Rezension

Das Leid, der Kitsch und das Geld

Von Lorenz Jäger
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In diesen Tagen kommt die deutsche Übersetzung des umstrittenen Buches „Die Holocaust-Industrie“ von Norman G. Finkelstein in den Buchhandel. Die folgende Rezension des Buches wurde zuerst am 14.08.2000 im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ veröffentlicht:

Es ist schon einige Jahre her, daß ein Mann, der sich mit der Geschichte der deutschen Juden beschäftigte, von einer Galerie zu einem Arbeitsgespräch eingeladen wurde. Man plante die Installation einer britischen Künstlerin: In einem nur wenig erleuchteten Raum sollten Glasröhren aufgebaut werden, durch die der Sand rieseln würde.

Ob das Werk tatsächlich den Titel „Holocaust“ tragen oder nur deutlich darauf anspielen sollte, ist nicht mehr festzustellen. Jedenfalls glaubte unser Mann nach der Projektbeschreibung erstmals sein Unbehagen an der Aufklärung über ein Thema bemerken zu können, der er bisher seine Teilnahme nie versagt hatte. Kurz darauf erreichte ihn ein Buch mit pädagogischen Anleitungen für den geplanten Holocaust-Unterricht in Kindergärten. Das Vorwort stammte von der Hamburger Bischöfin Maria Jepsen, einer ehrenwerten Frau.

Jeder, der den Kulturbetrieb kennt, hat in den letzten Jahren ähnliche Erfahrungen machen können: Die Entrechtung, Vertreibung, Versklavung und Ermordung der europäischen Juden wurde zur Grundlage einer pseudoreligiösen Rhetorik, ja für manche zum eigenen Erwerbszweig. Irgendwann kam in den Vereinigten Staaten der böse Satz auf: „There is no business like Shoa-business.“ Kein Geschäft ist so gut wie das mit dem moralischen Kapital des guten Gewissens.

Von einer „Holocaust-Industrie“ und der Ausbeutung jüdischen Leidens spricht das Buch von Norman G. Finkelstein, das jetzt in der deutschen Übersetzung vorliegt. Es geht über den vagen Unmut, den man in Deutschland zuweilen verspüren mochte, weit hinaus. Wäre Finkelstein in der Galerie gewesen, er hätte vermutlich nach dem Preis des Holocaust-Kunstwerks gefragt. Sein Buch spricht eine klare Sprache, nennt Namen und hat die Wirkung der großen Polemik. „Beifall von der falschen Seite“ - diese Vorhaltung, mit der man auch zur Zeit des Kommunismus jeden Einwand ruhigstellen wollte - schreckt ihn nicht. Finkelsteins Argumente sind nicht die der rechtsradikalen Leugner. Während seine Eltern die Vernichtungslager überlebten, kehrten große Teile der Familie nicht mehr zurück.

Finkelstein ist ein jüdischer Dissident, wie Hannah Arendt zu ihrer Zeit. Eine ideologische Darstellung der Naziverbrechen: Das ist, so Finkelstein, die Hauptsünde der Holocaust-Industrie. Er will zu den robusten politischen Kategorien zurück, die einst die Linke und die Dissidenten auszeichneten: Er spricht von Geschichte, Macht und Interessen, nicht von Erinnerung. Und Ideologie bedeutet für ihn nicht nur eine ästhetisch mißglückte Darstellung - auch wenn ihm gerade hier, an den unsäglichen Sätzen des gefeierten Elie Wiesel über die „Majestät“ des Holocaust, die überzeugendste Kritik gelingt -, sondern Ideologie heißt klipp und klar: Der Kitsch ist eine Waffe im politischen und wirtschaftlichen Kampf. Hier gewinnt das Buch seine eigentliche Brisanz.

Der erste Teil seiner Polemik untersucht die Entstehung des neueren Bildes, Finkelstein datiert sie auf den Sechs-Tage-Krieg von 1967. Vorher war die Botschaft des Holocaust universalistisch interpretiert worden. Aber als nun Shimon Peres immer noch von den „beiden Holocausts“ des zwanzigsten Jahrhunderts sprach - Auschwitz und Hiroshima -, wurde diese Äußerung von Elie Wiesel zurückgewiesen. Eine neue Linie setzte sich durch: die These vom unvergleichlichen, historisch einmaligen Charakter der NS-Verbrechen. Nun ist das schon logisch ein Problem, denn die Behauptung der Unvergleichbarkeit setzt voraus, daß man bereits verglichen hat. Der Gewinn aber war eine privilegierte Position im Kampf um die Anerkennung des Leids, der die amerikanische Gesellschaft durchzieht: Dem Armenier-Genozid durch die Türken wurde ein eigener Gedenktag versagt; das National Holocaust Memorial Museum in Washington zögerte, auch das Leiden der Zigeuner oder die Euthanasie-Aktionen zu erwähnen, deren Opfer Deutsche waren. In jedem Konflikt, in dem individuelle Juden oder jüdische Organisationen standen, konnte der Antisemitismus-Verdacht mobilisiert werden.

Der Sprengsatz steckt im dritten Teil, der sich nicht scheut, vom Geld zu reden und von den Kampagnen der vergangenen Jahre. Finkelstein wirft den amerikanischen Organisationen zwei Dinge vor: Sie legten ihren Forderungen zu hohe Zahlen der überlebenden Opfer zugrunde, und zweitens: Sie hätten große Teile der deutschen Wiedergutmachungszahlungen, die seit Beginn der fünfziger Jahre geleistet wurden, für andere Zwecke des jüdischen Aufbaus verwendet. Nur etwa fünfzehn Prozent der Gesamtleistungen seien jüdischen Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung zugute gekommen. Die Jewish Claims Conference steht nun, nicht zum ersten Mal übrigens, unter Druck. Der Streit, den etwa Gabriele Hammerstein mit der Organisation ausfechten mußte, um an das Erbe ihrer vertriebenen Eltern zu gelangen, machte schon vor mehr als zwei Jahren Schlagzeilen.

Zugegeben: Finkelstein vermengt Wichtiges mit Unwichtigem (welcher Anwalt hat welches Honorar erhalten), er ist, wie die „Neuen Historiker“ in Israel, skeptisch gegenüber den zionistischen Gründungsmythen und sieht nicht immer die realpolitischen Zwänge, in denen jeder Staat, eben auch Israel, sich befindet. Aber Polemik entsteht nicht in der Ruhe der Gelehrsamkeit, sie muß die Dinge zuspitzen. Dafür ist es, als würde plötzlich ein Fenster geöffnet.

Norman G. Finkelstein, „Die Holocaust- Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird“, 244 S., gebunden, Piper Verlag, München 2001, DM 38,- / EUR 19,42

Quelle: @kue
Lorenz Jäger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lorenz Jäger
Redakteur im Feuilleton.
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