für die Achtung der Menschenrechte einsetzten und sich dagegen empörten, dass das Regime 1968 Panzer gegen den „Prager Frühling“ in Marsch setzte. Ein Jahr nach der Eheschließung 1971 gab sie, ein Unding in der Sowjetunion, ihr Parteibuch zurück.

Frau Bonner mag gehofft haben, dass es nach dem Krieg gegen Hitler, in den sie freiwillig als Krankenschwester gezogen war und in dem sie schwer verletzt wurde, besser werde. Schlechtes hatte Jelena Bonner zuhauf erlebt. Sie war 1923 in Sowjet-Turkmenistan als Tochter eines Armeniers, der 1937 während Stalins „Großem Terror“ als angeblicher Landesverräter hingerichtet wurde, und einer jüdischen Mutter geboren worden, die 17 Jahre lang in der Verbannung in Gorki verbringen musste. Während der Zeit blieb die junge Jelena auf sich allein gestellt zurück. Ihre Hoffnungen wurden enttäuscht, sie zog Konsequenzen. Jelena Bonner engagierte sich „dagegen“, half Mitte der siebziger Jahre das Moskauer Helsinki-Komitee und Ende der achtziger Jahre die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ mitzugründen. Für ihren Mann, der nicht ausreisen durfte, nahm sie dessen Friedensnobelpreis in Oslo entgegen.

Ein Buch wie Nadjeschda Mandelstamms „Jahrhundert der Wölfe“ hat Jelena Bonner nicht geschrieben. Aber wie die Frau des unter Stalin verfolgten und elend umgekommenen Dichters Ossip Mandelstamm, rettete Jelena Bonner bahnbrechende Gedanken ihres Mannes, indem sie diese heimlich aufschrieb und ins Ausland schleuste, wohin sie zur Behandlung ihrer schweren Krankheit mehrmals reisen durfte. Nach Sacharows Tod 1989 mischte sich als Bürgerrechtlerin weiter ein. So wandte sie sich gegen Jelzins ersten Tschetschenienkrieg und forderte die UN auf, gegen die russischen Militärs wegen der Menschenrechtsverletzungen im Nordkaukasus vorzugehen. Später kritisierte sie Putins autoritäre Herrschaft. Am Samstag starb Jelena Bonner im Alter von 88 Jahren in Boston.

Quelle: F.A.Z.
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