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GASTARTIKEL

Auf dem Weg zum Weltbürger

Von Ottfried Höffe
 - 16:46
Auf dem Weg zum Weltbürger Bild: Greser & Lenz, F.A.Z.

Lange Zeit befasste sich die politische Philosophie vornehmlich mit sozialen Institutionen und Systemen. Die Politik erschien dabei lediglich als eine Auseinandersetzung mit Interessen und um Macht. Vernachlässigt wurden die Subjekte, obwohl doch von ihnen alle demokratische Gewalt ausgeht. Nimmt man deshalb endlich auch den Bürger in den Blick, so darf man ihn allerdings heute, in Zeiten der Globalisierung und der weltweiten Wanderbewegungen, nicht auf den Staatsbürger verkürzen. Nach dessen drei Dimensionen hebt das Bürgersein beim Rechtsbürger an, dem bürgerliche, politische und soziale Rechte zukommen. Es setzt sich fort im aktiven und wegen seiner Aktivität als vorbildlich eingeschätzten Staatsbürger, dem Citoyen, der in den politischen Institutionen engagiert mitwirkt. Schließlich gilt er noch als Mitglied identitätsstiftender Sozialeinheiten, mithin als Gemeinschaftsbürger oder kommunitärer Bürger.

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Nicht etwa in einer utopisch postulierten, sondern in der gelebten Identität des heutigen Bürgers spielen freilich weitere Gesichtspunkte und Dimensionen eine Rolle. Dass deren Vielzahl etlichen Bürgern Identitätsschwierigkeiten bereitet, liegt nahe und sollte nicht zu einer Bürgerschelte führen, sondern eher teils Aufklärung, teils Hilfe veranlassen.

Nicht wenige Bürger füllen nicht einmal die erste der genannten drei Dimensionen voll aus. Zu derartigen Minimalbürgern gehören beispielsweise Personen, die sich über ihre staatliche, dann gern als nationalstaatlich diskreditierte Identität mokieren. Sie halten sich lieber nur für Europäer und empfinden sich im globalen Maßstab als bloße Weltbürger. Geraten sie aber in politisch gefährlichen Gegenden in Gefangenschaft und werden nur gegen Lösegeld freigelassen, so erwarten sie staatliche Hilfe, die selbstverständlich vom bislang diskreditierten Nationalstaat und bei doppelter Staatsbürgerschaft vom politisch und wirtschaftlich hilfreicheren Staat erfolgen soll. Diese Bürger pflegen eine staatliche Minimalidentität, bei doppelter Staatsbürgerschaft zusätzlich eine Wahlidentität, die in beiden Fällen gern zu einer puren Forderungsidentität degeneriert.

Ein wenig, aber nicht viel mehr als lediglich fordernd lebt, wer zu seinem Gemeinwesen außer erzwungenen Gegenleistungen wie Steuern nichts beiträgt. Kaum mehr als ein bloßer Passinhaber, braucht er keine emotionale Bindung an sein Land. Er empfindet keinerlei Aufgabe, sich affirmativ oder kritisch mit der Geschichte, Tradition und Kultur seines Landes auseinanderzusetzen. Nicht wenige fühlen sich sogar lange Zeit nicht einmal mit der Amts- und Verkehrssprache ihres Landes nachdrücklich verbunden.

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Die Identitätsschrumpfung kann noch weiter reichen. Die mittels Steuern finanzierten Gemeinwohlaufgaben fangen beim Rechtsschutz an und reichen über die materielle Infrastruktur, also Kanalisation, Strom- und Gasleitungen, Straßen-, Eisenbahn- und Telekommunikationsnetze, zum Gesundheitswesen, zum Bildungs- und Ausbildungswesen, zur großzügigen Sozialstaatlichkeit, nicht zuletzt zur Verteidigung und zu Beiträgen der Kultur. Bürger, die eventuell ein Leben lang keine Steuern zahlen, gelangen trotzdem in den Genuss all dieser Leistungen. Gelegentliche Versuche, zumindest kommunale Tätigkeiten einzufordern, werden in der Regel rasch eingestellt. Ob man damit so lebenswichtigen Dingen wie der Selbstachtung und der Anerkennung durch andere gerecht wird, muss hier dahingestellt bleiben.

Die Notwendigkeit, Gemeinwohlaufgaben zu finanzieren, weist jedenfalls auf eine Dimension hin, die die genannte Trias von Rechtsbürger, Staatsbürger und Gemeinschaftsbürger unterschlägt: Ob als Angestellter oder selbständiger Unternehmer - die hoffentlich überwiegende Mehrheit der Bürger füllt eine Rolle aus, die zu Unrecht häufig diskreditiert wird, die vierte Dimension, die des Wirtschaftsbürgers, des Bourgeois. Dieser sorgt selbst für seinen Lebensunterhalt und ermöglicht mit seinen Steuern die staatlichen Gemeinwohlaufgaben.

Jedes Gemeinwesen braucht eine Amts- und Verkehrssprache, ohne dass diese im Singular auftreten müsste. Im Laufe der Generationen entwickeln seine Bürger Literatur, Musik und Kunst, auch Philosophie, Wissenschaft, Medizin und Technik, die von einer fünften, in sich facettenreichen Dimension getragen wurden. Pars pro toto kann man hier vom Kultur- und Bildungsbürger sprechen, der etwa als Lehrer und Hochschullehrer, als Forscher, Pfarrer und Journalist nicht nur in Deutschland über viele Generationen eine das Gemeinwesen prägende Rolle spielt.

Der kulturelle Gemeinsinn, der dabei gepflegt wird, praktiziert, ohne den Anspruch aussprechen zu müssen, eine intergenerationelle Gerechtigkeit. Er sucht nämlich das kulturelle Kapital den künftigen Generationen mindestens ebenso reich zu hinterlassen, wie er es ererbt hat. In Zeiten der Ökonomisierung sprechen für diese Leistung sogar ökonomische Gründe. Denn wohin ein Wissenschaftler eine Berufung annimmt oder wohin ein Konzern seine Europa-Zentrale stellt, hängt auch vom „Handelswert“ der Landessprache und von der kulturellen Infrastruktur des zuständigen Ortes ab. Letztlich kommt es dem kulturellen Gemeinsinn aber nicht auf pragmatische Vorteile, sondern auf den Eigenwert von Sprache und Kultur an.

Ein weiterer, jetzt politischer Gemeinsinn hat ein doppeltes sowohl innen- als auch außenpolitisches Gesicht. Im Inneren bemüht er sich um ein hohes Maß an bürgerschaftlichem Engagement, mit dem er sich gegen einen etatistisch verkürzten Politikbegriff wendet. Allerdings darf man es nicht mit dem gleichsetzen, was die größere Aufmerksamkeit auf sich zieht, mit bloßem Protest, gesteigert zum sogenannten „Wutbürger“. Zweifellos mag für manche die wöchentliche Demonstration ein Gottesdienstersatz sein, womit eine religiös pluralistische Gesellschaft keine Schwierigkeit hat. Bedenken tauchen aber dort auf, wo „Wutbürger“ ihrem Interesse an Medienpräsenz ein so kostbares politisches Gut wie die Rechtsstaatlichkeit und dessen strengen Gewaltverzicht opfern. Ohnehin nimmt der unvoreingenommene Blick das Bürgerengagement nicht nur in Bürgerinitiativen wahr. Zugleich widerspricht er einem liberalismuskritischen Kulturpessimismus, der die Bürger wohlhabender Demokratien zu egoistischen Monaden erklärt. In Wahrheit gehört namentlich für ausgeprägte Individuen die Mitwirkung in gemeinnützigen Vereinen, Verbänden und Selbsthilfegruppen, die ehrenamtliche Betreuung von Randgruppen und neuerdings von Flüchtlingen, kurz: ein soziales und politisches Engagement, zu ihrer Bürgeridentität wesentlich dazu.

Nach außen bemüht sich der politische Gemeinsinn um einen umsichtigen Ausgleich von Selbstwertgefühl und Fremdschätzung. Als ein aufgeklärter Patriotismus vermeidet er zwei Fehlformen. Weder lässt er sich auf ein nationalistisches Selbstlob ein, noch pflegt er eine Idiophobie, die aus Angst vor dem Xenophobievorwurf das Eigene nur zu missachten oder zu kritisieren versteht. Hier ist Klage zu führen: Selbst hochrangige Politiker, immerhin Repräsentanten ihres Volkes, haben so wenig öffentliche Selbstachtung, dass sie sich nicht einmal gegen Karikaturen in Naziuniform empören, und die Mehrheit der deutschen Presse schließt sich dieser ängstlichen Idiophobie bereitwillig an. Auch dass kirchlich geführte Krankenhäuser für muslimische Patienten die Kreuze aus den Krankenzimmern entfernen oder dass Kirchenfürsten zwar in Ornat auftreten, sich dann aber drängen lassen, ihre christlichen Zeichen abzulegen, zeugt nicht von gestandenem Selbstbewusstsein.

Ein zukunftsoffener Bürger begnügt sich nicht mit der traditionellen Rolle des nur auf das Gemeinwesen gerichteten Engagements. Schon wegen staatenübergreifender Gemeinsamkeiten wie Sprache, Religion und Berufstätigkeit, ferner wegen des vielfältigen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, politischen und kulturellen sowie sportlichen Austausches, weiterhin wegen des globalen Handlungsbedarfs bei der Verbrechensbekämpfung und dem Klimaschutz, nicht zuletzt wegen der universalistischen Rechts- und Staatsprinzipien erweitert er die Tätigkeit seines kulturellen und politischen Gemeinsinns auf überregionale, schließlich auf globale Aufgaben.

Bei der Sprache und der Literatur übersieht er nicht, dass trotz des Gedankens einer Weltliteratur die hier herrschende Konkurrenz weder möglich noch sinnvoll ist. Denn sie setzt Kreativitätskräfte frei. Man sollte ihr jedoch den Stachel der teils offensichtlichen, teils subtilen Gewaltbereitschaft ziehen. Zusätzlich darf man von anspruchsvolleren Bürgern erwarten, dass sie eine Fremdsprache sprechen und eine zweite verstehen. Denn mitlaufend lernen sie, was manches Plädoyer für das Englische als Weltsprache unterbewertet, für Zeiten der Globalisierung aber mehr als nur willkommen ist: Weit mehr als bloß ein Instrument der Zirkulation von Gütern, Dienstleistungen und Kapital, auch weit mehr als nur ein Mittel, um Informationen, Ansichten und Überzeugungen zu artikulieren, haben Sprachen in einem emphatischen Sinn des Wortes einen Bildungswert. Sie bieten nämlich den Einstieg in neue Denkwelten, lassen Andersartigkeit erfahren und helfen, den geistigen Reichtum Europas, dann auch der ganzen Welt mit ihrer Fülle von hochentwickelten Kultursprachen und Literaturen wahrzunehmen.

Nicht bloß den Jetset-Eliten obliegt die hier geforderte geographische Entgrenzung des kulturellen und des politischen Gemeinsinns. Ob als Tourist, Konsument oder Arbeitnehmer, ob als Zeitungsleser, an Kultur Interessierter oder als Student und Dozent, nicht zuletzt über eine multiethnische Schüler- und Arbeiterschaft sowie das elektronische Weltnetz (Internet) und das großstädtische Erscheinungsbild: So gut wie jeder Bürger erlebt schon heute fast täglich, was sich in unserer Zuwanderungs- und Einwanderungsgesellschaft noch verstärken wird: Er erfährt und praktiziert weit über die Wirtschaft hinaus globalisierte Lebensverhältnisse. Ihretwegen versteht er sich, ohne erneut das hier zuständige anspruchsvolle Wort vor sich herzutragen, als Weltbürger oder Kosmopolit.

Professor em. Dr. Otfried Höffe leitet die Forschungsstelle Politische Philosophie an der Universität Tübingen.

Professor em. Dr. Otfried Höffe leitet die Forschungsstelle Politische Philosophie an der Universität Tübingen.

Quelle: F.A.Z.
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