Anzeige

Auschwitz-Prozess vor fünfzig Jahren

Ein Zeichen gegen Völkermord

Von Reinhard Müller
 - 12:13
Dezember 1963 in Frankfurt: der Auschwitz-Prozess Bild: Lutz Kleinhans, F.A.Z.

Vor einiger Zeit trafen sich in Frankfurt auf einem Podium ehemalige Teilnehmer des Auschwitz-Prozesses, der an diesem Freitag vor fünfzig Jahren in Frankfurt begann. Ein früherer Verteidiger fehlte. Zudem wurde dort behauptet, die Angeklagten hätten geleugnet. Dabei haben sie sich teils gerechtfertigt und sich sogar mit Erfolg verteidigt. Das war 1963 das Neue, das Verstörende: Dass ein ordentlicher Strafprozess über das Unbegreifliche stattfand – und zwar in Deutschland. Zuvor hatte es die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse der Alliierten und Strafverfahren in anderen Staaten gegeben. Aber es waren zunächst eben nicht deutsche Staatsanwälte und Richter, die den systematischen Massenmord an den Juden anklagten und darüber urteilten.

Anzeige

Dass es in Frankfurt nach 14 Jahre dauernden Ermittlungen zur Hauptverhandlung gegen 21 Wächter und sonstige Helfer im Vernichtungslager kam und damit vor allem zur Offenlegung unvorstellbar grausamer Einzelschicksale, lag vor allem an Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Er war eine Ausnahmeerscheinung. Das wiederum war nicht verwunderlich. Denn natürlich stimmte der berühmte Defa-Filmtitel „Die Mörder sind unter uns“. Wo sollten sie auch sonst sein? Es stimmt allerdings auch nicht, dass damals keine anderen Staatsdiener zur Verfügung gestanden hätten: Frühere Widerstandskämpfer und Exilanten waren nicht gerade willkommen im Nachkriegsdeutschland – wie übrigens auch DDR-Flüchtlinge selbst nach der Wiedervereinigung noch als unliebsame Abweichler galten und Anpassung auch in freiheitlichen Demokratien oft als unausgesprochene Bürgerpflicht erscheint.

Auschwitz ist noch immer gegenwärtig

Der Auschwitz-Prozess werfe „aber auch auf unsere Gegenwart ein neues, scharfes Licht“, schrieb Johann Georg Reißmüller vor fünfzig Jahren in dieser Zeitung, ein Licht, das erkennen lasse, „wie wenig die vorgeschobenen Stützpunkte unseres Selbstbewusstseins in Wahrheit zu tragen vermögen, wenn von ihnen die Last der Besinnung auf die im Deutschen perfektionierte Grausamkeit nicht ferngehalten wird“.

Damals hätte wohl kaum jemand geglaubt, dass fünfzig Jahre später noch NS-Prozesse geführt und Täter gesucht würden. Dafür gibt es auch einen rechtlichen Grund: Während früher die alten Kameraden durch geschickt eingesetzte Verjährungsregeln viele Täter schützten, gilt heute jeder als Helfer des Massenmords, der in einem Vernichtungslager Dienst tat. Individuelle Schuld muss ihm nicht nachgewiesen werden. Diese jetzt weit verbreitete Ansicht des Landgerichts München im Fall des ukrainischen „Hilfswilligen“ John Demjanjuk aus dem Jahr 2011 wurde allerdings nie höchstrichterlich bestätigt. Es ist daher rechtsstaatlich fragwürdig, auf dieser Grundlage den Völkermord neu aufzuarbeiten – was natürlich nicht heißt, dass nicht jedem Mordverdacht nachgegangen werden muss, selbst wenn die Tat siebzig Jahre zurückliegt. Dass die mutmaßlichen Täter kaum noch verhandlungsfähig sind, steht auf einem anderen Blatt.

Anzeige

Auschwitz ist jedenfalls noch immer gegenwärtig. Ja, die Ermordung der Juden Europas wird der Historisierung bewusst entzogen. So ist es unter bestimmten Umständen weiterhin strafbar, den Holocaust und die Opferzahlen zu relativieren. Das ist Teil eines historisch nur zu verständlichen deutschen Sonderrechts, das freilich nicht auf ewig Bestand haben wird.

Das wichtigste Zeichen

Wohl nicht mehr rückgängig zu machen sind andere Folgen der Aufarbeitung des Völkermords: Standen vor fünfzig Jahren in Frankfurt noch Wachmänner vor Gericht, während die feineren Herren des Rassenwahns in Staat und Wirtschaft Karriere machten, so müssen sich heute Staatsmänner in Den Haag wegen Genozids und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Vor dem Internationalen Strafgerichtshof standen bisher nur Angeklagte aus Afrika. Aber es ist erstaunlich, welche Entwicklung dieser alte Traum von Nürnberg innerhalb nur weniger Jahre genommen hat.

Deutschland hat an dieser Entwicklung großen Anteil. Der Auschwitz-Prozess hat der Welt gezeigt, dass dieses Land es ernst meint mit der Bestrafung von Massenmördern – unvollkommen, gewiss, und mit unvollkommenen Mitteln. Man kann aber ohne Übertreibung sagen: Deutschland hat weitergemacht. Der Auschwitz-Prozess war nur der Anfang einer teils schonungslosen Abrechnung mit der eigenen Geschichte, mit den eigenen Eltern und Großeltern. Die allermeisten Länder haben mit einer Aufarbeitung der eigenen Verbrechen bis heute noch nicht einmal richtig angefangen.

So leicht es ist, an der hiesigen Erinnerungs- und Gedenkkultur wie auch an der oft zögerlichen, widersprüchlichen und moralisch aufgeladenen Außenpolitik auch etwas Lächerliches zu finden: All das ist eine Folge von Auschwitz. Den Horror des Holocaust kann ein Strafprozess nur ansatzweise offenlegen und kaum sühnen. Umso wichtiger ist die Antwort des Rechtsstaats – in Frankfurt reichte sie von lebenslanger Haft bis zu Freisprüchen. Der Prozess als solcher war das wichtigste Zeichen.

Quelle: F.A.Z.
Reinhard Müller
In der politischen Redaktion verantwortlich für „Zeitgeschehen“ und für „Staat und Recht“.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFritz BauerAuschwitz-BirkenauDeutschlandNürnbergVölkermord

Anzeige